Wie die Wanze in die Wohnung kam

Der Autor und Lehrer Hellmut Seiler referierte bei einer Tagung in München über die Inhalte seiner Securitate-Akte

„Die Zeit der Verschleierungen ist vorbei, es muss – endlich! – Tacheles geredet werden“, schreibt der Autor Hellmut Seiler in seinem Fazit nach derinternationalen Tagung „Deutsche Literatur in Rumänien im Spiegel und Zerrspiegel der Securitate-Akten“. Seiler referierte in München über ganz persönliche Einsichten in seine Securitate-Akte.

 Hellmut Seiler
Hellmut Seiler

Von Ingrid Knack

BACKNANG. „Eine Wanze namens Boris – Absurditäten der Überwachung und der geheime Streudienst“ ist das Referat überschrieben, das Seiler bei der vom Institut für deutsche Kultur und Geschichte Südosteuropas an der Ludwig-Maximilians-Universität in München veranstalteten Tagung hielt.

Es war im Januar 2009, als Seiler, geboren in Siebenbürgen und heute Lehrer am Beruflichen Schulzentrum in Backnang, einer Einladung des CNSAS, des Nationalrats für das Studium der Archive der ehemaligen Securitate nach Bukarest folgte. Von den drei Bänden seiner Akte wird ihm zuerst der ausgehändigt, der „Materiale T. O.“ überschrieben ist, also „technisch-operative Materialien“, zu Deutsch Abhörprotokolle. Sie sind Teil des Überwachungsdossiers Nr. 2596 betreffend das Zielobjekt „Boris“, eröffnet am 10. Mai 1987, geschlossen am 14. März 1989, sechs Monate nach Seilers Ausreise. „Boris“, also Seiler, wurde des Verrats von Informationen an den Bundesnachrichtendienst verdächtigt. Grund war ein Treffen des Autors mit dem Kulturattaché der Bundesrepublik in der Bibliothek des Goethe-Instituts in Bukarest. Des Weiteren bestand der Verdacht, Seiler benutze als Schriftsteller seine Verbindung zu dem Diplomaten dazu, Texte staatsfeindlichen Inhalts außer Landes bringen zu lassen. Es gehöre zu den Absurditäten dieser Überwachung, dass der Geheimdienst in der Person des Chefs der Abteilung 3 bei allen zuständigen Behörden und Instanzen intervenierte, Seilers Ausreise zu beschleunigen, „was ich im Grunde genommen selber doch auch nur wollte. Auf der anderen Seite entfaltete er und seine Abteilung fieberhaft eine hautnahe und lückenlose Verfolgung. Ganz von Zweifeln verschont ist er dabei nicht geblieben (. . .) Seilers Wohnung wurde rund um die Uhr gut ein Jahr lang abgehört. Aufgezeichnet (und auch übersetzt) wurde aus mindestens drei siebenbürgisch-sächsischen Ortsdialekten, aus dem Ungarischen, Englischen und Hochdeutschen. Obendrein wurde rumänisch gesprochen. In seinem Vortrag geht Seiler auf weitere Details ein: Zum Beispiel, wie die Wanze in die Wohnung kam. „Meine Wohnung (. . .) verschloss ich mit einem handelsüblichen Sicherheitsschloss; es wäre daher naheliegend, anzunehmen, sie hätten sich mit Leichtigkeit einen Zweitschlüssel besorgen können. Stattdessen organisierten sie, ziemlich aufwendig, eine künstliche Aleatorik, ein Zusammentreffen von Ereignissen, das zufällig wirken sollte: ich erhielt eine Vorladung zur Wehrdienststelle, ,zur Klärung meiner militärischen Situation’, wie es wörtlich hieß. Dabei musste ich, wie alle anderen Vorgeladenen, alle meine Kleider und Taschen ablegen; der Nachfolgende aber war, wie ich heute weiß, einer der ihren; er nahm den Wachsabdruck von meinem Wohnungsschlüssel vor. Dadurch, dass die Wohnblockverantwortliche die inoffizielle Mitarbeiterin ,Ana‘ war (oder über eine/n der anderen elf IM, die auf mich angesetzt waren), erfuhren sie auch, wann ich Tg.-Mures zum nächsten Mal verließ – und setzten mir dann die Wanze in die Wand, sprich in die Dose für den Antennenanschluss meines Radios, wie ich heute weiß. ,Ana‘ hat für ihren Einsatz 300 Lei bekommen, mein Gehalt als Gymnasiallehrer hatte vormals, als ich noch arbeiten durfte, 2100 Lei betragen.

