Er hat nur sechs Monate Zeit, um Arbeit zu finden

Das Schicksal der Krasnicis hängt an einem seidenen Faden – Eine schwere Hürde trennt die Familie vom glücklichen Ausgang

Valjdet Krasnici sucht Arbeit. Sechs Monate hat er dafür Zeit. Ob seine Aufenthaltserlaubnis verlängert wird und er bei Frau und Kindern in Burgstall bleiben kann oder nicht, hängt davon ab, ob er einen Arbeitgeber findet. Allerdings ist das nicht so einfach. Bürokratische Hürden liegen dazwischen.

Immer wieder wurde der Ehemann und Vater von der Familie getrennt: Valjdet Krasnici mit seiner Frau und seinen Kindern. Wenn er keine Arbeit findet, droht wieder die Abschiebung.Foto: E. Layher

Von Ingrid Knack

BURGSTETTEN. Es ist ein ganz normaler (regnerischer) Ferientag. Der 6-jährige Samir und der 5-jährige Samuel spielen in der Wohnung, Mutter Bajramsha (32) stellt Getränke auf den Tisch. Besuch hat sich angesagt. Deshalb kommen auch Vater Valjdet (35) und sein Ältester, der 9-jährige Enis, früher nach Hause. Die Erledigungen können warten. Nicht warten soll aber der Besuch. Denn diesmal handelt es sich um einen freundlichen Herrn und keine Menschen, die die Familie mehr oder weniger gewaltsam auseinanderreißen. Der freundliche Herr heißt Günther Flößer und setzt sich ehrenamtlich für in Not geratene Menschen ein. Er hat als Mitglied des Arbeitskreises Asyl Backnang schon viele Familien begleitet, die von Abschiebung bedroht sind, in ihrem Herkunftsland aber keine Zukunft sehen. Dort fürchten sie zum Beispiel Blutrache oder Diskriminierungen aufgrund ihrer ethnischen Herkunft. Familie Krasnici geht es nicht anders. Was Valjdet und seine Frau, die aus dem Kosovo kommen, in den Jahren seit ihrer Einreise nach Deutschland 1992 durchgemacht haben, wäre genug Stoff für ein Drehbuch. Auffälliger Beweis dafür ist der Aktenordner, den Flößer mitschleppt. Briefe hin, Schreiben und Vorab-Faxe her: Das Schicksal der Familie wird auf dem Behördenweg verhandelt. Im Mai wandte sich der Arbeitskreis Asyl zum Beispiel an den einstigen Bundespostminister Dr. Christian Schwarz-Schilling, der vor einiger Zeit auch Hoher Repräsentant und Sonderbeauftragter der Europäischen Union für Bosnien-Herzegowina war. Dieser übergab der Innenministerkonferenz im Mai einen Appell gegen die Abschiebung von Roma in den Kosovo und legte den Fall Krasnici dem baden-württembergischen Innenminister Heribert Rech vor.

Bis dahin hatte die Roma-Familie schon schier Unmenschliches erlebt. 2003 wurde Valjdet Krasnici ohne seine Familie nach Belgrad abgeschoben. Beim Versuch, Serbien über Ungarn zu verlassen, wurde er verhaftet und war einen Monat lang in einem serbischen Gefängnis. 2004 reiste er illegal nach Frankreich ein und stellte dort einen Asylantrag. Seine Frau, die er 2002 in Waiblingen standesamtlich geheiratet hatte und die nicht in den Kosovo abgeschoben werden darf, kam mit ihren Kindern nach Metz. Auch sie stellten einen Asylantrag. Nach drei Monaten wurden sie von französischen Behörden ohne das Familienoberhaupt nach Waiblingen zurückgeschickt. Valjdet Krasnici brach abermals nach Deutschland auf – illegal. Wieder bei der Familie, wurde er von einem Nachbarn verpfiffen. 38 Tage verbrachte er daraufhin in der Justizvollzugsanstalt Mannheim in Abschiebehaft. Danach ging’s zurück nach Frankreich.

Aber auch die Franzosen wollten ihn nicht und schoben ihn in den Kosovo ab. An dem Tag, an dem er dort eintraf, wurde er von der Unmik, der Mission der Vereinten Nationen zur Übergangsverwaltung des Kosovo, gleich wieder nach Frankreich zurückgeschickt. Weitere Stationen der Odyssee: Asylantrag in Frankreich abgelehnt. Reise nach Luxemburg. Asylantrag in Luxemburg abgelehnt. Abschiebung nach Frankreich. Dort lebte Krasnici den Winter über als Obdachloser auf der Straße. Im März 2007 reiste er nach vielen Schikanen freiwillig über den Kosovo nach Montenegro aus. Von dort aus versuchte er, in Deutschland Arbeit zu finden – über seinen dort lebenden Bruder – und legal in die Bundesrepublik zurückzukommen. Obwohl er zwei Arbeitsplatz-Angebote hatte, wurde der Visumantrag für Ehegattennachzug abgelehnt. Ende 2008 lief seine Sperrfrist wegen illegaler Einreise von Frankreich nach Deutschland ab, obendrein hatte sein Bruder über 5000 Euro ans Regierungspräsidium bezahlt. Für Abschiebekosten. Übrigens musste Krasnici für seinen Gefängnisaufenthalt in Mannheim 70 Euro pro Tag berappen. Seine Familie ist derweil auf Hartz IV angewiesen.

Im Januar 2009 kam Valjdet Krasnici aus Montenegro als Besucher „visumsfrei“ nach Deutschland und meldete sich bei der Ausländerbehörde in Backnang. Es folgten Duldung und Arbeitsverbot. Im Mai machte der Arbeitskreis Asyl eine Eingabe bei der Härtefallkommission für Valjdet Krasnici.

Einiges schien indes aus dem Ruder zu laufen. Flößer zeigt Briefe, in denen die Behörden sich widersprechen. Doch letztlich fuhr der Zug in die richtige Richtung. Zumindest kann die Familie Krasnici jetzt hoffen, dass der Ernährer der Familie, der schon mal als Fahrzeugpfleger arbeitete, eine Chance bekommt und nicht alles wieder von vorne losgeht. Aber da ist die Sache mit der Vorrangprüfung, wie Günther Flößer erklärt. Nur mit Erlaubnis der Ausländerbehörde darf Krasnici eine Arbeit annehmen. Flößer: „Es wird geprüft, ob sich Deutsche oder EU-Ausländer auch beworben haben. Dann hat er Pech gehabt.“