Faszination nicht nur für geometrische Formen

Ausstellung „Holz und Glas“ in der Barockscheune Oberschöntal – Johannes Müller und Ragan Arnold zu Gast

Zum zweiten Mal stelle sich die Barockscheune Oberschöntal „als Nabel der regionalen Kunstwelt“ dar, so der Erste Bürgermeister Michael Balzer in „zaghafter Übertreibung“. Galerieinhaber Sabine und Dietmar Kutter hatten erneut zu einer Vernissage in ihr denkmalgeschütztes Reich eingeladen.

Er kam immer wieder auf das Material Glas zurück: Ragan Arnold. Fotos: J. Fiedler

Von Carmen Warstat

BACKNANG. Von oben herab, aber keineswegs herablassend – so begleitete das Duo Rózsák (Petra Jänsch am Akkordeon und Katharina Wibmer an der Violine) die Vernissage mit intensiven Balkanklängen. Denn die Scheune auf ihren verschiedenen Ebenen und nach innen hin offenen Zwischengeschossen sowie der Gewölbekeller bieten ein reizvolles Ambiente für Kunstausstellungen.

Das Zauberwort bei der Werkschau, die Arbeiten von Johannes Müller (Stuttgart) und Ragan Arnold (Esslingen) zeigt, heißt Interaktivität. Diese erhebt den Betrachter zum Mitgestalter einer Kunst, die über das konkret gegenständlich definierte Objekt hinausgeht, in dessen Umfeld hineinwächst und sich in Zeit und Raum verliert.

Beide Künstler haben in ihrer Jugend an der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste studiert und sind danach auf ausgedehnte Reisen gegangen: Johannes Müller, den gelernten Schreiner, zog es ganz real in die Welt hinaus, Ragan Arnold erkundete Stile und Genres der bildenden Kunst, er kam immer wieder auf das Material Glas zurück. Dem Besucher fallen sofort seine farbigen Objekte auf – Vasen oder Blasen, „wesenhafte Zwitter zwischen Skulptur und Gebrauchsgegenstand“, die laut Arnold wie Tänzer aneinander gereiht, eingefroren in ihrer Bewegung verharren.

Im Kontrast zu diesen gewichtig und kalt wirkenden glatten Glasgebilden macht der Betrachter eine halbe Etage höher leicht schwebende, filigrane Holzarbeiten in oft weichen, pastelligen Tönen aus, die ihn, wie Bürgermeister Balzer in seinem Grußwort treffend bemerkte, „fast magisch“ anziehen. Johannes Müllers „Großes Auge“ war hier schon im letzten Jahr zu sehen. Es ist eine Arbeit aus feinen Holzstäben, die mit noch feinerem Polyestervlies vernetzt wurden und ein großes dreidimensional-luftiges, scheinbar schwereloses Mandala bilden. Andere Mobiles heißen „Beinahe still“ oder „Unterbrochene Ruhe“. Traumfängern ähnlich kombinieren sie leichte Hölzer mit hauchzarten Federn zu sanft pendelnden Gebilden, die in ihrer harmonischen Schönheit beruhigend wirken, bis man kleine Messingprojektile entdeckt, die die Assoziation von Frieden und Ruhe zerstören und die Kraft der Gravitation sichtbar und schmerzhaft bewusst machen.

Es ist der Betrachter, der die Objekte durch seine Bewegungen zum Schwingen bringt und so die Wanderungen der faszinierenden Schatten beeinflusst. Die in Hellblautönen gehaltene „Unterbrochene Ruhe“ findet sich im Abbild an der Wand, wenn man so will, als graue, kreisende Dornenkrone wieder. Tiefe durch Schattenwürfe entsteht auch in den Fenstermotiven, die jeweils atmosphärisch eingefärbte Gitterflächen übereinanderlegen und „Blick aufs Meer“, „Abend“ oder „Auwald“ heißen.

Die Faszination des Künstlers für geometrische Formen ist hier wie auch bei seinen in den Raum ragenden Reliefs aus Holzstäben unübersehbar. Wieder sind es Schatten, die bedingt durch die Bewegungen des Betrachters changieren und über das materielle Objekt hinaus weisen. Johannes Müllers Arbeiten sind vollendet durchdacht und handwerklich so fein ausgeführt, dass man sich den Schaffensprozess automatisch als eine große Achtsamkeitsübung vorstellt, bei der es dem Künstler auch um das Entdecken von Effekten geht. Eher ein – allerdings nicht minder aufwendiges – Spiel mit den Energien der Elemente und Aggregatzuständen, mit Zufällen und Fantasie scheinen die Werke Ragan Arnolds zu sein. Aber auch seine Installationen im Gewölbekeller machen die Betrachter zu Subjekten, die etwa durch Bewegungen rätselhafte Kristallkugeln illuminieren oder große, an Saxofone erinnernde „Hörner“ aus Glas zum Klingen bringen können. Man solle „um Gottes Willen nicht alles nett“ finden hatte Michael Balzer eröffnend gesagt. Deshalb ist es sicher erlaubt, die Installation „Kissen“, die rot-orangefarbenen Lavalampen ähnelnde Glasobjekte auf Gipskissen zeigt, mit einer Meditationsgruppe kleiner Phalli oder erigierter Zipfelmützen zu assoziieren.

Die Ausstellung kann bis zum 22. September samstags und sonntags von 16 bis 19 Uhr besichtigt werden.