„Man hat einfach nur funktioniert“

Am 11. März wird die Vergangenheit die Polizeibeamten Tobias Obermüller, Sebastian Wolf und Thomas Schnepf einholen

Der 11. März 2009: Ein Tag, der sich in das kollektive Gedächtnis einer ganzen Region eingebrannt hat. Der Amoklauf von Winnenden war ein tiefer Einschnitt in das Leben vieler Menschen. Drei davon sind die Beamten vom Winnender Polizeirevier, die als erste vor Ort in der Albertville-Realschule waren und vom Amokläufer beschossen wurden.

Nach wie vor mit dem Thema Amoklauf konfrontiert: Tobias Obermüller, Sebastian Wolf. Auf dem Bild fehlt Thomas Schnepf.Foto: E. Layher

Von Peter Wark

BACKNANG/WINNENDEN. Dem Jahrestag des Amoklaufs sehen Tobias Obermüller, Thomas Schnepf und Sebastian Wolf zumindest äußerlich gefasst entgegen. Natürlich, an diesem Tag wird sie die Vergangenheit einholen, werden wieder die Bilder des Schreckens hochkommen. Doch das, betont Polizeihauptkommissar Tobias Obermüller im Gespräch mehrfach, ist nichts gegen das, was die Eltern und Angehörigen der Opfer werden durchmachen müssen. Obermüller ist selbst zweifacher Vater. Sein Respekt, sagt der 41-Jährige, gelte den Schülern und Lehrern, die ebenso mit dem Unfassbaren leben müssten.

„Wir sind nach wie vor ständig mit dem Thema konfrontiert“, berichtet Polizeikommissar Sebastian Wolf. Bei der Frage, ob der 11. März sein Leben nachhaltig verändert hat, wägt der 29-Jährige Kirchberger länger ab. Dann die Antwort: „Das nicht.“ Später sagt er dann einen Satz, der viel verrät. Er habe seit jenem Mittwoch „einen zweiten Geburtstag“. Eine Kugel aus der Waffe des Amokläufers Tim Kretschmer verfehlte ihn ganz knapp und schlug unmittelbar hinter den Beamten in eine Türe ein.

Die Erinnerung an die Minuten und Stunden unmittelbar nach der Alarmierung sind bei den Beamten präsent, als wäre alles gestern passiert. Obermüller, Wolf und Schnepf rasen zur Schule. Das, was in der Theorie so oft geübt wurde, war plötzlich Ernst: „Da gab es nichts zu überlegen“, sagt Dienstgruppenleiter Obermüller. Die drei Streifenbeamten des Reviers Winnenden gehen sofort ins Gebäude, so wie es die Einsatztaktik der baden-württembergischen Polizei seit 2007 beim Verdacht auf einen Amoklauf vorsieht. Kein Warten auf Spezialkräfte, sondern ein sofortiges Eingreifen der Streifenbeamten vor Ort, um Schlimmeres zu verhindern – und das möglicherweise unter Einsatz des eigenen Lebens.

Zu diesem Zeitpunkt gibt es noch keine Personenbeschreibung des Amokläufers. „Es war eine gespenstische Stille“ erinnert sich Obermüller an die ersten Eindrücke in der Schule. Dann sehen die Beamten schemenhaft eine Person einen Stock höher. Plötzlich zerreißt ein Schuss die Stille. Die Kugel verfehlt den jungen Polizeikommissar Sebastian Wolf um Haaresbreite. „Es war klar: Wir müssen rauf“, blickt Obermüller zurück. Rauf, auf einer Treppe ohne Deckung. Oben befindet sich der Schütze. Hat man da nicht einfach nur noch blanke Angst? Komischerweise nicht, sagen die Polizisten im Rückblick. „Angst? Nein.“ Sebastian Wolf schüttelt den Kopf. „Es war einfach nur die totale Anspannung“, schildert er seine Gefühlslage. „Ich war voller Adrenalin.“ Hinterher wird ihm klar: „Man hat in dieser Situation einfach nur funktioniert.“

