„Diese Milchpreise sind zum Davonlaufen“

Landwirte wehren sich gegen die Blockade der Landesagrarminister und löschen brennende Strohballentürme mit Milch

Rund 40000 Liter Milch ergossen sich gestern aus acht Fässern auf ein Feld und auf vier brennende Strohballen zwischen Leutenbach und Nellmersbach: Rund 50 Rems-Murr-Milchbauern schlossen sich so dem bundesweiten Protest gegen die Milchpreise an.

Da kann man nur noch den Strick nehmen: Unmissverständlicher Kommentar eines Landwirts aus dem Welzheimer Wald zur Politik der Landesagrarminister. Dem tierischen Ärger über die Milchpreise machten sich die Demonstranten auf unterschiedlichste Weise Luft.Fotos: E. Layher

Von Ingrid Knack

LEUTENBACH. „Die Bauern liegen so am Boden, das ist der letzte Hilfeschrei, den sie noch von sich geben können...“ „Wir wollen, dass die Kleinbauern erhalten bleiben, wir können mit den Preisen nicht existieren.“ „Wir haben junge Kätzle verkauft, um Geld zum Leben zu haben, unser Festgeld haben wir alles abgeräumt.“ Aussagen wie diese stammen von Bäuerinnen aus dem Rems-Murr-Kreis. Aus den Höfen ihrer Familien stammen die mehrere zehntausend Liter Milch, die am Montag um die Mittagszeit gleich neben der neu eröffneten B14 in einem Acker versickern.

Die Stimmung ist genauso im Keller wie die Milchpreise. Frust und Verzweiflung der Landwirte sind groß, manche scheinen nicht zu wissen, wie sie den Winter überleben sollen. „Das Problem geht erst recht im November los, wenn man Pacht zahlen muss“, klagt eine Bäuerin. „Ich schreie zu Gott, dass er uns hilft“, meint eine andere. Sie spricht zudem von einer Studie zur Welternährung, aus der ganz klar hervorgehe, „dass man die Kleinbauern braucht auf der ganzen Welt“. Eine dritte erinnert daran, dass vor etwa 25 Jahren ein Liter Diesel genauso viel gekostet habe wie ein Liter Milch. Umstehende beteiligen sich an dem Gespräch, führen die Preise von Bier, Sprudel oder Cola im Vergleich zu Milch mit all ihren lebenswichtigen Inhaltsstoffen an, am Ende resümiert eine Landwirtin: „Das passt nicht mehr zusammen.“ Eine Border-Collie-Hündin läuft mal hier-, mal dorthin, ihr Frauchen hat ihr ein „Kleid“ verpasst auf dem steht: „Diese Milchpreise sind zum Davonlaufen.“ Auf einem Schild ist zu lesen: „Landesbauernverband und Landespolitik ziehen an einem Strick gegen uns Bauern.“ Ein Mann hat einen Strick um den Hals gewickelt: Wenn’s so weiter geht, kann man sich nur noch erhängen, ist die unmissverständliche Botschaft.

Derweil werden die vier Strohballentürme entzündet, die acht Schlepper mit den am Morgen gefüllten Milchfässern nähern sich den Feuern, die wertvolle Milch ergießt sich auf das Feld und löscht schließlich die Flammen. Die Politiker und Behördenvertreter, die sich kurz zuvor einige hundert Meter weiter zur Freigabe der Ortsumgehung Winnenden eingefunden hatten, sind längst wieder weg, die Landwirte unter sich. Allein(gelassen), so wie sie sich auch in punkto Agrarpolitik fühlen.

„Wir wollen keine zusätzliche staatliche Förderung, sondern dass die Quote so behandelt wird, dass sich ein fairer Preis bildet am Markt“, sagt Martin Kugler, Kreisteamleiter des Bundesverbands Deutscher Milchviehhalter. Es gelte, die Milchmenge der Nachfrage anzupassen. „Die Quote ist EU-weit erhöht worden – über die Absatzmöglichkeiten hinaus. Dies hat zu einem enormen Preisdruck, zu einem Preisverfall geführt.“ Dass europaweit mehr Milch produziert wird als benötigt, habe für die Bauern fatale Folgen. Für einen Liter Milch bekomme man heute zwischen 22 und 24 Cent, die absolute Untergrenze ist aber aus Sicht der Landwirte 35, „besser 40 Cent“. Hätte jeder Bauer etwas weniger produziert, sähe die Situation laut Kugler besser aus. Aber: „Wenn ich die Spielregeln so setze, dass es der Markt nicht aufnehmen kann, ist das Problem vorprogrammiert.“ Der Kreisteamleiter weiter: „In Deutschland gibt’s ein spezielles Problem bei der Handhabung der Quote, die Salidierung. Das heißt, dass sich die Milchbauern nicht unbedingt an die betriebliche Quote halten müssen – in der Hoffnung, dass andere Milchbauern ihre Quote nicht erfüllen. Wir wollen, dass die Salidierung wegkommt.“ EU-Agrarkommissarin Mariann Fischer-Boehl habe am vergangenen Donnerstag zugesagt, „dass es von EU-Seite möglich wäre“. Auch Bundeslandwirtschaftsministerin Ilse Aigner habe sich dafür eingesetzt. Dann die Enttäuschung, als die Agrarminister der Länder bei der Konferenz im Kloster Helfta bei Eisleben (Sachsen-Anhalt) Ende vergangener Woche mehrheitlich abwinkten. Kugler: „Nur Bayern und Hessen haben sich der Forderung angeschlossen. Es macht uns so wütend, dass man eine europäische Möglichkeit nicht national ausschöpft.“

Der Zorn der Milchbauern richtet sich insbesondere auf Baden-Württembergs Agrarminister Peter Hauk. Er sei „massiv daran beteiligt, dass da nichts geht. Man kann’s jetzt nicht mehr auf die EU schieben“. Die Erklärung der Blockade-Minister, dass Deutschland innerhalb Europas Marktanteile verliert, wenn man anders verfährt, halten die Landwirte für Humbug: „Wenn es für zu viel Milch keinen Markt gibt, kann man keine Marktanteile verlieren.“