Die Angst ist ihr ständiger Begleiter

Backnanger Familie lebt in Furcht vor der Abschiebung – Roma sind im Kosovo von rassistischer Gewalt bedroht
Haben in Deutschland Wurzeln geschlagen, müssen aber ständig fürchten, dass ihre Familie auseinandergerissen und abgeschoben wird: Duda Berisa und Vase Angelov. Foto: A. Wahl

Von Claudia Mann

BACKNANG. Der Vater arbeitet als Koch, der Sohn geht in die Tausschule, die Tochter in den Kindergarten im Biegel, die Mutter betreut die Jüngste, die eineinhalb ist. Eine ganz normale Backnanger Familie – könnte man meinen. „Die Angst ist unser ständiger Begleiter“, erzählen die Eltern verzweifelt. Die fünf müssen damit rechnen, bei Nacht und Nebel abgeholt zu werden: zur Abschiebung in den Kosovo.

Bei einer Rückkehr hätte die 26-jährige Duda Berisa als Roma von den Albanern im Kosovo Schlimmes zu befürchten. Ihre Familie bekäme dort keine Chance auf ein friedliches Leben. Günther Flößer vom Arbeitskreis Asyl in Backnang, der die Familie unterstützt, weiß, wie es Abgeschobenen dort ergangen ist und heute ergeht. „Zu einer Arbeitslosigkeit von fast hundert Prozent, katastrophalen Wohnverhältnissen, fehlendem Zugang zu Gesundheitsversorgung und Bildung kommen noch Diskriminierung und Gewalt seitens der albanischen Mehrheit.“ Diese werfen den Roma vor, im Bürgerkrieg mit den Serben zusammengearbeitet zu haben.

Immer dienstags starten

die Maschinen in den Kosovo

Immer schon seien die Roma wenig gelitten gewesen, sagt Duda Berisa. Ihr Vater sei von einem albanischen Arbeitskollegen ermordet worden. „Lieber sterbe ich hier, als dass ich in den Kosovo gehe“, sagt sie ernst. Krank ist sie vor Angst. Wenn sie in der Stadt ein Polizeiauto sieht, wird sie blass und fängt an zu zittern. „Von Montag auf Dienstag findet sie keinen Schlaf“, erzählt ihr 34-jähriger Partner Vase Angelov, der aus Mazedonien stammt. Jedes Auto draußen versetze sie in Angst und Schrecken. Dienstags starten nämlich die Maschinen vom Baden Airport in Söllingen aus in den Kosovo. Seit ihre 55-jährige Nachbarin im Oktober abgeholt wurde, hat sich das gefürchtete Ereignis als Bild in die Köpfe der Familie eingebrannt. „Sehr viele Polizisten sind die Treppe herauf- und hinabgetrampelt, da hat das Haus gewackelt“, berichtet Angelov noch sichtlich geschockt. Vier Autos seien vorgefahren, um eine einzelne Frau abzuholen.

Was ihnen ihre Nachbarin inzwischen telefonisch aus dem Kosovo berichtete, lässt den Mut der Familie weiter sinken. Vase versucht, Duda zu beruhigen und ihr Hoffnung zu machen. Leise sagt er: „Jetzt habe ich dann aber auch keine Kraft mehr.“

Seit 20 Jahren lebt Vase Angelov in Deutschland, Duda Berisa ist als Achtjährige mit ihrer Mutter aus dem Kosovo nach Deutschland geflohen. Immer nur für drei Monate bekommen sie eine Duldung. Einen unglaublichen Bescheid habe die Familie kurz nach der Geburt der kleinen Mandy erhalten, berichtet Ruth Merz, die für die Diakonie den Backnanger Arbeitskreis Asyl leitet. „Die Antragstellerin wird aufgefordert, die Bundesrepublik Deutschland innerhalb einer Woche nach Bekanntgabe dieser Entscheidung zu verlassen. Sollte die Antragstellerin die Ausreisefrist nicht einhalten, wird sie in den Kosovo abgeschoben“, heißt es da lapidar über ein Baby.