Auf dem Flur liegen Patronenhülsen. Der Schütze ist zunächst verschwunden. Die Einsatzkräfte arbeiten sich weiter vor, stehen unter einer unbeschreiblichen Anspannung. Noch immer ist es still, es sind keine Schreie zu hören, nichts. Die Polizisten wissen sich selbst in höchster Lebensgefahr. Gleichzeitig ist ihnen bewusst, dass sie möglicherweise in Sekundenbruchteilen entscheiden müssen, selbst auf einen Menschen – einen Jugendlichen vielleicht – zu schießen. Noch immer liegt keine Personenbeschreibung vor. „Jeder, der einem begegnet, könnte der Täter sein“, macht Obermüller klar, unter welch psychischen Stress er und seine Kollegen in diesem Moment stehen. Sie stoßen auf die Leichen zweier ermordeter Lehrerinnen, wissen nicht, wo im Gebäude sich der Täter befindet.

Später wird klar: Nach dem Eintreffen der drei Streifenpolizisten gab es im Schulgebäude keine weiteren Opfer mehr. Und doch, sagt Obermüller, marterte ihn und die Kollegen in der ersten Zeit immer wieder die Frage, ob man sich selbst irgendwelche Vorwürfe machen muss, ob man irgendetwas hätte anders machen müssen. Nein, sie haben nichts falsch gemacht, das wird später die Aufarbeitung des Einsatzes bestätigen.

Die drei Streifenbeamten haben einen Einsatz hinter sich, von dem man sich bei aller Theorie niemals hatte vorstellen können, dass er Realität werden könnte. Die Ereignisse des 11. März haben sie überrollt, wie sie jeden anderen Beteiligten auch überrollt haben. Noch am Nachmittag gab es erste psychologische Hilfe für sie durch den polizeilichen Betreuungsdienst. Die quälenden Gedanken und Erinnerungen waren trotzdem in der ersten Phase nach dem Amoklauf ständige Begleiter.

Tobias Obermüller erinnert sich, wie er am nächsten Tag erst einmal einen sehr langen Spaziergang mit seinen Hunden unternommen hat, um den Kopf halbwegs freizubekommen.

Hilfreich sei auch der Austausch und ständige Kontakt mit den Kollegen gewesen, blickt er zurück. Relativ schnell kam der Punkt, wo es ihm darum ging, Abstand zu gewinnen von den Ereignissen. Sebastian Wolf hat eine andere Bewältigungsstrategie gewählt. Er hat sich intensiv mit dem Amoklauf befasst, hat viele Beiträge darüber im Fernsehen angeschaut, Zeitungen gelesen und im Internet recherchiert. Dann hat er begonnen, seine Eindrücke, Erinnerungen und Gefühle für sich selbst aufzuschreiben.

Obermüller, Wolf und Schnepf wurde von der Leitung der Polizeidirektion die Möglichkeit einer längeren Auszeit angeboten, ebenso hätten sie sich auf andere Stellen versetzen lassen können. Doch das kam für keinen von ihnen infrage. Wenige Tage später waren die Beamten wieder im Nachtdienst. Es war nicht einfach für Tobias Obermüller. Da gab es die Momente, in denen ihm der kalte Schweiß ausgebrochen ist und er sich übergeben musste. Zum Glück sind die Eindrücke im Lauf der Zeit ein wenig verblasst. Doch wie fragil diese vermeintliche innere Stabilität ist, wurde ihm vor Kurzem vor Augen geführt. Neulich, bei einem Streifeneinsatz, wurde der Polizeihauptkommissar von einem Radaubruder leicht verletzt. „Eigentlich eine Bagatelle“, sagt er, doch da kamen plötzlich die Erinnerungen auf einen Schlag wieder hoch.

Tobias Obermüller und Sebastian Wolf sagen, dass sie heute manche Dinge im Alltag anders einschätzen als früher und sich nicht mehr über Kleinigkeiten aufregen. Sebastian Wolf lebt sein Privatleben viel bewusster als früher. Tobias Obermüller sagt: „Ich versuche jetzt, jedem Tag etwas Schönes abzugewinnen.“