„Wir wandern quer durch Deutschland“

550 Kilometer, von Wedding bis nach Waldenweiler – Zwei Frauen und zwei Hunde auf großer Tour – „Eine Grenzerfahrung, an der wir auch scheitern können“

Zwei Frauen und zwei Hunde auf großer Tour. Die Mission: Evelyn, Anne, Kiara und Colleen wandern derzeit quer durch Deutschland – von Berlin-Wedding nach Althütte-Waldenweiler, von Ost nach West, aus der Stadt aufs Land. Die Masterarbeit an der Uni abgegeben und dann gleich los; das war vor zwei Wochen. Ende Oktober/Anfang November will das Quartett am Ziel ankommen.

Von Florian Muhl

ALTHÜTTE/BERLIN. „Sie haben Glück gehabt, dass Sie mich erreichen. Ich habe mein Handy gerade im Moment eingeschaltet“, sagte Anne-Kristin Müller am Donnerstagabend. Da ein Stromanschluss unterwegs nicht jeden Abend sichergestellt ist, haben sie und ihre Begleiterin Evelyn Gläser ihre Mobiltelefone tagsüber nicht in Betrieb.

„Jetzt wird’s anstrengender – es geht bergauf, hinauf auf die Höhen des Thüringer Walds. Da werden die Tagesetappen wohl kürzer ausfallen“, so die 26-Jährige aus Waldenweiler. Aber die gute Laune ist nicht gewichen. Alle vier Wanderer, die auf zwei und auch die auf vier Beinen, sind frohen Mutes. Es ist das Elternhaus von Anne-Kristin Müller, das sie in knapp 14 Tagen erreichen wollen.

Bevor die Reise losging, gab es die unterschiedlichsten Reaktionen auf ihr Vorhaben. „Wenn wir Freunden, Bekannten oder auch Wildfremden von unserer Deutschlandwanderung erzählen, dann gibt es hauptsächlich diese zwei Reaktionen“, sagt die Studentin, „Cool, das wollte ich auch schon immer mal machen!” oder: „Warum tut ihr das?” – Allen, die sich zur ersten Antwortgruppe zählen, bieten die beiden Frauen an, sie auf einer Etappe der Reise zu begleiten.

„Auf die zweite Frage gibt es so viele Antworten, dass wir uns manchmal nicht entscheiden können, welche wir geben.“ Und die beiden Abenteurerinnen bekennen in ihrem Internetauftritt: „Um es gleich vorwegzunehmen: Sicherlich sind wir ein wenig verrückt. Ohne ein bisschen Wahn ergäbe die ganze Aktion ja keinen Sinn. Das Projekt wird eine Grenzerfahrung, an der wir auch scheitern können, doch wie sollen wir das wissen, wenn wir es nicht versuchen?“

Dann – Anfang Oktober rückte der Tag X immer näher. Um schwere Gegenstände wie die Wanderkarten – immerhin 2,5 Kilogramm – oder das Hundefutter nicht über die ganze Strecke tragen zu müssen, haben sich die Frauen bei der Routenplanung auch an den vorhandenen Packstationen orientiert. Jede Woche nehmen sie ein Nachschub-Paket aus Berlin entgegen.

„Seltsame Blicke von allen Seiten“ überschreiben die beiden ihre Erfahrungen von den ersten 25 Kilometern, die sie in Kleinmachnow- Dreilinden auf dem Campingplatz beenden. Im Zelt freuen sich alle darüber, dass ihnen warm ist. Die Hunde schlafen zufrieden. Zu dem Zeitpunkt wussten sie noch nicht, dass „Der Tag der Schmerzen“ folgen würde. Die ebenfalls 25 Kilometer lange Strecke, die das Quartett zum Großen Seddiner See und über den ehemaligen Grenzstreifen mit einer verlassenen Raststätte führte, verlangte den Wanderern Einiges ab. Und sie gestehen: „Vor allem wenn wir Busse oder andere Verkehrsmittel sahen, war es sehr verlockend, den Weg etwas abzukürzen.“

Der vierte Tag verläuft angenehmer als der dritte, als die jungen Frauen entdeckten, dass Colleen aus einer Pfote blutet. Zum Glück gibt der Tierarzt in Treuenbrietzen grünes Licht. Es kann für den Vierbeiner weitergehen – aber nur mit Schuhen.

Nach einer schonenderen etwas kürzeren Etappe finden die Abenteurerinnen in Feldheim weder eine Pension, noch einen Campingplatz. Sie hoffen auf die Hilfsbereitschaft der Feldheimer und träumen von einem Schlafplatz in einer Scheune oder zumindest einem geschützten Platz fürs Zelt. Aber sie kassieren zunächst sechs sehr flache Ausreden, wie sie sagen. „Keine Kapazitäten in der Scheune” oder „Mieter mit Hunden werden nicht geduldet”. Dann aber ein nettes Ehepaar. Es bietet ihnen einen Platz fürs Zelt, einen warmen Tee und ein beheiztes Badezimmer – „was will man mehr?“

Wieder in Schwung gekommen, hält auf freier Strecke ein Polizeiwagen neben der kleinen Wandergruppe. Die Frauen geraten in die erste Personenkontrolle ihres Lebens. Erst die Frage: „Wohin des Wegs?“, dann Ausweiskontrolle. „Er ließ uns dann aber ziehen und schenkte Anne sogar noch eine Zigarette“, so Evelyn Gläser, „die Polizei – dein Freund und Helfer.“

Weitere Abenteuer warteten auf das Quartett, ein gemütlicher Kaminabend, ein Türke, der ein Inder war...

Weitere tagesaktuelle Informationen im Internet unter: wedding-waldenweiler.de