Die Vorladung zum ,Centru militar‘ war im Übrigen von erheblichen, ja Todesängsten begleitet: es kam vor, dass missliebige junge Männer von einer solchen ,Konzentration’ nicht mehr zurückkehrten, da das Regime sich durch inszenierte ,Arbeitsunfälle’ des einen oder anderen Kritikers entledigte . . .“

Ab September 1987 wurde Seiler einige Male tagelang beschattet, sobald er die Wohnung verließ. Ab Dezember 1987 sollten geheime Wohnungsdurchsuchungen „Schubladenschriften“ sowie Agentenhilfsmittel wie unsichtbare Tinte, Hinweise auf Chiffrierungen und Verbindungskanäle zutage fördern. Zwölf inoffizielle Mitarbeiter waren auf Seiler angesetzt. „Die Abteilung ,S’ war befasst mit dem Abfischen, Durchlesen und, fallweise, Zurückhalten der Korrespondenz. So kam es dazu, dass ich nach 21 Jahren zwei Briefe, die vom damaligen bundesdeutschen Außenminister, Hans-Dietrich Genscher, ,zu dem Fall der Ausreise der Familie Hellmut Seiler’ an Anna Jonas, die Vorsitzende des Verbandes deutscher Schriftsteller (VS) gerichtet waren, zu Gesicht bekam; im September 1987 war ich in diesen Verband aufgenommen worden und die Vorsitzende hatte Außenminister Genscher gebeten, meine Ausreise rumänischen Behörden gegenüber zur Sprache zu bringen und sie dadurch zu beschleunigen. Die Briefe waren von Ernest Wichner, Berlin, in ganz unauffälligen Umschlägen geschickt worden. Außerdem waren alle Schreiben und Einladungen des Goethe-Instituts in Bukarest, Briefe und Post- oder Ansichtskarten deutscher Schriftsteller wie Herbert Rosendorfer, Helmut Zöpfl, Peter Hamm, Michael Krüger und von ungarischen, österreichischen und deutschen Freunden aus beiden Staaten zurückgehalten worden; ich las sie im Januar 2009 zum ersten Mal – in rumänischer Übersetzung.“ An anderer Stelle erklärt Seiler, was es mit dem geheimen Streudienst auf sich hat. „Eine besondere Rolle kam der Abteilung ,D’ zu; deren volle Bezeichnung lautete übersetzt Propaganda, Vergiftung, Verheimlichung. Ihre Aufgabe war es, Falschmeldungen und Denunziationen zu verfertigen, Beziehungen zwischen Freunden und Verwandten zu vergiften, also Misstrauen zu erzeugen, anonyme Briefe und Anzeigen zu verfassen und Gerüchte zu streuen; ich nenne sie daher ,Streudienst‘.“ Je hektischer die Maßnahmen der Überwacher waren, desto fruchtloser waren sie, weiß Seiler. „Besonders fieberhaft wurden diese Aktivitäten, als am 12. Februar 1988 ,Europa Libera‘ in seiner Sendung ,Rumänien und die Menschenrechte’ meinen Offenen Brief an Tudor Postelnicu, den ehemaligen Chef der Rumänischen Securitate und damaligen Innenminister ausstrahlte, mit einer Einführung und einem Kommentar von William Totok; noch am gleichen beziehungsweise am nächsten Tag wurde er von der BBC beziehungsweise Deutsche Welle (auf rumänisch) übernommen. Einen Monat danach ersuchte der Chef der Securitate Mures (...) den Chef der Direktion III (Auslandsspionage) in Bukarest ,persönlich’ darum, dringend bei der Passdirektion zu intervenieren, dass sie meinen Ausreiseantrag beschleunigt bearbeiteten, da ich bei ausländischen Sendern bereits eine feindliche Kampagne gestartet hätte und mit weiteren öffentlichen Schritten meinerseits zu rechnen wäre...“ Die Aufarbeitung geht weiter. Auch folgender Satz ist in Seilers Fazit zu finden: „Überhaupt werde ich das Gefühl nicht los, das Interesse an der Aufklärung ,securistischer’ Umtriebe sei bei den Betroffenen im Ausland ausgeprägter als im Land selber.“ Seiler fordert „eine offene Debatte über die Fragen von Schuld und Verstrickung, aber auch von Wahrhaftigkeit und aufrechtem Gang“.