Leiter in ein neues, besseres Leben

Theaterwerkstatt der Matthäuskirche spielte das Flüchtlingsstück „Pfefferminz und Pizza“

Dramatisch ist die Flucht eines erst zehnjährigen Jungen von Afghanistan bis nach Deutschland. In ihrem Theaterstück „Pfefferminz und Pizza“ hat die Theaterwerkstatt der evangelischen Matthäuskirche die Stationen ganz bemerkenswert umgesetzt. Inspiriert waren sie von Fabio Gedas Roman „Im Meer schwimmen Krokodile“.

Nutzen die Klappleiter auf vielfältige Art: Akteurinnen in „Pfefferminz und Pizza“. Foto: J. Fiedler

Von Claudia Ackermann

 

BACKNANG. Schuhkontrolle gibt es am Eingang des evangelischen Gemeindezentrums. „Kann man mit diesen Schuhen auch eine weite Strecke gehen?“, fragen die Darstellerinnen, die die Besucher empfangen. Kaum haben diese Platz genommen, wird Wegverpflegung verteilt: Päckchen mit Rosinen und Nüssen. Nach einer humorvollen Inszenierung sieht es auf den ersten Blick beim Auftakt des Stückes aus. Durch den Mittelgang kommen die Darstellerinnen zur Bühne. Jeweils eine lockt mit einer Karotte eine Mitspielerin, die einen Esel darstellt. Mit dümmlichem Gesichtsausdruck und weit aufgerissenen Mündern versuchen sie das Gemüse zu erhaschen. Doch das Lachen soll den Zuschauern bald im Hals stecken bleiben. Sie erwartet ein Stück, das Tiefgang hat und unter die Haut geht.

Licht aus. Abrupter Szenenwechsel. Der zehnjährige afghanische Junge erwacht und ist plötzlich allein. Er soll sich auf die weite Reise in ein Land begeben, in dem er es besser haben würde. Drei Regeln und sonst nichts hat ihm seine Mutter an die Hand gegeben: Er dürfe keine Drogen nehmen, keine Waffen benutzen und nicht stehlen. Über Pakistan, Iran, Türkei, Griechenland und Italien soll seine Reise ihn bis nach Deutschland führen. Eine Darstellerin führt den Monolog der leidenden Mutter: Der Wunsch nach der Zukunft solle ihm immer vor Augen sein – wie dem Esel die Karotte.

In der Inszenierung gibt es keine Haupt- oder Nebendarsteller. Die Spielerin, die gerade in die Rolle des Jungen schlüpft, trägt ein kleines Käppchen. Alle fünf sind schwarz gekleidet und wechseln sich in den Rollen ab. Die Mitglieder der Theaterwerkstatt, Sabine Feinauer, Nataša Hufen, Simone Kirschbaum, Isabell Rack und Stefanie Haible haben das Stück unter Leitung der Theaterpädagogin Nicole Huber gemeinsam entwickelt. Bei der Premiere sprang die Regisseurin für Stefanie Haible ein, die wegen Krankheit ausfiel. Es geht um die Taliban in Afghanistan, die die Schule geschlossen haben, oder um Kinderarbeit in Pakistan. Ganz allein kämpft sich der Junge durch. Bewegend wird sein Fußmarsch zusammen mit anderen Flüchtlingen durch das Bergland zwischen dem Iran und der Türkei rein pantomimisch dargestellt. Die fünf Laiendarstellerinnen zeigen beeindruckende Leistungen. Qualvoll sind die Gesichtsausdrücke. Immer gebückter bis hin zu kriechend bewegen sie sich in Zeitlupentempo fort.

Einziges Requisit ist eine gewöhnliche Klappleiter – mehr braucht es nicht. Denn sie wird so umfunktioniert, dass sie ein aufwendiges Bühnenbild ersetzt. Da erklimmen die Flüchtlinge auf ihr das steile unwirtliche Gebirge. Endlich in der Türkei angekommen, wird der enge Platz unter der Klappleiter zum Transportfahrzeug, in dem die Flüchtlinge zusammengepfercht auf dem Weg nach Griechenland kauern. Auf den Boden gelegt entsteht aus der Leiter ein Boot, auf dem sie auf der Fahrt nach Italien ums Überleben kämpfen. Die Furcht ist groß, einer der Verängstigten ist gar der Meinung: Im Meer schwimmen Krokodile. Nach lebensgefährlichen Anstrengungen erreicht der afghanische Junge schließlich sein Ziel Deutschland. Wieder kommt die Leiter zum Einsatz, auf der in erhöhter Position der Beamte der Ausländerbehörde sitzt. Nach unmenschlichen Strapazen hat die Angst für den Flüchtling noch kein Ende. Wird er den ersehnten Stempel erhalten? Von der Inszenierung und den herausragenden schauspielerischen Leistungen der Laiendarsteller waren die Besucher tief ergriffen. Die eingenommenen Spenden für die Aufführungen am Freitag und Samstag kommen dem Arbeitskreis Asyl zugute.