Psychisch Kranke sind von Armut bedroht

Betroffene sind auf Unterstützung angewiesen – Kontakt zum Sozialpsychiatrischen Dienst oft von existenzieller Bedeutung

Eine psychische Erkrankung stellt auch ein hohes Armutsrisiko dar. Betroffene halten dem Leistungsdruck am Arbeitsplatz meist nicht mehr stand und sind auf Unterstützung angewiesen. Dabei droht ihnen häufig das Abgleiten in die Armut. Das machten Vertreter von Diakonie und Caritas bei einer Pressekonferenz in Waiblingen deutlich.

Rückzug, Kontaktarmut, Vereinsamung: Psychische Erkrankungen führen oft in einen Teufelskreis des Leidens. Foto: Imago

Von Armin Fechter

WAIBLINGEN. Der Tod von Fußball-Torhüter Robert Enke im November 2009 rüttelte die Öffentlichkeit auf: In ganz Europa löste sein Suizid, dem ein jahrelanges Leiden an Depressionen vorausgegangen war, Bestürzung aus. Hat es seitdem einen Wandel im Denken über psychische Erkrankungen gegeben? „Es verändert sich etwas“, ist Caritas-Fachleiter Christoph Kaup überzeugt. Das bestätigt Gerhard Rall vom Kreisdiakonieverband: Die Fallzahlen sind, wie Krankenkassen-Statistiken belegen, in letzter Zeit eklatant gestiegen. Damit rückt das Thema verstärkt ins Bewusstsein.

Psychische Erkrankungen haben aber nicht nur eine medizinische Seite. Sie wirken sich auch ganz konkret im Alltag aus: Betroffene halten den Leistungsanforderungen am Arbeitsplatz nicht mehr stand, Fehlzeiten häufen sich, Kranke werden arbeitsunfähig, scheiden aus dem Erwerbsleben aus. Und wenn für sie das geregelte Einkommen wegfällt, sind sie auf Unterstützung angewiesen.

Wie Rüdiger Gähr, Fachbereichsleitung Sozialpsychiatrische Hilfen beim Kreisdiakonieverband, erklärt, betrifft dies den Großteil der Klienten. Sie erhalten staatliche Leistungen wie Arbeitslosengeld oder Grundsicherung, oder die Familie oder der Partner greift ihnen unter die Arme. Weniger als 10 Prozent haben laut Gähr einen Job auf dem ersten Arbeitsmarkt. Und diejenigen, die erst einmal weg sind, finden nach ihrer Erkrankung kaum noch etwas, unterstreicht SpDi-Mitarbeiterin Claudia Kauderer. „Sie fallen raus und bleiben draußen“, bekräftigt Rall. Eine Lücke im Lebenslauf, wie sie bei einem längeren krankheitsbedingten Ausfall entsteht, wirkt bei Bewerbungen um eine neue Stelle schädlich.

Gleichzeitig beklagt Kaup aus Sicht der Caritas, dass die Bereitschaft von Arbeitgeberseite, Leistungsschwächere mitzutragen, zurückgehe: Immer mehr sogenannte Nischenarbeitsplätze, etwa das Vesperholen, Botendienste oder das Sortieren von Karteikarten, fallen weg. Und ohne Arbeit folgen dann, so Gähr, geringere Rentenanwartschaften.

Massiv zugenommen hat laut Kauderer die Zahl jüngerer Leute mit psychischen Erkrankungen. Sie haben den Schulabschluss zwar geschafft, den beruflichen Anschluss aber verpasst, weil sie durch unterschiedliche Belastungsfaktoren, wie sie in Krisenzeiten, so bei der Ablösung von der Familie, aus der Bahn geworfen werden und das seelische Gleichgewicht verlieren. Und die psychischen Probleme erschweren dann für die Betroffenen den Umgang mit Behörden, erklärt Heike Matz von der Caritas. Da wird dann jemandem der Strom abgestellt, weil Rechnungen nicht bezahlt sind – und dahinter steckt, dass der Betreffende panische Angst davor hat, die Post zu öffnen. Weil aber die Menschen wenig Antrieb haben, an ihrer Lage, ihrem stillen, einsamen Leiden etwas zu ändern, ist für sie der Kontakt zum SpDi existenziell wichtig, erklärt Gerhard Rall.