Aktuelle Thematik, schwarzer Humor

Amüsante Lesung mit Heinrich Steinfest im Awo-Keller – Im Krimi „Wo die Löwen weinen“ dreht sich alles um Stuttgart 21

Drei grundverschiedene Männer und ein Hund sind die Hauptpersonen im neuen Kriminalroman von Heinrich Steinfest, in dem sich alles um das umstrittene Großprojekt Stuttgart 21 dreht. In einer amüsanten Lesung brachte der Autor sein Buch „Wo die Löwen weinen“ nun im Backnanger Awo-Keller vielen Interessierten näher. Eingeladen dazu hatte die Buchhandlung Osiander.

Führt den Leser mit seinem neuen Krimi mitten hinein in den Stuttgart-21-Sumpf: Heinrich Steinfest.Foto: E. Layher

Von Mathias Klink

BACKNANG. Heinrich Riethmüller freute sich, mit Steinfest einen der bekanntesten Krimiautoren in Backnang begrüßen zu können. Allein durch das als fast schon typisch einzustufende Zitat, wonach Schriftsteller außer Politikern die besten Lügner seien, führte der Geschäftsführer der Buchhandlung Osiander das Publikum in dem vollbesetzten Gewölbekeller der Awo schon ein ganzes Stück an die Arbeit des mehrfach ausgezeichneten Autors heran.

Mit dem Thema S21 ist Steinfests neues Werk „Wo die Löwen weinen“ mitten im süddeutschen Raum verwurzelt. Und tatsächlich outete sich der in Australien gebürtige Wiener gleich zu Anfang des Abends als überzeugter (Wahl-)Stuttgarter. Folgerichtig setzte Steinfest an den Beginn seiner Lesung eine Passage aus dem in Stuttgart-Botnang spielenden Roman „Gewitter über Pluto“. Die darin geäußerten unglaublichen Behauptungen eines Porno-Regisseurs und dessen Gedankengänge über Moderne und Postmoderne hätten dann in den Stil des Schriftstellers auch kaum trefflicher einführen können. Mit trockenem, teils rabenschwarzem Humor, intelligentem Sprachwitz, subtiler Wortwahl und feinfühlig gesetzten Akzenten besticht der Autor seine Leser immer wieder aufs Neue. Nie wird Steinfest plump, brutal oder einfach ordinär; bei allen Überzeichnungen, Übertreibungen oder teils ausschweifender Fantasie bleibt er stets auf literarisch hohem Niveau. Und hinter allem meint man, die Wiener Lebensart spüren zu können. Stuttgart zwar als „Paralleluniversum-Roman“ bezeichnend, beschreibt er Oberbürgermeister und Ministerpräsident doch seltsam treffend. Letzterer etwa als „Dorische Säule, in der ein Unglück geschehen ist“. Frei erfunden und dennoch wahr, existiere die Stadt überall, so Steinfest. In seinem Versuch, sich über den Umweg der Fantasie dem Thema wieder anzunähern, zeichnete er Stuttgart teils hyperrealistisch und gleichzeitig als im Nebel versteckt. Als tragendes Element seines Krimis stellte er in der Lesung zunächst den Hund vor.

Er ist kein Freund großer Bewegungen und komischen Aussehens, Steinfest verstand es prächtig, anhand der Beschreibung des Tiers im Buch seine eigene Verachtung mancher Städte mühelos zum Ausdruck zu bringen. „S 21“ mit einem billig-reißerischen Filmtitel des 20. Jahrhunderts oder einem Zahnpasta-Werbeslogan wie „Strahler 70“ vergleichend, analysierte der Autor die darin zum Ausdruck gekommene Gigantomanie aus gewollter Verschwendung als Bestandteil moderner Wirtschaft und Politik. Verschwendung sei hier „nackt und echt“, so Steinfest, und deshalb schon fast ein Kunstwerk zu nennen. Toll ebenfalls Steinfests Orts- und Typenbeschreibungen. Etwa die der Figur des Archäologen, welcher als Österreicher „wie immer“ Leben und Tod gleichzeitig symbolisiere. Köstlich genauso die Liebesszene dieses Finders einer antiken rätselhaften Apparatur im Schlossgarten mit der auf ihn angesetzten schön-gefährlichen Aufpasserin. Doch auch der aus seiner Strafversetzung von München nach Stuttgart zurückgekehrte Ermittler Rosenblüt oder der zum Attentäter gewordene Durchschnittsbürger machten in Steinfests Lesung Appetit auf einen Krimi, der den Leser mitten hinein in den Stuttgart-21- Sumpf führt. Ein engagiertes Buch über das Vorhaben, „eine Stadt zu ermorden“, wie sich Steinfest ausdrückte, welcher selbst zur Stimme der Bürgerbewegung gegen das Bahnprojekt geworden ist.