Deutsch-Schüler bedauern Zwangspause

Das Sprachkursangebot für Asylbewerber wird wegen fehlender Finanzierung vorerst eingestellt – Spenden sind aufgebraucht

Die Ferien in Baden-Württemberg sind vorbei. Bücher, Vokabelhefte und Grammatiken lagen wochenlang unberührt in den Schreibtischen. Alle Schüler haben die freie Zeit genossen. Alle Schüler? Nein! Eine kleine, international besetzte Klasse in Backnang bedauerte die Zwangspause aufs Heftigste.

Sehr praxisbezogen: Der Unterricht ist auf Alltagsthemen ausgerichtet und trägt innerhalb kürzester Zeit Früchte.Foto: Imago

BACKNANG (pm). Die Schüler stammen aus Sri Lanka, Somalia, Pakistan, Afghanistan, Kamerun, dem Irak und dem Iran. Sie haben seit Jahresbeginn gemeinsam im Asylbewerberheim die Schulbank gedrückt, um Deutsch zu lernen.

Der Backnanger Arbeitskreis Asyl (AK Asyl), der zu Jahresbeginn 5000 Euro Spendengelder aus der Aktion „BKZ-Leser helfen“ erhalten hatte, brachte die Angelegenheit ins Rollen, engagierte eine Lehrerin und sorgte für Unterrichts- und Schreibmaterial. „Gut angelegtes Geld“, wie alle Beteiligten schon heute einmütig bestätigen. Der Kurs war innerhalb kürzester Zeit ausgebucht. Neben dem Wunsch, so rasch wie möglich die Sprache ihres Asyllandes zu verstehen und zu sprechen, steht für viele Teilnehmer fast ebenso wichtig das Anliegen, ihrem monotonen und oft sorgenbeladenen Alltag wenigstens für ein paar Stunden zu entfliehen, erläutert eine ehrenamtliche Mitarbeiterin vom AK Asyl.

In dem winzigen Gemeinschaftsraum des Asylbewerberheimes in der Hohenheimer Straße, der zweimal pro Woche zu einem Klassenzimmer umfunktioniert wurde, büffelten sie gemeinsam: Muslime, Christen und Hindus. Schüler im Alter zwischen 17 und 50 Jahren. Männer und Frauen. Einige nur ihrer Muttersprache, andere daneben zumindest auch ein wenig des Englischen mächtig. „Es ist ein großartiges Lernklima“, berichtet Lehrerin Mareile Blank-Geisbühl. „Jeder hilft dem anderen. Und wer Arabisch spricht, übersetzt denjenigen, die mit Englisch oder Deutsch nicht weiterkommen.“ Der Unterricht ist ganz praktisch auf Alltagsthemen ausgerichtet: Einkaufen, Arztbesuche, Behördengänge, nach dem Weg fragen. Doch oft genug kommt es vor, dass sie ihre Unterrichtsplanung schon nach kurzer Zeit beiseitelegt, um drängende aktuelle Fragen der Kursteilnehmer zu beantworten, berichtet die Lehrerin. „Und die gehen natürlich immer vor.“ Dabei handelt es sich beileibe nicht immer nur um deutsche Grammatik. „Wir haben über die baden-württembergischen Landtagswahlen gesprochen, über die Fernseh- und Medienlandschaft, über Religion oder über Punks.“ Die deutsche Wirklichkeit ist nicht immer einfach zu erklären.

Die ersten Früchte ihres Fleißes ernteten die Schüler schon bald. Zum Beispiel beim internationalen Frauenfrühstück, bei dem sie in kleinen Vorträgen ihre Heimat vorstellten. Oder bei der Anhörung im Asylverfahren, bei der ein Pakistani die Fragen des Vorsitzenden beharrlich auf Deutsch beantwortet hat. Und das, obwohl ein Dolmetscher anwesend war, berichtet der Familienvater voller Stolz. Und eine junge Afghanin verfasste eine wunderbare Metapher über die Wanderung zwischen den Welten – schon nach wenigen Monaten Unterricht und ausgerüstet nur mit einem abgegriffenen, alten Wörterbuch. „Sie bat mich, den Text zu verbessern. Aber er war so schön geschrieben, dass ich es nicht übers Herz gebracht habe, darin herumzustreichen. Ich habe ihn für sie abgeschrieben und dabei ganz behutsam korrigiert“, erzählt ihre Lehrerin. „Viel musste ich nicht ändern.“

Doch nun ist vorerst Schluss mit dem Unterricht. Die Mittel aus der Aktion „BKZ-Leser helfen“, die der AK Asyl für den Deutschkurs eingeplant hat, sind aufgebraucht. „Wir haben noch andere wichtige Aufgaben“, stellte der AK Asyl fest, der das Angebot nur zu gerne fortführen würde. Aber der andere Teil des Budgets ist unter anderem für die Übernahme von Anwaltskosten eingeplant.

Die Kursteilnehmer ahnen noch nichts vom nahenden Ende des „Projekts Deutsch“. Sie hoffen, dass sie nach den Ferien bald weiter Deutsch lernen können.