Biomasseanlage auf Rombold-Areal

Werk würde so viel Strom erzeugen, wie in der Gemeinde verbraucht wird – Überlegungen im Gemeinderat vorgestellt

Ein wahres Wunderwerk ist die Anlage, die womöglich auf dem Rombold-Areal gebaut wird. Die Konzeption wurde jüngst im Weissacher Gemeinderat vorgestellt – und Ratsmitglied Roland Moser (CDU/FWV) fühlte sich schiergar in die Welt des Märchens versetzt.

Der Platz würde reichen: Der konzipierte Betrieb könnte zwischen dem Edeka-Markt und den Rombold-Betriebsgebäuden unterkommen. Foto: F. Muhl

Von Armin Fechter

WEISSACH IM TAL. Die fantastische Biomasseanlage entsteht eventuell auf dem freien Gelände zwischen Edeka-Markt und Rombold-Betriebsgebäuden. Ein Investor hat nach den Worten von Bürgermeister Ian Schölzel Interesse angemeldet. Stichwort: Energieautarkes Weissach im Tal. Im Gespräch gewesen waren zunächst ein Solarfeld und eine Anlage zur Gewinnung von Windenergie. Neu hinzu gekommen ist die Idee, aus Grüngut Strom und Wärme zu erzeugen, und zwar so viel, dass zumindest der Bedarf an Strom in der Gemeinde auf diese Weise abgedeckt werden kann – ein Plan, der vor allem dann interessant werden könnte, wenn die Gemeinde tatsächlich das Stromnetz erwerben würde.

Zum Einsatz käme nach dem jetzt vorgestellten Modell ein chemisch-physikalisches Verfahren – die sogenannte hydrothermale Carbonisierung (HTC). Dabei wird eine der Braunkohle ähnliche Biokohle gewonnen. Der Prozess, der in der Natur bis zu 50 Millionen Jahre dauert, wurde bereits vor 100 Jahren von dem deutschen Chemiker Friedrich Bergius erforscht. Er erhielt für seine Erkenntnisse 1931 sogar den Nobelpreis. Doch erst in jüngster Zeit haben Bergius’ Forschungen neue Bedeutung erlangt.

Wie die „wässrige Verkohlung“ funktioniert, erläuterte im Gemeinderat der Vorsitzende des Bundesverbandes hydrothermale Carbonisierung, Klaus Serfass: Die Biomasse wird in einem Druckbehälter drei Stunden lang auf 185 bis 220 Grad erhitzt und dabei in Biokohle umgewandelt. Als Ausgangsmaterial kann dabei Grüngut dienen, aber auch der Inhalt der braunen Tonne, Gärreste oder Trester, ja, sogar Klärschlamm, also im Grunde alle organischen Stoffe. Aus der Kohle wiederum wird Strom und Wärme gewonnen und eingespeist.

Um die Menge Strom zu erzeugen, die die Weissacher verbrauchen, sind nach Serfass’ Berechnungen 14000 Tonnen Trockenmasse nötig – eine Menge, die sich in Weissach und in den umliegenden Gemeinden auftreiben ließe. Gleichzeitig könnte damit so viel Wärme gewonnen werden, dass zumindest die öffentlichen Gebäude in der Gemeinde damit beheizt werden könnten. Bei den Prozessen könnte aber auch Gas gewonnen werden, das dann ins Erdgasnetz eingespeist wird. Ebenso taugt das Verfahren zur Produktion von Biobenzin. Laut Serfass geschieht alles emissionsfrei. Abgase sollen in einer eigenen Aquapflanzenanlage gereinigt werden. Dabei kommt eine Sorte Wasserlinsen zum Einsatz, die optimale Wachstumsraten erzielt und dabei äußerst wenig Licht braucht.

Weiter hat Serfass die Verkehrsbelastung berechnet: Im Jahr sei je nach Größe mit 540 bis 1435 Lastwagen zu rechnen, das sind 2,2 bis 5,8 pro Tag.

Im Gemeinderat stießen die Ausführungen auf einiges Erstaunen und auch Zweifel. Irmgard Hestler (SPD) fühlte sich beispielsweise an Thermoselect erinnert, ein Verfahren zur Behandlung von Restmüll, das erst hoch gelobt wurde und dann tief gefallen ist. Auf die Frage, ob es bereits HTC-Anlagen gebe, die seit einem längeren Zeitraum erfolgreich laufen, erklärte Serfass, einige Projekte und Forschungsvorhaben gingen jetzt in die industrielle Umsetzung, und in Mecklenburg sei ein Werk in vergleichbarer Größe im Bau. Bernd Hecktor (Weissacher Bürger) zeigte sich skeptisch, ob es gelingen wird, die erforderlichen Mengen an Biomasse überhaupt beizubringen. Jörg Schaal (CDU/FWV) sprach mögliche Geruchs- und Lärmprobleme an, und Ilse Bitzer (UBL) erinnerte daran, dass sich diese Anlage mitten im Ort befände. Roland Moser wiederum hatte die luftdichten Gewächshäuser und die lichtscheuen Pflanzen im Blick – dem Inhaber eines Gärtnereibetriebs erschien das Ganze wie in einem Märchen.

Derweil konnte Serfass auf weitere Überlegungen verweisen: Der Bau der Anlage würde 12 Millionen Euro kosten, überwacht würde sie von zehn bis zwölf Beschäftigten im Dreischichtbetrieb – also rund um die Uhr. Nächster Schritt aus seiner Sicht wäre die Erstellung eines Biomassekatasters. Und was die Gewerbesteuer betrifft: Bei dem Biomassewerk würde es sich nach Serfass’ Worten um eine ortsansässige Firma handeln.