Denkwürdiger Fund in einem Kokskeller

Gusseiserne Ortstafel aus dem Jahr 1878 erstrahlt in neuem Glanz – Obst- und Gartenbauverein sorgte für Restaurierung
Übergabe der restaurierten Truppenteiltafel von Oberweissach (von links): Meta Lindemuth, Vorsitzende des Obst- und Gartenbauvereins Unterweissach, der Entdecker der Platte, Eberhard Schauer, Bürgermeister Ian Schölzel und Horst Lindemuth. Foto: privat

WEISSACH IM TAL (hl). Als Architekt Eberhard Schauer vor Jahren die Bausubstanz des früheren Rat- und Schulhauses in Oberweissach aufnahm, stieß er im einstigen Kokskeller auf eine gusseiserne Platte. Sie fristete dort vermutlich seit den Dreißigerjahren, als sie infolge der großen Gebietsreform von der Außenwand des Hauses abmontiert worden war, ein tristes Dasein, das ihr jedoch das Überleben sicherte. Und so ist sie auf heutige Zeit überkommen.

Schauer erkannte sofort, nachdem er die Platte notdürftig gesäubert hatte, dass ihm etwas Besonderes in die Hände gefallen war: eine Ortstafel aus dem vorvorigen Jahrhundert, auch Truppenteiltafel genannt. Letzteres, weil nach preußischem Vorbild auf der Ortstafel auch die Truppenzugehörigkeit vermerkt ist. Dieser Zusatz geht auf einen Erlass des Königlich-Württembergischen Innenministeriums vom 21. November 1876 zurück. Der Erlass war auf Drängen des Kriegsministeriums zustande gekommen. Bis dato fehlte auf den Ortstafeln diese Angabe. Außerdem war dem Erlass für die Ausgestaltung der Tafeln eine lithografische Musterzeichnung in Originalgröße beigegeben.

Da schon vor diesem Erlass in vielen Gemeinden Ortstafeln und auch Ortsstöcke, an denen die Tafeln angebracht waren, aus Gusseisen bestanden, lag es nahe, die neuen Ortstafeln ebenfalls aus Gusseisen fertigen zu lassen. Das Ansinnen, aus Sparsamkeitsgründen nur Zusatztafeln anzubringen, wurde behördlicherseits abgelehnt.

Nach Gründung des deutschen Kaiserreiches musste vieles neu und vor allem einheitlich geregelt werden. So sah die erste deutsche Reichsverfassung unter anderem vor: Deutschland bildet ein Zoll- und Handelsgebiet; jeder Deutsche ist wehrpflichtig; die gesamte Landmacht des Reiches bildet ein einheitliches Heer, das in Krieg und Frieden (im Frieden mit Ausnahme der bayrischen Truppen) unter dem Befehl des Kaisers steht. Während die letzten beiden Punkte für die Einführung und Ausgestaltung der Truppenteiltafeln von Bedeutung gewesen sind, brachte der erste Punkt schwerwiegende Einschnitte in das tägliche Leben aller mit sich. Ein einheitliches Zoll- und Handelsgebiet bedurfte einer einheitlichen Währung und eines einheitlichen Messwesens. Dies hatte die Einführung der Reichsmark sowie von Meter und Kilogramm zur Folge.

Truppenteiltafeln nach preußischem Vorbild – in Preußen gab es solche Tafeln auf Wunsch von König Friedrich WilhelmIII. ab dem Jahr 1823 – einzuführen, wurde in Württemberg wie folgt begründet: 1. Die militairische Territorial-Eintheilung wird allgemeiner bekannt. 2. Die in militairischen Dienstverhältnissen stehenden Mannschaften werden stets an dieses Verhältnis sowie an ihre Zugehörigkeit zu dem betreffenden Landwehrbataillon resp. zu der betreffenden Kompanie erinnert. 3. Die gedachten Mannschaften werden beim Verziehen von einem Ort in den anderen sofort mit dem Eintreten in den neuen Aufenthaltsort ihren nunmehrigen Truppenteil erfahren und an ihre Meldepflicht erinnert.

In dem Erlass vom 21. November 1876 an die Königlichen Oberämter war außerdem mitgeteilt worden, dass bis zum 1. Januar 1878 Vollzug zu melden ist. Das heißt, bis zu diesem Zeitpunkt hatten alle Gemeinden im Königreich Württemberg Ortstafeln nach den neuen Vorgaben anzuschaffen und an den Rathäusern oder Ortsstöcken, deren Gestaltung auch vorgegeben war, anzubringen.

Weil damit etwas zulasten der Gemeinden angeordnet war, muss man wohl davon ausgehen, dass die Gemeinden ihre Ortstafeln beim Königlich-Württembergischen Hüttenamt in Wasseralfingen nur zögerlich in Auftrag gegeben haben. Anzunehmen ist auch, dass mancherorts der Dorfschreiner eine Tafel aus Holz angefertigt hat in der Annahme, auf diese Weise dem Gesetz Genüge zu tun. Die Rechnung für die restaurierte Oberweissacher Ortstafel war im Weissacher Gemeindearchiv noch vorhanden und wurde von Theresia Pethö gefunden. Sie datiert vom 20. Februar 1878 – die vorgegebene Frist wurde also nicht eingehalten – und stellt 13 Reichsmark für die Tafel selbst, eine Mark für den Versand zum Bahnhof Backnang sowie 20 Pfennig für Porto in Rechnung.

Die Idee, die verrostete Ortstafel von Oberweissach restaurieren zu lassen, geht auf den Obst- und Gartenbauverein Unterweissach zurück, der damit seinen Slogan „naturnah – ortsverbunden – umweltlich“ wieder einmal in die Tat umsetzen wollte. Meta Lindemuth, Vorsitzende des Vereins, und ihr Mann, Horst Lindemuth, machten über den Schwäbischen Heimatbund einen Restaurator ausfindig. Ludwig Horn, ehemaliger Lehrer an der Förderschule in Fichtenau, hat dort das Projekt „Restaurierung von Orts- und Grenztafeln sowie Ortsstöcken“ ins Leben gerufen und dafür den Kleindenkmal-Preis des Schwäbischen Heimatbundes erhalten. Zu ihm war der Kontakt schnell hergestellt, und nach mehreren Besuchen in Fichtenau konnten dieser Tage die vorbildlich restaurierte Originaltafel und ein Abguss abgeholt werden. Inzwischen wurden die Tafeln an Bürgermeister Ian Schölzel übergeben. Anlässlich der Übergabe der Tafeln regte der OGV Unterweissach an, die Originaltafel im Eingangsbereich des Rathauses in Unterweissach anzubringen. Sollte der Vorschlag angenommen werden, will der Verein eine knapp gefasste Erläuterung anfertigen, aus der Sinn und Zweck solcher Tafeln hervorgeht. Die Kosten für die Organisation der Restaurierung und die Fahrten nach Fichtenau wurden vom Verein beziehungsweise Ehepaar Lindemuth übernommen. An die Gemeinde ging zugleich die Bitte, der Förderschule in Fichtenau für die gelungene Restaurierung eine Spende zukommen zu lassen. Der OGV regte weiterhin an, den Abguss der Oberweissacher Ortstafel dem Landratsamt für dessen Sammlung von Ortstafeln zur Verfügung zu stellen.