Hungersnot lässt Theater-Aktionäre jubeln

Die Berliner Compagnie zeigt mit „Die Weißen kommen. Ein Theaterstück über Afrika. Über uns“ engagierte Aufklärungsarbeit
Trader, Banker, Kolonisator, Sklavenhändler: Ihre Aufgabe ist es, so viel Profit wie möglich aus dem Schwarzen Kontinent herauszuholen.Foto: E. Layher

Von Carmen Bedau

BACKNANG. Anlässlich seines 10. Geburtstages und der Tage der weltweiten Kirche hatte der Arbeitskreis Asyl Backnang in das Bürgerhaus eingeladen. Die Berliner Compagnie präsentierte mit dem Stück „Die Weißen kommen. Ein Theaterstück über Afrika. Über uns“ engagiertes Theater.. Eröffnet wurde die Veranstaltung jedoch zuerst mit kurzen Ansprachen der Vertreterin des Arbeitskreises Asyl, Ruth Merz, und des Ersten Bürgermeisters, Michael Balzer. Beide dankten für das tatkräftige ehrenamtliche Engagement vieler Helfer „für Menschen, die zu den schwächsten unserer Gesellschaft gehören, für menschliche Begleitung und Nähe in der Fremde.“

Die Berliner Compagnie entstand 1981 im Zuge der Friedensbewegung und versteht sich als Aktivierungstheater oder im Sinne Brechts als Gebrauchstheater, das sich den Themen Frieden, Gerechtigkeit, Menschenrechte verschrieben hat. Seit seiner Gründung hat das „alternative Tourneetheater“, das in der Tradition der fortschrittlichen, vom Nationalsozialismus zerstörten, professionellen deutschen Theaterkollektive steht, 24 Stücke, davon fünf zu Afrika beziehungsweise den afrikanisch-europäischen Beziehungen, in mehr als 2000 Gastspielen aufgeführt. Helma Fries und Elke Schuster, die Autorin und die Regisseurin, reisten mehrfach nach Afrika, sie waren in Tunis und Algerien, durchquerten die Sahara und besuchten Niger, Mali, Senegal sowie Südafrika, um die gewonnenen Erfahrungen und Kenntnisse von Schauplätzen in ihren Projekten verarbeiten zu können. Außerdem stützen sie sich auf umfangreiches Quellenstudium und Gespräche mit afrikanischen Flüchtlingen in Berlin. Dass weltweit über eine Milliarde Menschen hungern und ein Drittel von ihnen in Afrika lebt, wissen wir alle wohl, und es bedrückt uns. Ebenso groß wie die emotionale Betroffenheit ist aber die Unkenntnis der wirklichen Ursachen dieser elenden Zustände. Die Berliner Compagnie leistet hier wertvolle Aufklärungsarbeit, indem sie die, auch von der EU und deren Regierungen gemachten gegenwärtigen weltwirtschaftlichen Regeln, die europäische Kolonialgeschichte und unser Konsumverhalten ins Blickfeld rückt. In Helma Fries‘ und Elke Schusters „Die Weißen kommen. Ein Theaterstück über Afrika. Über uns“ wird der ganze Zynismus der jahrhundertelangen bis in die heutige Zeit andauernden Ausbeutung des Schwarzen Kontinents entlarvt. Als Computerspiel gestaltet, knüpft das Stück an die Erfahrungshorizonte Jugendlicher in unserer Welt an und vermag zwei Fliegen mit einer Klappe zu schlagen, indem es junge Leute veranlasst, über ihr Spielverhalten nachzudenken. Und weil es die Zusammenhänge unserer Lebensweise in Geschichte und Gegenwart mit der Not in der sogenannten Dritten Welt offenlegt.

Vier Spieler ganz in Weiß agieren zunächst als Trader, Banker, Kolonisator und Sklavenhändler. Ihre Aufgabe ist es, so viel Profit wie möglich aus dem Nachbarkontinent herauszuholen. Anfangs als gnadenlose Banker und Aktienhändler auf der Suche nach Anlegern werden sie vom Game-Master aufgefordert, die moralischen Skrupel potenzieller Investoren zu zerstreuen. In die Beschwichtigungsversuche der Aktienhändler hinein lässt der Game-Master zwei Meldungen aus Afrika platzen: Eine Öl-Explosion zwingt zur Drosselung der Produktion, und ein Hurrikan verursacht eine Hungersnot. Da ist es beklemmend zu sehen, wie die Schauspieler Natascha Menzel, Jean-Theo Jost, Dimo Wendt und H.G.Fries den Aktienmarkt infolge dieser Nachrichten jubilieren und tanzen lassen. Die Stimme des Game-Masters kommt, ähnlich wie bei tatsächlichen Computerspielen, unpersönlich hallend aus dem Off und verkündet nach erfolgreichem Aktienverkauf, dass die Spieler nun für den nächsten Level qualifiziert sind und als Weiße zurück in die Kolonialzeit „auf nach Afrika“ dürfen.

Durchgespielt werden nun die brutale Kolonisierungsgeschichte, barbarischer Sklavenhandel und -verschiffung, Aufstände und Rebellionen der Sklaven, blutige Kriege, die (vermeintliche) Befreiung Afrikas von den Kolonialmächten und die offizielle Abschaffung der Apartheid. Dabei führt der Game-Master sich steigernde Schwierigkeitsstufen ein, zum Beispiel: „Der Neger ist renitent. Wie löst ihr das Problem?“, und öffnet nach zufriedenstellender Antwort das jeweils nächste Dimensionstor. Wer aber Mitleid mit den Schwarzen haben könnte oder sonst einen Fehler macht, fliegt raus, er muss die Seiten wechseln und als schwarzer Sklave weiterspielen. An Sardonismus nicht zu überbieten ist ein Menuett, das die drei Sklavenhalter tanzen, wobei sie sich gestelzt über den „wirtschaftlichen Schaden durch getötete Neger“ unterhalten und die diesbezüglichen Leistungen der Versicherung diskutieren. Auf hohem künstlerischen Niveau und mit seriösem inhaltlichen Anspruch vermittelt das Ensemble unter der Regie von Elke Schuster konkretes Hintergrundwissen. Zuletzt in farbenfroher afrikanischer Kleidung danken die vier Darsteller zahlreichen Menschenrechtsorganisationen und würdigen die heutige afrikanische Zivilgesellschaft.