Musikalische Auseinandersetzung mit Leben, Tod und Gott

Verdi-Requiem im Backnanger Bürgerhaus – Chor, Orchester und Solisten wurden für den ganz besonderen Abend minutenlang begeistert gefeiert

Dekanatskirchenmusiker Reiner Schulte erzählt über die Holzwand im hinteren Teil der Bühne und andere Verbesserungen der Akustik im Bürgerhaus. In humorvollem, lockerem Plauderton. Das wäre nicht weiter erwähnenswert, stünde er nicht drei Minuten später am Dirigentenpult, um etwa 150 Musiker unter einen klanglichen Hut zu bringen. Und das mit einem Mammutwerk: der Messa da Requiem von Giuseppe Verdi.

Sorgten für ein erfüllendes Klangerlebnis: Mitwirkende des Konzerts unter der Leitung von Dekanatskirchenmusiker Reiner Schulte. Foto: E. Layher

Von Thomas Roth

BACKNANG. In der Ruhe liegt die Kraft. Auf wenige Musiker trifft dieser Satz so zu wie auf Schulte. Das äußert sich auch in der zurückgenommenen Art seines Dirigats. Minimale Bewegungen – und das bei Verdi. Ist die Musik, auch wenn sie sich um das Gottes-, Leben- und Todthema dreht, doch teilweise opernhaft, voller dynamischer Abwechslung.

Etwa 90 Choristen der Chorgemeinschaft der katholischen Gesamtkirchengemeinde singen den anspruchsvollen Part. Verdi gönnt ihnen in seiner Komposition immer wieder Erholungspausen. Wenn’s drauf ankommt, sind die Sänger aber voll da. Deutlich vernehmbar – die Akustik im ausverkauften Bürgerhaus ist jetzt tatsächlich besser – verständliches Latein, dynamisch ausgewogen. Eine bravouröse Leistung.

Con sordino: Gedämpfte Pianissimo-Celliklänge eröffnen den Abend. Auf der Seitenempore stehen zwei Trompeter, die mit ihren im Orchester sitzenden Kollegen einen gelungenen Dialog führen. Beim Dies-Irae-Thema kommen die Pauken zum Einsatz. Mit voller Wucht. Die klassischen Schlagwerker gehen auch beim Tag des Zorns freud- und kraftvoll zu Werke. Dann wird’s bedrohlich-grollend. Aber auch dies spür- und hörbar temperamentvoll. Fast schon Hard-Rock-Attitüde. Toll. Sich dem Chor und den vier Solisten in den Dienst stellend, musizieren die Instrumentalisten des Bruckner-Orchesters Stuttgart. Vor allem die Bläser überzeugen. Schön das Staccato-Zusammenspiel der beiden Fagotte zu Beginn des „Libera me“. Jeder der vier Solosänger hat im Verdi-Requiem die Chance oder die Pflicht, zu zeigen, was die Stimme hergibt. Anna Haase von Brinckens Mezzosopran vereinigt zarten Schmelz mit einem Hauch liniegebender Metallik. Ihre Stimme geht nach oben auf. Belcanto? Der an der Stuttgarter Staatsoper engagierte Tenor Alexander Efanov hat ihn. Man merkt ihm den Respekt vor der Partie ein wenig an. Alles gut. Er meistert auch die höchsten Höhen. Mickhail Nikiforov deckt die untere Abteilung mit warmem Timbre ab. Manchmal hätte man sich vom Bassisten vielleicht ein wenig mehr Temperament, etwas mehr Durchschlagskraft gewünscht, vor allem beim „Confutatis“. Alle überstrahlend: Evgenia Grekova. Die Sopranistin sitzt hochkonzentriert, regungslos auf ihrem Stuhl. Nichts ist ihrer Mimik zu entnehmen. Sie erhebt sich und beginnt zu singen. Mal engelsgleich piano, dann fortissimo. Besonders beeindruckend ihre Mezza-Voce-Passagen. Lupenreine Intonation, scheinbar mühelos. Eindeutig eines der hellsten Glanzlichter dieser sehr gelungenen Aufführung.

Am Schluss noch einmal ein brillantes Sopran-Solo, ein morendo-chorgesungenes „Libera me“. Totenstille. Das Requiem ist aus. Der Beifall beginnt. Steigert sich. Die Menschen erheben sich von ihren Sitzen. Sie werden gewahr, dass sie einen ganz besonderen Backnanger Abend erlebt haben.

Verdis außergewöhnliche Art, sich mit Leben und Tod und Gott musikalisch auseinanderzusetzen, hat Schulte hervorragend umgesetzt. Nun gibt er die Bühne frei für Chor, Orchester (Einstudierung Wolfgang G. Hofmann) und Solisten. Sie werden minutenlang begeistert gefeiert. Schulte wird vom Publikum und allen auf der Bühne Stehenden seinerseits mit Anerkennung bedacht. Er nimmt es lächelnd entgegen. Ganz ruhig.