„Lampedusa geht uns alle an“

„Bootsflüchtlinge“-Ausstellung erzählt von der Sehnsucht nach einem menschenwürdigeren Leben und unwürdigsten Bedingungen

Sie flüchten, weil in ihrem Land Krieg ist, weil sie aus politischen oder ethnischen Gründen verfolgt werden, weil sie die Armut in ihrer Heimat nicht mehr ertragen können, weil sie dort keine Perspektiven haben oder weil ihnen die Lebensgrundlage durch Umwelt- oder Klimakatastrophen genommen wurde. All diesen Menschen ist die Ausstellung „Bootsflüchtlinge“ von Amnesty International in der Volksbank gewidmet. Ein Beitrag des Arbeitskreises Asyl Backnang zu den Tagen der weltweiten Kirche.

 Ruth Merz
Ruth Merz

Von Ingrid Knack

BACKNANG. „Wirtschaftsflüchtlinge sagt man hierzulande und macht sich ein Bildnis von ihnen: verharmlost ihre Existenznot, verkennt ihren Lebenskampf, verwehrt ihnen Menschenrecht und Menschenwürde. Das ist das Lieblose, der Verrat.“ Dorothea Margenfeld, Prälatin im Ruhestand, hält die Einführungsrede. Es geht an die Nieren, was sie zu sagen hat. Es ist eine bewegende, mutige, ja politische Rede, die Dorothea Margenfeld an diesem Samstagmorgen in Backnang hält.

„Europas Antwort auf die Bootsflüchtlinge heißt Frontex. Ein verräterischer Name. Er verrät, dass Europa einen bewaffneten Abwehrkrieg gegen die Flüchtlinge führt, um sich selbst zu schützen.“ Als eklatanten Verstoß gegen die Schutzpflicht der Genfer Flüchtlingskonvention bezeichnet die einstige Afrikareferentin des evangelischen Missionswerks in Südwestdeutschland, wenn von Hubschraubern aus Bilder von im Meer treibenden Booten gemacht werden, und die Helikopter dann wieder abdrehen. Und wenn hochgerüstete Patrouillenschiffe der Frontex Boote abdrängen Richtung Afrika.

Nach internationalem Seerecht muss allen geholfen werden, die in Seenot geraten. „Aber wenn Cap Anamur oder die Besatzung eines Fischerbootes das tun, was Gesetz und Moral gebieten, dann machen sie sich strafbar wegen Beihilfe zur illegalen Einwanderung.“

Und sie erzählt von dem tunesischen Bootskapitän Zenzeri, der zusammen mit anderen Fischern 44 Flüchtlingen auf einem kaputten, auf dem Meer treibenden Schlauchboot zu Hilfe kam. „Zenzeri wurde nach einem langen Prozess zwar vom Vorwurf des Schlepperdienstes freigesprochen, aber wegen Widerstands gegen ein Kriegsschiff und gegen die Staatsgewalt zu zwei Jahren und sechs Monaten Gefängnis verurteilt. ,Ich würde es wieder tun’, sagt Zenzeri. ,Alles andere könnte ich niemals verantworten.’“

Auch wenn sie über ihre ganz persönlichen Empfindungen spricht, geht das unter die Haut: Als sie die Ausstellung „Bootsflüchtlinge“ vor einigen Monaten in Ludwigsburg sah, gab es dort gleichzeitig die Ausstellung „Vor aller Augen“. Eine Topografie des nationalsozialistischen Terrors in der Provinz. „Das Aufregende an dieser Fotosammlung waren nicht die Bilder der Täter. Auch nicht die Bilder der Opfer (. . . ) das eigentlich Bedrückende war der Anblick der Zuschauer.“ Sizilien, Malta, das Mittelmeer, die Ferieninsel Lampedusa, die überfüllten Boote, all das sei weit weg von uns. „Mitten in Europa sind wir Hinterland, Provinz, in günstiger Entfernung von den Außengrenzen der EU. Mit Richtlinien, Gesetzen und Verträgen halten wir uns die Flüchtlinge vom Leib. Nur die Bilder sehen uns an.“ Es sind auch die 30 Bilder, die die Amnesty-International-Gruppe in Wolfenbüttel zusammengetragen und mit Texten versehen hat.