Die Rechtsanwältin des Paars hat zum zweiten Mal einen Antrag auf eine Aufenthaltserlaubnis für die Familie gestellt. Auch das schützt nicht vor Abschiebung. „Was haben wir schon Geld bei Rechtsanwälten gelassen“, stöhnt Vase Angelov. Er ist dankbar, dass sie Unterstützung finden. Günther Flößer kenne sich sehr gut in ausländerrechtlichen Fragen aus, bescheinigt ihm Ruth Merz. Er prüft Bescheide und Unterlagen, bespricht sich mit Rechtsanwälten und Ausländerbehörden, stellt in Absprache mit den Mitgliedern des Arbeitskreises Asyl Anträge an die Härtefallkommission des Landes.

Petition für einen Abschiebestopp

im Landtag übergeben

Im November hatten Diakonie, Caritas und der Flüchtlingsrat Baden-Württemberg dem Vorsitzenden des Petitionsausschusses des Landtags eine Petition für den sofortigen Abschiebestopp und ein humanitäres Bleiberecht von Roma aus dem Kosovo übergeben. Duda Berisa und Vase Angelov waren mit ihrem achtjährigen Sohn dabei. Die Verbände warnen davor, Roma in den Kosovo abzuschieben. „Trotz vielfältiger Bemühungen konnte weder die rassistische Atmosphäre in der Region entschärft noch die große wirtschaftliche Not der Roma-Minderheit im Kosovo gemildert werden“, betonte Oberkirchenrat Dieter Kaufmann, Vorstandsvorsitzender des Diakonischen Werks Württemberg, bei der Übergabe im Landtag.

Günther Flößer kann viel erzählen von Flüchtlingen, die in Deutschland Schweres durchleben. „Wir kriegen viel Widerwärtiges mit. Kranke Menschen werden durch die Behörden oft noch kränker gemacht“, sagt er. Die Behörden nutzen nach seinen Erfahrungen ihren Spielraum kaum zugunsten der Flüchtlinge. Dass sie zudem nachtragend sind, erleben auch Duda Berisa und Vase Angelov. Der junge Mann hatte vor über acht Jahren sein unbefristetes Aufenthaltsrecht nach der Trennung von seiner deutschen Ehefrau verloren. Er habe seinen Pass abgeben müssen und nicht zurückbekommen. Von akuter Abschiebung bedroht, wusste er keinen anderen Ausweg, als sich in Berlin unter einem anderen Namen anzumelden. Schließlich kam er zurück nach Backnang und zeigte sich selbst an. Jetzt ist Vase Angelov vorbestraft wegen Falschbeurkundung. „Dabei wollte ich damals einfach nur bei meiner schwangeren Frau und meinem Kind sein.“ Weil Duda Berisa keine offizielle Zugehörigkeit zu einem Land hat, fehlen die Papiere für eine Heirat. Die jungen Leute verstehen nicht, warum sie in solchen Schwierigkeiten stecken.

Neben dem rechtlichen Beistand hält Ruth Merz menschliche Zuwendung für wichtig. Bis zu zehn ehrenamtlich engagierte Mitglieder des Arbeitskreises Asyl betreuen Flüchtlinge persönlich, helfen ihnen beim Kontakt mit Behörden, bei der Wohnungssuche und vielen alltäglichen Dingen. Daneben laden sie zu Sprachübungen in der Asylbewerberunterkunft ein, es gibt ein Asylcafé und die Möglichkeit für Kinder, Sommerfreizeiten im Waldheim Fautenhau zu besuchen. „Das größte Thema ist aber immer der Aufenthaltsstatus“, sagt Ruth Merz. Die Arbeitslosigkeit treffe diese Personengruppe besonders hart, weil der Aufenthalt in vielen Fällen an eine Arbeitsstelle gebunden sei.

Familienvater Angelov ist sehr froh, dass er in Kürze eine feste Stelle als Koch in einem Restaurant in Großbottwar antreten kann. „Ich habe immer gearbeitet“, betont er, das ist ihm wichtig. Die beiden älteren Kinder haben Freunde in Schule und Kindergarten, sie sprechen Deutsch als Muttersprache. „Was sollen denn unsere Kinder in einem fremden Land, in dem man sie gar nicht haben will?“, sorgen sich die Eltern.