Ärztemangel im Kreis kündigt sich an

Sozialausschuss des Kreistags befasste sich mit ärztlicher Versorgung Niederlassungsmöglichkeiten im Raum Backnang

Viele Haus- und Fachärzte im Kreis sind älter als 60 Jahre oder gehen auf die 60 zu. Wenn sie in absehbarer Zeit in den Ruhestand treten, drohen größere Lücken in der ärztlichen Versorgung. Das Gesundheitsamt sieht dennoch nicht schwarz: Mehrere Initiativen sollen einem Mangel an Medizinern vorbeugen.

Versorgungsengpässe sind absehbar: Viele Mediziner gehen in den nächsten Jahren in Ruhestand.

WAIBLINGEN. Für die ärztliche Versorgung ist der Landkreis zwar nicht zuständig. Doch das Thema treibt die Bürger ebenso um wie Verwaltung und Kreisräte. Auf Antrag der FDP/FW-Fraktion beriet jetzt der Sozialausschuss des Kreistags über die Situation. Dr. Henrike Merx von der Stabsstelle Gesundheitsberichterstattung beim Geschäftsbereich Gesundheit legte dazu ein breites Informationspaket vor.

Die haus- und fachärztliche Versorgung sei zwar rein rechnerisch derzeit noch als gut zu bezeichnen. Doch ist heute schon jeder vierte Vertragsarzt 60 Jahre oder älter. Zudem ergreifen immer mehr Frauen den Beruf des Mediziners, und gleichzeitig ändern sich die Lebensvorstellungen: Der Wunsch nach festen und geregelten Arbeitszeiten und nach einer geringeren Arbeitsbelastung wächst und das wird Folgen haben. Zudem haben in den zurückliegenden Jahren nur knapp 11 Prozent der Mediziner ihre Facharztanerkennungen im Bereich der Allgemeinmedizin erworben. Damit sei, so Merx, heute schon der Hausärztemangel von morgen vorgezeichnet.

Die Kassenärztliche Vereinigung geht davon aus, dass in Baden-Württemberg bis 2016 über 500 Hausarztpraxen ohne Nachfolger schließen dies vor allem im ländlichen Raum. Sprich: vor allem in Gebieten wie zwischen Aspach, Murrhardt und Alfdorf. Teilweise zeichnen sich schon heute Versorgungsengpässe ab. Und: Ein Drittel der Hausarztsitze kann nicht wieder besetzt werden.

Wegen der zunehmenden Schwierigkeiten hat der Gesetzgeber die rechtlichen Grundlagen geändert. Damit wurden die Handlungsspielräume in der Bedarfsplanung und Zulassung vergrößert. So ging die bis 2013 gültige Richtlinie davon aus, dass ein Hausarzt bei einem Versorgungsgrad von 100 Prozent für 1872 Einwohner zuständig ist. Wo sich dabei die Hausärzte niederließen, spielte keine Rolle. War kreisweit ein Wert von 110 Prozent erreicht, galt eine generelle Niederlassungssperre.

Nach der neuen Richtlinie zerfällt der Rems-Murr-Kreis in drei Teilgebiete: Backnang, Schorndorf und Waiblingen/Fellbach. Ferner wurden die Verhältniszahlen korrigiert und ein Demografiefaktor eingerechnet. Im Bereich Backnang soll nun auf 1674 Einwohner ein Arzt kommen. Der tatsächliche Wert liegt zurzeit bei 1697 und damit knapp unter 100 Prozent. Folglich bestehen ebenso wie im Bereich Waiblingen/Fellbach weitere Niederlassungsmöglichkeiten. Anders im Schorndorfer Raum: Dort kommen 1468 Einwohner auf einen Arzt, es besteht eine sehr gute Versorgungslage. Bei genauerem Hinsehen zeigt sich dann noch, dass der Raum Schorndorf sowohl im ländlichen als auch im städtischen Bereich gut versorgt ist. Dagegen weist im Backnanger Gebiet der ländliche Raum ein Defizit auf. Bei Fachärzten bestehe kreisweit Überversorgung, hielt Merx nach der Statistik fest.

Um die ärztliche Versorgung auch in der Zukunft sicherzustellen, gibt es zahlreiche Initiativen. Eine wichtige Rolle spielt dabei die Neuordnung des Notfalldienstes. Ziel ist es, größere Dienstgemeinschaften zu schaffen und damit die Belastung für die einzelnen niedergelassenen Ärzte zu senken. Ferner sind Bestrebungen im Gange, die Fachrichtung Hausarzt im Studium zu stärken. Zudem ist seit Kurzem eine einmonatige Famulatur (Praktikum) in einer hausärztlichen Einrichtung zu absolvieren. So wird gehofft, dass Nachwuchsmediziner auf den Geschmack kommen. Auch die Rems-Murr-Kliniken haben sich eingeschaltet: Mit der Bezirksärztekammer wurde eine Kooperation für eine Weiterbildung Allgemeinmedizin vereinbart, die zurzeit von neun Ärzten absolviert wird.

Ferner gibt es das Förderprogramm Landärzte. Es richtet sich an Mediziner, die sich in ausgewählten Gebieten niederlassen. Dazu zählen derzeit die Gemeinden Althütte, Auenwald, Berglen, Großerlach und Spiegelberg sowie perspektivisch auch Aspach und Sulzbach.

Kreisrätin Gudrun Wilhelm (FDP/FW) zeigte sich kritisch: Die Aussage, dass die Facharztversorgung gut sei, gehe weit an der Realität vorbei. Wir müssen dranbleiben und unsere Bedürfnisse vehement vortragen, lautete ihr Appell.