Plädoyer für eine neue Schulform

Zwei Backnanger Schulen gehen ab 2013/14 neue Wege – Statt Gleichmacherei fördert die Reform individuelle Stärken

Hohe Lehrerdichte im Fritz-Schweizer-Saal des Bürgerhauses: Die Ortsverbände Backnang und Murrhardt von Bündnis 90/Die Grünen hatten in Zusammenarbeit mit dem Kreisverband zu einer Podiumsdiskussion über die Gemeinschaftsschule in Backnang geladen.

Viele Fragen, teils auch kritische Blicke: Die Besucher diskutierten beim Thema Gemeinschaftsschule engagiert mit. Fotos: J. Fiedler

Von Carmen Warstat

BACKNANG. Es gibt eine Facebook-Seite „Keine Gemeinschaftsschule in Baden-Württemberg“, die gegen die von der grün-roten Landesregierung zu diesem Schuljahr eingeführte neue Schulform Stimmung macht. Dabei ist klar, dass die Gemeinschaftsschule den Kommunen nicht per Gesetz aufgezwungen wird, sondern, abhängig von den örtlichen Bedürfnissen, auf Wunsch von Eltern und Pädagogen aus bestehenden Schulen entwickelt werden kann, nicht muss. Die heimliche Abschaffung der Gymnasien wird befürchtet, und dass die Pädagogik unter die Räder kommt, Gleichmacherei zuungunsten leistungsstärkerer Kinder und überhaupt die Aufhebung des (allen Pisa-Studien zum Trotz) aktuell vermeintlich hohen Lernniveaus sowie nicht zuletzt die infrage stehende Realisierbarkeit – all das wird gegen das neue Modell ins Feld geführt.

Diese und andere Bedenken klangen auch in der Podiumsdiskussion mit dem grünen Landtagsabgeordneten und Vorsitzenden des Bildungsausschusses Siegfried Lehmann (Berufsschullehrer aus Konstanz), der Leiterin des Staatlichen Schulamts Backnang, Sabine Hagenmüller-Gehring, und Tausschulrektor Jochen Nossek an. Die drei informierten zunächst über das Konzept Gemeinschaftsschule sowie Ansätze seiner Umsetzung im Rems-Murr-Kreis.

Ab dem kommenden Schuljahr wird es für die Mörike- und die Tausschule konkret, beide haben Absichtserklärungen und pädagogische Konzeptionen eingereicht, denen stattgegeben wurde; die Vorbereitungen zur Umstrukturierung laufen auf Hochtouren.

Die Gemeinschaftsschule verzichtet auf frühzeitige Trennung der Kinder und einheitliche Anforderungen an alle in jeweils allen Fächern. Stattdessen setzt sie auf die Individualität des Kindes und billigt dem Einzelnen Stärken zu, die es zu betonen und zu fördern gilt. Demzufolge wird es den Schülern möglich sein, in unterschiedlichen Fächern unterschiedliche Niveaustufen anzustreben und alle Abschlüsse zu erwerben. Das Sitzenbleiben gehört ebenso der Vergangenheit an wie das Um- oder Abschulen im gegliederten Schulsystem nicht integrierbarer Kinder. Bei Bedarf wird es die Schule ohne Noten geben, die viel differenziertere Formen der Rückmeldung und Kommunikation mit den Eltern zu entwickeln hat. An den Gemeinschaftsschulen setzt man auf Inklusion; das bedeutet, dass Vielfalt nicht als störend, sondern ganz im Gegenteil als hoher Wert betrachtet wird und auch Behinderte einschließt.

Dem Landtagsabgeordneten Lehmann zufolge gehört der Gemeinschaftsschule schon aus demografischen Gründen die Zukunft. Schulamtschefin Sabine Hagenmüller-Gehring betonte, dass es nicht um einen Wechsel des Türschilds, sondern um pädagogische Konzeptionen mit breiter Akzeptanz in Kollegien und Elternschaften gehe und keine Schule gedrängt werde. Sie fasste eine Reihe positiver Rückmeldungen aus der seit dem laufenden Schuljahr als Gemeinschaftsschule arbeitenden Keplerschule in Korb zusammen, wo Kinder, Eltern und Lehrkräfte übereinstimmend des Lobes voll sind und es so viele Anmeldungen für 2013/2014 gab, dass das Schulamt, nicht ohne Anhörung der Eltern, Schülerlenkungen vornehmen musste.

Die Frage nach der Realisierbarkeit scheint damit zum Teil beantwortet, auch wenn die neue Schulform noch in den Kinderschuhen steckt. Tausschulleiter Jochen Nossek, ein Mann der Praxis, versteht sich als Anwalt der Kinder und bezieht seine Haltung pro Bildungsgerechtigkeit unter anderem aus der eigenen Schullaufbahn, die nicht ohne Stolpersteine verlaufen ist. Er wünscht sich für die Zukunft „operative Eigenständigkeit“ in Personalfragen.

Verschiedene Diskussionsteilnehmer wiesen auf die Notwendigkeit einer ausreichenden quantitativen Versorgung mit Lehrpersonal hin. Mehrfach wurden die anachronistischen Unterschiede in der (auch monetären) Wertschätzung der verschiedenen Lehrämter (Hauptschule, Realschule, Gymnasium) angerissen. Ein Hauptschullehrer fragte gar: „Wann beenden Sie das ständische Prinzip in der Lehrerausbildung?“ Wer im Interesse der Chancengleichheit für die Kinder eine Schulform favorisiert, an der es Lehrer erster, zweiter und dritter Klasse gibt, muss sich diese Frage gefallen lassen. Sprich: Kein noch so schönes Konzept wird sich mit Leben erfüllen lassen, wenn nicht neben jedem Kind auch jeder Lehrer die gleiche Akzeptanz erfährt.