Verdi und das Loblied auf Spätzle mit Soß

„Oper uff Schwäbisch“: Backnanger Bariton Jürgen Deppert stellte sein neues humorvolles Musikprogramm vor
Zwei Stunden lang fesselte er das Publikum: Jürgen Deppert. Foto: J. Fiedler

Von Marina Heidrich

BERGLEN/BACKNANG. Es hat die Veranstalter doch etwas überrumpelt: Rappelvoll war das Bürgerhaus in Berglen-Rettersburg, zusätzliche Bierbänke wurden hereingetragen – und doch fand nicht jeder angereiste Musikliebhaber einen Platz. Vor der Tür standen noch etliche Enttäuschte, für die es keine Karten mehr gab. Grund für den Andrang war ein Konzert des Backnanger Sängers Jürgen Deppert, der nicht nur seine Heimatverbundenheit demonstrierte, sondern quasi gleich doppelt vorhanden war: In seinem neuen Programm „Oper uff Schwäbisch“ präsentiert der Bariton beliebte Arien von Bizet, Mozart und Verdi. Sein Alter Ego Georg Gscheidle beweist dann, wie wunderbar harmonisch das alles auf Schwäbisch klingt.

Das Ganze ist beileibe nicht nur eine Parodie, sondern eine Verbeugung des Sängers vor der großartigen Musik, gepaart mit einer Liebeserklärung an die Heimat und garniert mit einem gigantischen Augenzwinkern. Alles, was uns Schwaben lieb und wert ist, alle kleinen und großen Klischees, werden gekonnt durch den Kakao gezogen. Patriotisch bis ins Detail erscheint der Sänger in den Landesfarben, quietschgelbe Hosen und ein schwarzes T-Shirt mit dem Bekennerspruch: „Ich wurde stark und groß durch Spätzle mit Soß!“ Zu jeder Arie erläutert Opernsänger Jürgen Deppert zunächst den Hintergrund, bevor er den Frack überwirft und loslegt. Figaro singt gekonnt das Loblied des Sparens und schafft bei Porsche, Verdi hatte die Tragödie des Selbst-ist-der-Mann-Handwerkers schon vorausgeahnt, und dank Bizet sind Kehrwochenschilder eine eigene Kunstgattung. Deppert ist mit einem wunderbar weichen, lyrischen Timbre gesegnet, das Programm durchaus anspruchsvoll. Seine gefühlvolle Darbietung von Alfonsos Liebesschmerz aus Donizettis „La Favorita“ entlockt den Zuhörern Bravo-Rufe. Georg Gscheidle, die schwäbische Kunstfigur, besingt nicht weniger hingebungsvoll zur selben Melodie die Wonnen eines Kinobesuchs mit Popcorn und Cola. Egal, welcher Film läuft, die Romantik beim Besuch desselbigen ist Balsam für die Schwabenehe. Die Horrorvision eines jeden Eingeborenen aus dem wilden Südwesten ist ein Braten ohne Spätzle. Deshalb folgt auf die Arie des Grafen Luna aus Verdis Troubadour „Il balen del suo sorriso“ eine gigantische Liebeserklärung an das schwäbische Grundnahrungsmittel, die eine ausgiebige Aufzählung der heimatlichen Leckereien enthält. Hefezopf und Ofaschlupfer, Hirnsupp und Ochsamaulsalat – die Gesichter verklären sich, die Mägen knurren harmonisch im Chor. Bei den genüsslichen Koloraturen, die das Wort „Kuddl“ umspielen, läuft dem Künstler selbst dermaßen das Wasser im Mund zusammen, dass er lachend abbricht. Jürgen Deppert leistet ein beachtliches Pensum. Zwei Stunden lang singt und spricht er in seiner Ein-Mann-Show, erzählt Witziges und Wissenswertes, bedient nebenbei die Technik, schauspielert, alles scheinbar total mühelos. Wie anstrengend das alles für einen Sänger ist, der zum einen nonstop seine klassische Stimme im Einsatz hat, zum anderen in den schwäbischen Passagen mit der harten Lautmalung eine ganz andere Technik anwenden muss, merkt man dem Bariton nicht an. Bei einem temperamentvollen Ausflug ins Publikum zu Escamillos Torerolied aus „Carmen“ fragt man sich: Wo nimmt dieser schlanke Kerl mit der Dressman-Qualität eigentlich den ganzen Resonanzraum her? Und man kann nicht umhin festzustellen: Schwäbisch ist sexy.