Farbe der menschlichen Haut

Zur Ausstellung „Schwäbischer Impressionismus“, die am Sonntag eröffnet wird (2)

Im zweiten Teil seiner Einführung zur Sonderausstellung „Schwäbischer Impressionismus im Umfeld von Heinrich von Zügel“ geht Professor Ingobert Schmid auf Subjets und besondere Techniken der Maler Christian Landenberger, Otto Reiniger sowie Hermann Pleuer ein. Einige ihrer Bilder und teils die ihrer Schüler und Verehrer sind in der Murrhardter Ausstellung zu sehen.

Christian Landenberger: „Badender Knabe“. Foto: privat

Von Professor Ingobert Schmid

MURRHARDT. Christian Landenberger (1862-1927) aus Ebingen war nach dem Studium an der Stuttgarter Kunstschule nach München gezogen und wurde 1905, nachdem er auf der Internationalen Kunstausstellung in München mit einer Goldmedaille ausgezeichnet worden war, als Professor an die Akademie in Stuttgart berufen. Er besaß am Ammersee in Dießen ein Feriendomizil, wo er allsommerlich Malkurse für Damen abhielt, die er aber diskreterweise nicht als eigene Modelle gewählt hat. Vielmehr haben ihn die „Badenden Buben“ fasziniert. Hierbei sah er insbesondere in der Schwierigkeit der farblichen Behandlung der menschlichen Haut im Schatten oder im Licht der Sonne und bei Reflexen des Wassers eine Herausforderung. Ohne weiteres können Landenbergers badende Buben neben Liebermanns Gemälden mit gleichem Sujet vollwertig bestehen. Auch in Murrhardt stellt eines der fünf ausgestellten Landenberger Bilder einen „Badenden Buben“ dar.

Als Arbeit eines Landenberger Schülers ist das Bild „sich entkleidender Knabe“ von Heimo Schöllkopf mit sehr temperamentvoll gemalten Pinselstrichen besonders betrachtenswert.

Der führende Landschaftsmaler unter den schwäbischen Impressionisten ist Otto Reiniger (1863-1909), der in Murrhardt mit mehreren Ölstudien präsent ist. Schon bei seinem frühen Auftreten in München war er als einer der Fortschrittlichen aufgefallen. Bei Studien am „Feuerbach“, seinem zu Anfang der 90er-Jahre bevorzugten Thema, entwickelt Reiniger seinen Malstil mit lebhaftem Duktus und einem gedämpften Kolorit ganz eigener Prägung. Durch äußerst feine Abstufung der Töne und einer mit borstigem Pinsel erzeugten rauen Oberflächenstruktur erzielt er äußerst reizvolle Wirkungen. Die Klangfarbe seiner Palette – gleichsam das Timbre seiner Stimme – macht Reiniger unverwechselbar. Unbestritten war Reiniger der unübertroffene Meister der Wiedergabe des strömenden Wassers. Um die Jahrhundertwende kündigte sich in Reinigers Schaffen ein Wandel an, wohl angeregt durch seine Begegnung mit Bildern französischer Impressionisten, die in Stuttgart erstmalig 1901 im Württembergischen Kunstverein und dann 1904 im Museum für Bildende Kunst (heute Staatsgalerie) ausgestellt waren. Nachdem bis dahin Reiniger den Typus des Nahbildes bevorzugt hatte, wird jetzt der Blick geweitet und die dumpfe Klangfarbe durch hellere Leuchtkraft der Farbe abgelöst. Ein eindrucksvolles Beispiel hierfür gibt die Studie „Neckar bei Hofen“.

Zu den zahlreichen Bewunderern Reinigers gehörte der Maler Hans Molfenter (1884-1979), der Reiniger für den Maler mit dem höchsten Naturgefühl hielt. Von Molfenter ist in der Ausstellung unter anderem das beeindruckende Bild „Truthahn, Geflügelhof am Tachensee“ zu sehen, das er anlässlich eines mehrtägigen Besuchs auf Reinigers Landgut vor den Toren von Stuttgart gemalt hat.

Obwohl Otto Reiniger, dem 1900 der Professorentitel verliehen worden war, kein Lehramt innehatte, war er für eine ganze Generation von schwäbischen Landschaftsmalern richtungsweisend, so beispielsweise für die in der Murrhardter Ausstellung vertretenen Karl Schickhardt (1866-1933) und Erwin Starker (1872-1938). Besonders überrascht, dass sich auch unter den Frühwerken der jungen Akademieschülerin Maria Caspar-Filser und sogar solchen von Willi Baumeister Bilder „in der Art von Otto Reiniger“ finden.

Hermann Pleuer (1863-1911) hatte mit realistischen Genre- und Figurenbildern etwa im Sinne eines modernen Leibl schon Erstklassiges geleistet, bevor er unter dem Einfluss seines gleichaltrigen Freundes Reiniger zur Freilichtmalerei kam. Aus heutiger Sicht gilt Pleuer mit seinen großartigen Eisenbahn-Bildern als der Interessanteste der schwäbischen Impressionisten. Otto Fischer hatte dazu schon 1925 angemerkt, dass die Besten dieser Bilder zum „Echtesten und Stärksten gehören, was der Impressionismus bei uns geschaffen hat“. In der Ausstellung sind von Pleuer drei beeindruckende Eisenbahn-Bilder, ferner ein Selbstbildnis nebst zwei weiteren Gemälden zu sehen.