Blick für versteckte Botschaften geschult

Jugendliche absolvieren eine Ausbildung zu Medienscouts – Experten spüren gewaltverherrlichende Mechanismen auf

14 Jugendliche zwischen 13 und 16 Jahren lassen sich in Winnenden zu Medienscouts ausbilden. Sie nehmen an einem Präventionsprojekt teil, das in innovativer Form Lernen und den Umgang mit Medien zusammenbringt.

Thema Körperschema: Martina Kahl-Ohmstedt referierte vor den Teilnehmern der Medienscout-Ausbildung in Winnenden. Foto: privat

Von Armin Fechter

WINNENDEN. Die Gewaltbereitschaft unter Kindern und Jugendlichen nimmt beständig zu – eine Erkenntnis, die nicht wirklich neu ist. Schon vor den schrecklichen Geschehnissen in der Albertville-Realschule hatten Schlägereien auf Schulhöfen, Tätlichkeiten gegen Wehrlose und Ausschreitungen auf offener Szene die Öffentlichkeit alarmiert. Die modernen Medien nehmen bei alledem eine verstärkende Rolle ein: Jugendliche filmen etwa Tritte gegen Mitschüler mit dem Handy und verbreiten die Sequenz unverfroren übers Internet.

Um solchen Erscheinungen zu begegnen, hat sich ein Kreis von Experten zusammengetan. Mit dabei: Leo Keidel, Leiter der Präventionsstelle der Kriminalpolizei Waiblingen, Harald Grübele, Medienfachmann und Chef der Firma Vimotion, die für ihre Arbeit auf dem Gebiet der Spezialeffekte in Kinofilmen und Werbespots bekannt ist, und Dr. Bojan Godina vom Institut für kulturrelevante Kommunikation und Wertebildung (Iku). Mit ins Boot geholt haben sie weitere Experten, so den renommierten Rhetoriklehrer Patric Kutscher aus Bensheim oder Martina Kahl-Ohmstedt, Mitarbeiterin der Caritas in Backnang und Fachfrau für den Themenbereich Psychologie/Psychotherapie/Sucht.

Kern des Winnender Präventionsprojektes ist ein Konzept, das an der Universität Heidelberg entwickelt wurde. Vorstufen wurden bereits an einigen Schulen in Brandenburg und Bayern erprobt. In Winnenden wird eine erweiterte Form praktiziert, die die Verantwortlichen jüngst auch auf dem Deutschen Präventionstag in Berlin vorgestellt haben. Dabei werden Schüler der achten bis zehnten Klasse des Georg-Büchner-Gymnasiums, der Albertville-Realschule und der Geschwister-Scholl-Realschule in einem 40-stündigen Kurs zu Medienscouts ausgebildet, also zu Experten, die im Umgang mit dem Computer pfadfinderartig beobachten und aufklären. Ein wichtiges Ziel der Ausbildung ist es, die Medienscouts und die durch sie angesprochene Zielgruppe der Jugendlichen für die Menschenrechte zu sensibilisieren.

Zwischen den Kursveranstaltungen

gibt es eine Lernplattform

Das Ganze findet nicht nur in Präsenzveranstaltungen statt. Vielmehr hat Grübele auch eine elektronische Lernplattform zur Verfügung gestellt. Dort haben die Schüler beispielsweise Zugang zu Vorträgen. Diese sind als Filme oder Texte abrufbar. Die Schüler arbeiten von ihrem persönlichen Desktop aus, also ihrem virtuellen Schreibtisch. In der Datenbank finden sie unter anderem Beiträge von Kutscher zu Themen aus der Rhetorik. Sie können aber auch auf den Film „Herr der Diebe“ zugreifen, an dessen Entstehung die Firma Vimotion maßgeblich beteiligt war. Außer dem Streifen selbst finden die Schüler auch Materialien rund um den Film vor.

Im Lehrgang werden die Jugendlichen auf die subtilen Mechanismen hingewiesen, mit denen Medienmacher Einfluss auf den Betrachter ausüben. Dazu gehören scheinbar harmlose Dinge wie das Kindchenschema: Kindliche Proportionen, voran große Augen, werden als süß und niedlich empfunden und wirken bei Erwachsenen als Schlüsselreiz, der ein Fürsorgeverhalten auslöst. Wie dieser Mechanismus in Werbung und Marketing eingesetzt wird, ist eines der Themen in der Medienscout-Schulung. Der Gedanke wird dann auch weiter verfolgt hin zu der Frage, wie Scheinwelten und – oftmals unerreichbare – Statussymbole aufgebaut werden und wie mit ausgeklügelten Techniken in Filmen und Spielen unterschwellig Gewalt verherrlicht wird.

Die ausgebildeten Medienscouts gehen dann, so die Konzeption, in den Schulunterricht, um jüngere Mitschüler etwa in den Fächern Kunst oder Religion über mediale Beeinflussungsstrategien aufzuklären. Die zentrale Botschaft lautet dabei: „Gewalt ist keine Lösung.“

Zum Thema soll demnächst auch ein Buch erscheinen. Es hat den Titel „Einleitung in die wertorientierte Medienpädagogik“. Herausgegeben wird es von Bojan Godina, Harald Grübele und Professor Dr. Kurt W. Schönherr.