Pendler haben 110 Stunden mehr Freizeit pro Jahr

Neue B14 zwischen Winnenden und Nellmersbach wurde gestern für den Verkehr freigegeben - Ausbau bis Waldrems soll im Frühjahr 2010 beginnen

 

Endlich, die neue B14 zwischen Winnenden und Nellmersbach ist für den Verkehr freigegeben. Bei der feierlichen Eröffnung gestern wiesen die Redner auf die Bedeutung für die anliegenden Kommunen sowie für das nordöstliche Kreisgebiet hin. Berufspendler würden künftig erheblich Zeit einsparen.

Eröffnung stieß auf ein gewaltiges Interesse: Hunderte von schaulustigen Bürgern, davon viele Radfahrer, verfolgten am Vormittag die feierliche Verkehrsfreigabe am Westportal des Tunnels.

WINNENDEN. Preisfrage: Wie viele Politiker braucht man, um sechs Tage vor einer Bundestagswahl feierlich und medienwirksam ein Band zu durchschneiden? Gestern Vormittag jedenfalls waren’s 13. Eine Glückszahl? Das wird sich noch herausstellen. Fast alle Festredner jedenfalls wiesen dankbar darauf hin, dass es während des Baus der neuen B14, insbesondere des Tunnels, keine ernsthaften Unfälle gegeben hatte.

Die Verkehrsfreigabe des neuen B14-Abschnitts bezeichnete Landrat Johannes Fuchs als einen denkwürdigen Tag für Winnenden und Leutenbach, aber zugleich auch als „historischen Meilenstein für unseren Landkreis“. Der Tunnel befreie nicht nur die Raumschaft vom Dauerstau, sondern bringe Rems und Murr näher zusammen. Von dieser neuen verkehrstechnischen Hauptschlagader würden Mensch und Natur profitieren. Und Fuchs begann vorzurechnen: „Braucht ein Berufspendler bisher in der Rushhour 20 bis 25 Minuten durch Winnenden, erhält er durch die neue Tangentiale eine Zeitgutschrift von 15 Minuten, welch ein Traum alles in allem 110 Stunden mehr Freizeit im Jahr.“

Der Landrat sieht noch einen Vorteil: Der flüssigere Verkehr würde 15 bis 20 Prozent CO2 einsparen, mehrere 10000 Tonnen pro Jahr. Fuchs wünscht sich jetzt, „dass auch bald der Engpass in Waldrems beseitigt wird (...) und dass auch der Weiterbau bis nach Backnang und die Planfeststellung bei Oppenweiler nicht in all zu große Ferne rückt“.

Zuvor hatte Regierungspräsident Johannes Schmalzl auf die Bedeutung des 100-Millionen-Euro-Projekts für die Region hingewiesen. Eines der wichtigsten, größten und technisch anspruchsvollsten Straßenbauprojekte im Regierungsbezirk Stuttgart sei zu einem guten und erfolgreichen Ende gekommen. Jetzt gelte es, den nächsten Abschnitt Richtung Backnang nach Waldrems zu bauen, der „dringend notwendig“ sei. Derzeit laufe die Ausschreibungsphase, im Frühjahr 2010 könne wohl mit dem Bau begonnen werden. Schmalzl schloss seine Begrüßungsrede mit den Worten: „Lassen Sie sich nicht durch die Medienberichterstattung beeindrucken. Der Tunnel ist sicher und haltbar.“ Der Regierungspräsident hatte damit auf einen Bericht in der Stuttgarter Zeitung vom Samstag reagiert, in dem es hieß, dass es beim Bau des Tunnels durch den Betonlieferanten Unregelmäßigkeiten gegeben hätte.

Auch Karin Roth, Parlamentarische Staatssekretärin beim Bundesverkehrsministerium, war auf diesen Zeitungsbericht kurz eingegangen. „Sie müssen keine Angst haben, dass der tunnel einstürzt. Wir haben Gutachten, das die Qualität, Festigkeit und Dauerhaftigkeit des Betons bestätigt.“ Roth nannte das Straßenbauwerk „ein wunderbares und spannendes Projekt“. Sie fahre öfters durch Winnenden. „Ich weiß, was es heißt, 30000 Fahrzeuge pro Tag und in Zukunft 40000 oder womöglich 50000 ertragen zu müssen, den Lärm und die Abgase ertragen zu müssen“. Sie wisse deshalb, wie wichtig die Ortsumfahrung ist. „Das ist Lebensqualität plus plus.“ Mit dem Verkehrsprojekt verbunden sei auch der Aspekt, Arbeitsplätze in die Region zu bringen und auch zu halten. Ohne die Mautmehreinnahmen könnte der Bund solche Projekte nicht realisieren.

Auch Verkehrsstaatssekretär Rudolf Köberle wies in seiner Rede darauf hin, dass die neue B14 bessere Lebensqualität und Verkehrssicherheit bringt.

Klar, dass sich auch Winnendens Oberbürgermeister Bernhard Fritz mächtig freute. Denn seine Bürger könnten jetzt wieder lernen, nachts ruhiger zu schlafen. Und an Backnangs OB gerichtet sagte Fritz: „Jetzt liegt’s an Dir, Frank Nopper, die nächsten Kilometer bis Backnang zu pushen.“

Bei aller Freude, die er in diesem Moment verspüre, sehe er doch auch Wolken am Himmel, sagte Leutenbachs Bürgermeister Jürgen Kiesl. Er frage sich, was der dreispurige Ausbau des Autobahnzubringers mit sich bringe und ob die Pkw-Maut komme. Auf keinen Fall dürfe der vierspurige Ausbau Teil einer Autobahnachse Hamburg Mailand werden.

Nach einem Musikstück, gespielt vom Saxofon-Quartett von der Stadtjugendmusik- und Kunstschule Winnenden, wurde der Tunnel von den beiden Pfarrern Eberhard Feucht, Leutenbach, und Gerald Warmuth, Leutenbach und Winnenden, gesegnet.

Dann endlich war das Tunnelbauwerk für den Verkehr freigegeben. Zunächst allerdings nur für etliche Oldtimer, in denen die Prominenten und Lokalpolitiker Platz genommen hatten. Anschließend radelten einige Hundert Fahrradfahrer in den Untergrund hinein. Ab etwa 16 Uhr war dann die neu gebaute Bundesstraße für den „normalen“ Verkehr freigegeben.