Betrogen, vertrieben, krank und verarmt

In der Dokumentation „High Power“ verdeutlichen Interviews mit Anwohnern Auswirkungen der Atomkraft

Wie verheerend sich das seit 1967/68 laufende Atomkraftwerk Tarapur an der indischen Westküste auf Mensch und Umwelt auswirkt, beschreiben eindringliche Interviews eines Besuchers mit zornigen Bewohnern und beklemmende Aufnahmen in Pradeep Indulkars Dokumentation „High Power“.

Händeschütteln mit dem Regisseur: Die Zuschauer bedankten sich bei Pradeep Indulkar. Foto: E. Klaper

Von Elisabeth Klaper

MURRHARDT. Seit 1999 protestieren die Einwohner der Dörfer um Tarapur gegen das Kernkraftwerk. Die Regierung versprach ihnen Arbeit und den Ausbau der Infrastruktur, belog und betrog sie damit aber, denn sie haben keinen Strom, obwohl sie in direkter Nähe des Kraftwerks wohnen. Als sie protestierten, vertrieb die Polizei sie gewaltsam aus ihren Dörfern und machte ihre Häuser mit Bulldozern platt. Das heiße Kühlwasser vernichtete alle Fische in den Küstengewässern, sodass die Fischer mit Motorbooten weit hinausfahren müssen, um nur wenige winzige Fische zu fangen, die keiner kaufen will.

Die meisten Dorfbewohner wurden arbeitslos und verarmten. Viele leiden an vorher unbekannten Krankheiten wie Krebs, Herz-, Atemwegs- und Nierenleiden, Unfruchtbarkeit, Fehlgeburten, hoher Säuglingssterblichkeit, Gehirnschäden und Behinderungen. Bäume und Früchte wachsen deutlich langsamer und werden nur noch halb so groß, sodass sich die Ernte halbierte. Dort, wo Starkstromleitungen verlaufen, besteht in einem etwa 25 Meter breiten Streifen Lebensgefahr. Die rund 30 Zuschauer im Kommunalen Kino schweigen erst betroffen, dann stellen sie dem Regisseur verschiedene Fragen, dessen Antworten Antiatomkraft-Aktivist Peter Hauck übersetzt und ergänzt.

Wurde die Radioaktivität in Tarapur gemessen? „Die indische Regierung kontrolliert und überprüft die Kraftwerke, veröffentlicht aber keine Ergebnisse“, so die Antwort. Ausländische Wissenschaftler dürfen nicht (wieder) einreisen, wie ein US-Geologe, der das Erdbebengebiet um Jaitapur untersuchte, wo das größte Atomkraftwerk der Welt gebaut werden soll. Die von einem Arzt und Aktivisten gemessene erhöhte Radioaktivität wird nicht anerkannt. Darum planen europäische Antiatomaktivisten Messungen durch ein Expertenteam, um öffentlichen Druck aufzubauen, kündigt Hauck an.

Was halten die Inder von der Atomenergie? Trotz der Katastrophe von Fukushima sei die öffentliche Meinung in Indien wegen der Regierungspropaganda noch überwiegend für Atomenergie, auch berichteten die Medien meist regierungsfreundlich, berichtet Indulkar. „Darum habe ich den Film gedreht, um meine Landsleute über die Wahrheit aufzuklären.“ Inzwischen konnte er „High Power“ in Mumbai zeigen: „Die Zuschauer reagierten wie erhofft, wurden nachdenklich und gehen bewusster mit Strom um.“ Da die Stromversorgung staatlich über ein zentralisiertes Netz erfolgt, können Inder nicht den Stromanbieter wechseln, doch protestieren sie gewaltfrei zu Tausenden mit Mahnwachen, Hungerstreiks und bewusster Übertretung von Verboten, um ihre Verhaftung zu provozieren und damit die Behörden zu überfordern. Wie ist Deutschland involviert? Die internationale Atomindustrie sei eng verflochten, darum sei Deutschland beteiligt an neuen Kernkraftwerksprojekten, für die Firmen aus Europa, USA und Russland Komponenten liefern. Zwar sei der Antrag auf Hermesbürgschaften der deutschen Regierung zur Förderung des Projekts Jaitapur noch nicht entschieden, doch argumentiert laut Hauck die Gewerkschaft IG Metall dafür, weil damit deutsche Arbeitsplätze gesichert werden. Mit welcher Technologie arbeiten indische Atomkraftwerke? Das indische Atomprogramm besteht aus drei Phasen: Derzeit arbeiten Schwerwasserreaktoren mit Natururan, künftig sollen schnelle Brüter, „eine Technologie, die weltweit nicht funktioniert“, mithilfe natürlicher Thoriumvorkommen Energie erzeugen, so Hauck. Atommüll gelte als Brennstoff, darum sei eine zentrale Wiederaufbereitungsanlage unter internationaler Kontrolle geplant. Nutzt Indien auch erneuerbare Energien? Zurzeit seien Kohle, Gas, Öl und Großwasserkraft die Hauptenergiequellen Indiens, der Anteil der erneuerbaren Energien mit Solar- und Windkraftanlagen liege bei etwa 12 Prozent, die Atomkraft mache nur etwa 3,5 Prozent aus. Da Atomkraft teuer ist, die Preise zur Gewinnung erneuerbarer Energien aber sinken, hofft Hauck, dass Indien aus wirtschaftlichen Gründen seine Energiepolitik ändert und künftig Strom aus Sonne und Wind gewinnt. Abschließend setzen einige Besucher des Abends ein Zeichen der Solidarität mit der indischen Antiatombewegung und unterschreiben ein Transparent mit der Botschaft „Stop Jaitapur“.