Ein Mann der allerersten Garde

Jack Bruce und sein starker Auftritt beim Zeltspektakel – Im Vorprogramm begeisterte die Steve-Lukather-Band
Bass-Pionier, Jazz-Virtuose, Ehrendoktor der Musik und Literatur: Jack Bruce.

WINTERBACH (mr). Er wisse nicht, was er spielen werde, sagte er vorher. Und ob er Klavier spielen würde. Und wir wussten nicht, ob Jack Bruce, der legendäre Bassist, beim einzigen Deutschland-Konzert gesundheitlich überhaupt in der Lage wäre zu spielen. Und dann hat er gespielt, und auch Klavier, und so kraftvoll, dass es viele der 1300 Augenzeugen beim Zeltspektakel in Winterbach immer noch nicht glauben können.

Ein Triumph, zwei Lehrstunden in Improvisation und Willenskraft. Und die Ehrenrettung des Rock ausgerechnet von einem alten Mann jener Art, wie sie sonst bei Oldie Nights den letzten Respekt vor dem Rock ’n’ Roll zu verspielen sich anmaßen. Dies vorweg.

Aber hier geht es um Jack Bruce, der viel zu kultiviert wäre, um anmaßend zu sein. Ein Mann der allerersten Garde, Bass-Pionier, Jazz-Virtuose, Ehrendoktor der Musik und Literatur, legendärer Clapton-Partner bei Cream und deren Songschreiber, Sänger und „musical direktor“, als klassisch ausgebildetes Multitalent. Herz und Kopf der ersten sogenannten Supergruppe, auch wenn wir ihn damals als „den Bassisten“ beinahe ins Abseits gestellt hätten. In Winterbach durchläuft seine Big Blues Band, sieben relativ junge Musiker um den Elite-Gitarristen Tony Remy und Keyboarder Paddy Millner, eine Aufwärm-Strecke mit traditionellem Big-Band-Blues, fetten Bläsern und federnden Grooves, denen Rockanteile noch weitgehend fehlen. Dann erscheint, endlich, der Star. Hockt plötzlich einfach da inmitten seiner Band und scheint sich am E-Piano zu verstecken. Bis geradezu durchdringend kräftiger Gesang, ein kunstvolles Brüllen und Bellen von Beginn an, von Selbstbewusstsein zeugt – und von scheinbar bester Gesundheit. Dabei hatten ihn viele mittags noch eher siech übers Gelände humpeln sehen, einen Mann mit Leih-Leber, der dem Tod mehrmals von der Schippe sprang.

Und dann diese vor Leben und Geist strotzende Performance! Mit „Theme for an imaginery western“ geht es los, ein positiver Schock wegen Bruces so überraschend vitaler Gesangsstimme mit viel Vibrato, das bis in alle Ecken des Zelts trägt. Sein altes Lieblingsstück erinnert mit ihm am Klavier, also zwei Keyboardern, an Procul Harum: großer Melodic Rock. Bis Bruce in die Bühnenmitte humpelt, sich den E-Bass umhängt, der an seinem kleinen Körper riesig wirkt, und zu energisch mit den Fingern rausgeklopften, schiebenden und messerscharfen Basslinien den ersten von vielen ruppigen Bluesrock-Songs bellt, röhrt, beißt. Meist grinsend und gut drauf, oft ironisch, bisweilen bissig, vor allem wenn es in den Texten um die ewigen Themen geht. „Draper, stay away from my door“, bellt Bruce, der Leinweber mit seinem Leichenkleid möge sich zum Teufel scheren. In seinem grauen Anzug, dem Schlips und der gegelten Kurzhaar-Frisur erinnert er an Dennis Hopper in „Blue Velvet“, ein durchaus auch mal böser kleiner Mann, der womöglich ab und an unterm Sauerstoffzelt verschwindet. Und als er in „Born under a bad sign“ sein „bad luck“ beklagt, in einer Art Stotter-Mantra als improvisiertes Voodoo-Ritual, schreit er „fuck it!“, stampft grimmig mit dem Fuß, einer, mit dem nicht immer gut Kirschen essen ist.

Ein Höhepunkt: „We’re going wrong“, sein altes Cream-Stück, wie in Zeitlupe mit geisterhaftem Fade Out und klangversessener Gitarre, wie sie auch Clapton nicht intensiver spielte. Bruce hat es noch intensiver gesungen als in den alten Tagen. Und in „Spoonful“ hat er die letzte Silbe noch nie so anti-fatalistisch gefaucht wie jetzt bei seinem grandiosen Comeback in Winterbach.

Zur Zugabe kommt Gitarrist Steve Lukather (ex-Toto), der mit seiner Band im Vorprogramm starken, bejubelten Riff-Rock bot, auf die Bühne, geht erst mal vor Jack Bruce auf die Knie und zeigt sich fortan als Schüler, als Knappe des großen Improvisators. Beim Solo in „Politician“ greifen beide einen frischen Riff auf. Bis Bruce den Jüngeren während eines etwas ausufernden Solos stört, sich neben ihn stellt, ihn schubst. Und dann irgendwann wieder zum Riff zurückkehrt, um zu zeigen: Jetzt ist Schluss! Was weder Lukather schadet, der sichtlich stolz mit einem seiner Heroen jammen darf, noch dem Winterbacher Publikum, das knackigen, kompakten Bluesrock zu hören kriegt.