Ob diese Fotos gegen die Bilder ankommen, die wir uns von der Wirklichkeit machen, ob sie stark genug sind, unsere Vorurteile und Schutzbehauptungen und unsere Abgebrühtheit aufzuweichen, weil wir alle schon viele schlimme Bilder gesehen und so viele böse Nachrichten gehört haben, da ist sich Margenfeld nicht sicher. „Man macht sich ein Bildnis. Das ist das Lieblose, der Verrat.“ Die Frage sei, ob wir aus Zuschauern und Bildbetrachtern zu Augenzeugen und Fürsprechern werden. „Wer auf die hoffnungslos überfüllten Boote im Mittelmeer schaut, soll bedenken, woher diese Flüchtlinge kommen. Soll sehen, dass sie alle bereits endlos weite Wege und unglaubliche Anstrengungen hinter sich haben, tödliche Gefahren und verzweifelte Mutproben. Wochen, Monate, manchmal Jahre sind vergangen seit ihrem Aufbruch aus dem Irak, dem Iran, aus Afghanistan oder aus Somalia, dem Kongo, dem Sudan und anderen afrikanischen Ländern, in denen Krieg und Gewalt und Hunger herrscht und/oder in denen Menschenrechte massiv unterdrückt werden.“ Dann kommen sie in Staaten, die bei der Abwehr der Flüchtlinge als Europas Helfershelfer fungierten. „Sie kommen in Lager, in Gefängnisse, in denen unsägliche Zustände herrschen. Und überall warten die Schleuser auf sie, zweifelhafte Helfer bei der Flucht übers Meer. Sie nehmen ihnen auch ihr letztes Geld noch ab. So drängen sie sich in die überfüllten Boote und hoffen und beten, dass am Ende doch noch alles gut geht. Aber das Mittelmeer wird immer mehr zu einem großen Grab. Niemand kann sie zählen, all die begrabenen Hoffnungen, all die verhungerten, verdursteten, im Meer untergegangenen Menschen.“

Wider besseres Wissen sähen sich die Europäer immer noch vorwiegend als Geberländer und Entwicklungshelfer und vergäßen darüber, dass sie zuerst einmal Schuldner der sogenannten Entwicklungsländer seien. „Denn die eigentlichen Kreditgeber, das sind die Länder, deren natürliche Ressourcen wir an uns genommen und verbraucht haben.“

Margenfeld wie auch Ruth Merz vom Kreisdiakonieverband Rems-Murr, Sprecherin des Backnanger Arbeitskreises Asyl, weisen aber auch auf einen Grund zur Freude hin: Der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte in Straßburg sprach ein Urteil gegen die italienische Praxis, Flüchtlinge ohne die Möglichkeit eines ordentlichen Asylverfahrens einfach wieder in ihre Heimatländer zurückzuschicken. Margenfeld: „Ein wirklicher Lichtblick ist dies aber nur, wenn wir im Norden, in der geschützten Provinz, die Länder im Süden, die Länder am Mittelmeer, mit den Flüchtlingen nicht allein lassen. Lampedusa geht uns alle an.“

Ruth Merz erinnert an das über zehnjährige überwiegend ehrenamtliche Engagement des Arbeitskreises Asyl Backnang. Menschen aus Diakonie und Caritas – namentlich sie selbst, Günther Flößer und Ursula Kaiser – hatten sich vor gut einem Jahrzehnt Gedanken darüber gemacht, was es für eine Stadt bedeutet, wenn 180 Asylbewerber untergebracht werden sollen – und welche Unterstützung diese brauchen. Ein Mosaikstein sind die Sprachkurse, die auch aus Mitteln der Spendenaktion „BKZ-Leser helfen“ ermöglicht werden.

Voba-Vorstandsvorsitzender Werner Schmidgall hebt die Offenheit seines Hauses für Themen hervor, die nichts mit Bankgeschäften zu tun haben. Maria Neideck vom Arbeitskreis Asyl überbringt das Grußwort des katholischen Pfarrers Ulrich Kloos. Der evangelische Dekan Wilfried Braun führt Jesus-Worte an, die uns helfen sollen, Augen und Herzen vor den Problemen unserer Zeit nicht zu verschließen: „Was Ihr auch nur einem einzigen, dem es schlecht geht, zugut getan habt, das habt Ihr mir zugut getan.“ Die Frauen der Trommelgruppe Hysteria entführen mit ihrer Musik in die Klangwelt Afrikas. Eine aufrüttelnde Veranstaltung mit Hoffnungsschimmern.