Wohngebiet erzeugt Energie komplett selbst

Backnanger Unternehmen koordiniert Aktivitäten in Wüstenrot

Ein Wohngebiet, das keine Energie von außen benötigt, sondern Wärme und Strom selbst produziert, und zwar so viel, dass noch etwas übrig bleibt, das entsteht derzeit in Wüstenrot. Das Backnanger Unternehmen „Die Erneuerbaren“ koordiniert sämtliche Aktivitäten in der Energie-Plus-Siedlung.

BACKNANG/WÜSTENROT (flo). Im Baugebiet „Vordere Viehweide“ der direkt an der Rems-Murr-Kreis-Grenze liegenden Gemeinde Wüstenrot (6700 Einwohner) sollen einmal 27 Wohngebäude in KfW-Effizienzstandard 70 beziehungsweise 55 stehen, die mit Strom und Wärme versorgt werden, die komplett im Baugebiet selbst erzeugt wird. In der energieautarken Siedlung wird sogar ein Energieüberschuss produziert, der in das örtliche Stromnetz eingespeist wird oder als Wärme oder Kühlung von den benachbarten Altgebäuden genutzt werden kann. In dem bundesweit bislang einmaligen Projekt kommen ein kaltes Nahwärmenetz und eine großflächige Agrothermie zum Einsatz.

Mitinitiator und Koordinator des Projekts ist das Backnanger Unternehmen Die Erneuerbaren. „Mit dem Büro sind wir sehr zufrieden“, sagte gestern der Energiebeauftragte der Gemeinde Wüstenrot, Thomas Löffelhardt vom Bauamt, auf Anfrage unserer Zeitung. Für das Backnanger Kompetenznetzwerk selbst ist’s eine Premiere: „Mit dem Energie-Plus-Baugebiet haben wir im Neubaugebiet Vordere Viehweide 2 Neuland betreten“, sagt Felix Drab, Geschäftsführer bei Die Erneuerbaren. Die Stromversorgung erfolge über Fotovoltaikanlagen unter Einbeziehung von Stromspeichern und einem Lastmanagement. Darüber hinaus werde der Heizbedarf des Wohngebiets mit einem sogenannten kalten Nahwärmenetz und dezentralen Wärmepumpen gedeckt. „Ausgangslage war, dass die Gemeinde Wüstenrot ein Problem hatte, das viele Kommunen in Deutschland haben: Ausgewiesene Neubaugebiete sind insbesondere aus Kostengründen nicht attraktiv für junge Familien und liegen seit Jahren brach“, sagt Drab. Und der Geschäftsführer erklärt weiter: „Hier setzten wir an und erstellten zusammen mit unseren Partnern und den Verantwortlichen der Gemeinde Wüstenrot die innovative Technik – Fotovoltaik, Wärmepumpen, Akkuspeicher, Agrothermie werden intelligent gesteuert –, die bislang weltweit einzigartig ist.“

Die Forschungsgruppe Jülich (Projektträger für mehrere Bundesministerien) hat der Gemeinde Wüstenrot für das komplette kommunale Gebiet Fördermittel für den Bereich Forschung, Wissen-schaft und Baumaßnahmen in Aussicht gestellt. Wissenschaftlich begleitet wird das Projekt zudem von der Hochschule für Technik in Stuttgart und der Technischen Universität Dresden.

„Das Vorhaben ist mit der Erschließung gekoppelt“, sagt Löffelhardt. „Die Firma Lukas Gläser aus Aspach hat die Erschließungsarbeiten jetzt abgeschlossen. In der kommenden Woche erfolgt die Abnahme.“ Der nächste Schritt wird nun die Agrothermie sein. Das ist Heizen und Kühlen mit Umweltwärme (System Doppelacker). Beim Doppelackersystem handelt es sich im Wesentlichen um Flächenabsorber, das sind in der Regel Kunststoffschläuche, die horizontal ins Erdreich in etwa zwei Meter Tiefe eingebracht werden. In Verbindung mit einem kalten Nahwärmenetz wird die Energieversorgung für die Häuser zur Verfügung gestellt. Die Vorteile: Schläuche sind einfach zu verlegen, kein Flächenverbrauch und im Niedrigtemperaturangebot zum Heizen und Kühlen geeignet.