„Wir haben schon genügend Gehirne zugemüllt“

Manfred Spitzer warnte eindringlich vor den Gefahren von Bildschirmmedien – Der führende Gehirnforscher forderte zum Handeln auf

Manfred Spitzer ist Wissenschaftler. Dennoch gelang es dem führenden Gehirnforscher, die 650 Gäste im Bürgerhaus mit seinem Vortrag über die Gefahr von Bildschirmmedien zu fesseln. Sein Geheimnis: Spitzer erklärte seine neurowissenschaftliche Sichtweise anhand von anschaulichen Beispielen.

Von Florian Muhl

BACKNANG. „Jetzt weiß ich endlich, was die Glühweinbude und das Klo mit dem Gehirn zu tun haben“, zog Ulrich Schielke am Ende eines kurzweiligen und – trotz ernsten Themas – in weiten Teilen amüsanten Vortrags von Spitzer ein eigenes Fazit. Als Leiter des Gewaltpräventionsprojekt Power ohne Fäuste war er, neben der Stadt Backnang, dem Aktionsbündnis Stiftung gegen Gewalt an Schulen, dem Gesamtelternbeirat und der Gruppe Backnanger Bildungsgespräche sowie der Volkshochschule Backnang, Mitveranstalter des Vortragsabends, den er moderierte und der im Gedenken an die Opfer des Amoklaufs stattfand.

Als Mutter der in Winnenden getöteten Referendarin Nina Mayer warnte Gisela Mayer vor einer Verrohung der Gesellschaft. Gewalt werde zunehmend nicht mehr als Gewalt wahrgenommen. Mayer forderte dazu auf, sich kundig zu machen: „Wir müssen wissen wollen“, um dann handeln zu können. Musikalisch umrahmt wurde der Abend von Bariton Jürgen Deppert und Sigi Hänger (Piano).

„Stellen Sie sich eine große Wiese in einem Park vor, und es hat kräftig geschneit. Viele Leute laufen nun auf dem Schnee herum“, beginnt Spitzer eines seiner bildreichen Beispiele. „Sie schauen sich diese Wiese von einer Anhöhe aus an und entdecken die zahlreichen Spuren im Schnee, die alle wild durcheinanderführen. Nun wird auf der einen Seite eine Glühweinbude aufgebaut, auf der anderen Seite eine öffentliche Toilette.“ Was dann passiert, liegt auf der Hand. Die Spur, die bald von der Glühweinbude zum WC-Häuschen und zurück führt, wird mehr und mehr genutzt. Bald ist’s ein Trampelpfad. Eine zweite und eine dritte Glühweinbude wird neben der ersten aufgebaut. Die Menschen gehen von dort aber nicht mehr den direkten Weg zum Klo, sondern nutzen jetzt größtenteils den bereits vorhandenen Trampelpfad. „Im Park gab’s Regelmäßigkeiten: Wer da war, geht auch dort hin. Genauso läuft das auch bei uns im Gehirn ab“, sagt Spitzer. „Es entstehen gebrauchsabhängige Spuren und Strukturen.“

Das menschliche Gehirn besteht aus 100 Milliarden Nervenzellen. Und jede Nervenzelle weist bis zu 10000 Synapsen auf; das sind Schnittstellen in Form von Lücken, wo Informationen chemisch auf andere Zellen übertragen werden können. „Die Synapsen werden stärker durch ihre Benutzung“, so der Gehirnforscher. Einzelne Vorgänge könnte sich das Gehirn weniger gut merken. „Es müssen viele Impulse rüberspringen“, sagt Spitzer, um gleich ein weiteres Beispiel zu nennen: „Wie lernt ein Baby laufen? Es zieht sich erstmals an einem Stuhlbein hoch, fällt hinunter, zieht sich erneut hoch, fällt wieder und so weiter und so fort.“ Aber irgendwann, nach 20, 30, 50 Versuchen, könne das Baby stehen und erste Schritte machen. „Wie lernt ein Baby laufen?“ fragt der Mediziner, um selbst zu antworten: „Von Fall zu Fall.“

Ähnlich verhalte es sich, auch beim Konsum von Gewaltsendungen im Fernsehen oder Gewaltspielen am Computer. Das einmalige Spielen stelle noch keine Gefahr dar. Aber das ständige Wiederholen, das stundenlange Verharren vor diesen Geräten, davor warnt der Ärztliche Direktor: „Die Dosis macht das Gift“, sagt der Wissenschaftler und bezieht sich auf ältere, aber auch ganz aktuelle Studien. So betrage der durchschnittliche Medienkonsum eines Jugendlichen in Deutschland bereits 5,5 Stunden pro Tag. „Der wird – zeitlich gesehen – nur noch vom Schlaf übertroffen.“ In den USA, so neueste Erkenntnisse, würden Jugendliche sogar im Durchschnitt 8,5 Stunden pro Tag vor den Kisten sitzen. Auf Rang zwei käme der Schlaf und die Schule mit 4 Stunden liege noch weit dahinter.

In der eigenen Familie hat Spitzer gehandelt. Kein Fernsehen mehr. Der wurde weggesperrt. Zunächst gab es Gemaule bei den Kindern. Aber heute, so der sechsfache Familienvater, seien ihm seine Kinder dankbar, er hätte es richtig gemacht. Beim Computer sei er etwas laxer gewesen, habe nur das Spielen verboten. Denn aus seiner jahrelangen Forschungstätigkeit und von den Hirnforscher-Kongressen, bei denen in Amerika jedes Jahr 30000 bis 40000 Wissenschaftler zusammenkommen, weiß er, welche Gefahr hinter dem Marathon-Konsum von Bildschirmmedien steckt. Denn Gewalt ist im Kinderfernsehen und Nachrichtensendungen bereits weitverbreitet. Die eindeutige Erkenntnis: Gewalt stumpft ab.

„Ich will nicht, dass meine Enkel in 20 Jahren zu mir kommen und mir vorwerfen: Opa, du hast doch alles gewusst. Warum hast du nichts gemacht?“, sagt der Psychiater. Deswegen stehe er jetzt hier, aus diesem Grund sei er gerne gekommen, um wach zu rütteln und zum Handeln aufzufordern. Spitzer: „Wir haben schon genügend Gehirne zugemüllt.“