Musik und Hunde im Haus des Lebens

Die beiden neuen Therapie-Angebote sollen den Gästen im stationären Hospiz den Aufenthalt noch lebenswerter gestalten

Kein Wartesaal des Todes, sondern ein Haus des Lebens – so wollen die Mitarbeiter das stationäre Hospiz verstanden wissen. Deshalb schauen sie intensiv danach, wie sie den Gästen den Aufenthalt lebenswerter gestalten können. Seit Kurzem besucht Musiktherapeut Christian Zech die Gäste. Und Dorothee Hettinger schaut mit ihren Therapiehunden vorbei.

Möchte Hospizgäste wie Johanna Bidlingmaier mit Musik erfreuen: Christian Zech.

Von Matthias Nothstein

BACKNANG. Es sind nur zwei Mosaiksteine, aber sie tragen dazu bei, dass das Hospiz kein Sterbehaus ist, sondern ein Haus des Lebens: Der Musiker und Gitarrist Christian Zech begleitet die Sterbenden auf ihrem letzten Lebensabschnitt mit Musik. Und Therapie-Begleithundeführerin Dorothee Hettinger erfreut die Gäste und deren Angehörige mit ihren Hunden Daisy und Maya. Für Hospizstiftungschef Heinz Franke und Pflegedienstleiterin Ulrike Barth sind diese Angebote Sahnehäubchen innerhalb der Wohlfühlanstrengungen.

Für Christian Zech gehört Musik zum Leben wie das Zähneputzen. Der Musiktherapeut hat in seiner Laufbahn schon viele Projekte mit Schülern gemacht und dabei gemerkt, Musik muss man unterrichten wie Fußball. Das heißt: Man muss es einfach machen. Mit diesem unkomplizierten Ansatz geht er auch auf die Bewohner des Hospizes zu. „Jeder, der sprechen kann, kann auch singen“, so das Credo des 52-Jährigen. Er ist auch der Auffassung, dass jeder Mensch Rhythmusgefühl hat. Seine Erklärung: Schon im Mutterleib hört das Ungeborene den Herzschlag der Mutter.

Zudem ist Zech der Ansicht, dass jeder Mensch Lieder hat, die ihn berühren. Sei es ein Lied, das er mit seiner ersten Liebe verbindet, sei es ein Lied, das ihm die Mutter an der Wiege gesungen hat. Wer es schafft, bei einem Menschen diese Erinnerungen herauszukitzeln, „diese Nabelschnur in den Himmel“, der hat als Therapeut schon sehr viel erreicht.

Eigentlich fühlt sich Zech für diese Arbeit nicht zwingend geeignet, „denn Musiker sind oft extrovertiert oder haben gar autistische Züge“. Für Zech ist dies normal, „das braucht man als Künstler, um auf der Bühne bestehen zu können“. Im Gespräch mit einem Todkranken sind diese Wesenszüge jedoch unvorteilhaft. Der sensible Künstler weiß das und beherzigt dies. Er geht sehr einfühlsam auf die Gäste ein. Und er toleriert, dass nicht jeder seine Hilfe will. „Musik bringt bei den Menschen etwas zum Klingen. Aber nur bei den sensiblen Gästen, bei denen, die einen Zugang dazu haben.“

Bei der Frage der Musikrichtung ist der Gitarrist sehr flexibel. Ob Beatles und Rockmusik, ob Funk oder Pop, ob kirchliche Musik – Zech geht auf alle Wünsche ein. Dabei kommt es ihm zugute, dass er als Sänger und Leiter Erfahrung mit Chören hat. Sein Spezialgebiet ist die brasilianische Popularmusik.

Doch oft geht es im Hospiz nur um einfachste Klänge. Wenn ihm jemand Freude an der Musik signalisiert, greift Zech gerne zu seinen Klanghölzern. Oder er legt den Sterbenskranken die Gitarre auf den Leib, damit diese einfache Akkorde erklingen lassen können. „Es ist faszinierend, wie einfach es ist, Musik zu machen“, beschreibt der Schorndorfer. Seine Beobachtung ist, dass viele Gäste durch die Klänge ruhiger werden. Zuweilen geht er nach einer halben Stunde wieder, weil die Kranken oder Alten dann müde sind. Aber das ist eine Typ-Frage. Andere singen kräftig mit und lachen und haben ihre Freude.

Zechs Motivation für sein Engagement im Hospiz ist nicht das Geld, „wir können ihm nicht den üblichen Satz bezahlen“, klagt der stets klamme Hospiz-Finanz-Chef Franke. Mindestens 50 Prozent der Musiktherapie werden daher mit Gotteslohn vergolten. Trotzdem ist Zech mit Eifer dabei, er will etwas Neues entwickeln und Erfahrungen machen, „das gibt mir sehr viel“. Er weiß, es ist einer der urgewaltigsten Momente, wenn ein Mensch stirbt. Und Jutta Kring, die stellvertretende Pflegedienstleiterin, über deren Kontakt Zech zum Hospiz kam, ergänzt: „Es ist jedesmal Welturaufführung.“ Der Musiker ist noch nicht lange als Hospizbegleiter dabei. Aber er hat schon die Erfahrung gemacht, wie viel Zuversicht es zum Beispiel gibt, wenn ein Mensch in seiner Sterbestunde den Frieden mit sich und den Seinen machen kann. Für die Zukunft wünscht Zech sich Verstärkung, damit sich das Angebot verfestigt. Und damit es variiert werden kann. Er appelliert an alle Musiker mitzumachen und erklärt sich bereit, sie an die Hand zu nehmen. Jedes Instrument ist ihm willkommen, „selbst jemand mit Tuba könnte ich mir vorstellen“. Dann bricht der Chorleiter aus ihm heraus: „Die Fähigkeit, leise und hoch singen zu können, ist auch sehr hilfreich.“

Hettinger kennt das Hospiz gut. Vor einem Jahr noch war sie feste Mitarbeiterin der Backnanger Institution. Dann wechselte die Alfdorferin zur heimischen Sozialstation. Während ihrer Hospizzeit hatte sie zuweilen ihren Hund Daisy dabei. Der kam bei den Gästen bestens an. Eigentlich wollte die Frau mit dem großen sozialen Engagement den Labrador zum Rettungshund ausbilden, dann stoppte eine Verletzung diesen Plan. So hat die Krankenschwester ihren braven Hund in Eppingen zum Therapie-Begleithund ausbilden lassen. Seit einigen Wochen sind sie im Einsatz. Und mit dabei ist Maya, ein 2,2 Kilogramm leichtes Wollknäuel der russischen Rasse Bolonka Zwetna, was übersetzt buntes Schoßhündchen bedeutet. Jeder der beiden Hunde hat seine Stärken. Maya etwa legt sich zu den Gästen ins Bett und strahlt viel Wärme aus. Die Hospiz-Gäste genießen die Nähe und können mit dem Hund kuscheln und ihn streicheln. Daisy hingegen kann viele Kunststücke. Pfote geben und Bellen auf Kommando sind nichts Besonderes, aber sie kann sich auch eine Decke schnappen und zudecken. Viele Angehörige, die zu Besuch kommen, haben ihren Spaß an den Hunden. Und das wiederum gefällt den Schwerkranken. Oft herrscht große Trauer in einem Zimmer. Dann kommen die Hunde, und alles fällt viel leichter.

Die Weihnachtsspendenaktion BKZ-Leser helfen hat die Arbeit des Hospizes schon mehrfach unterstützt, im vergangenen Jahr zum Beispiel mit einem Zuschuss in Höhe von 3000 Euro. Das Geld war unter anderem für das Therapiehund-Projekt gedacht.