Deutschunterricht im Speisesaal

Arbeitskreis-Asyl-Mitarbeiter kümmern sich um Asylbewerber Immer wieder montags mit dem Wörterbuch in die Waldorfschule

Etwa 180 Personen sind zurzeit in der Asylbewerberunterkunft der Stadt untergebracht. Zwei Drittel sind männlich, Singles und kommen aus Afrika. Der kleine Arbeitskreis Asyl kümmert sich um einige. Aber viel mehr wäre nötig.

Im Speisesaal der Waldorfschule: Maria Neideck (rechts) übt mit Tru-Min. Fotos H.C. Werner

BACKNANG. Unzählige Begriffe hat Tru-Min (alle Namen der Asylbewerber geändert) auf den Seiten ihres Schreibblocks notiert. Erst den deutschen Begriff, dann die koreanische Übersetzung. Es scheint, als habe die 42-Jährige sich daran gemacht, das Wörterbuch abzuschreiben. Dann liest sie Wort für Wort. Die Aussprache macht ihr Mühe. Vor allem das R. Das Arbeitsheft zum Deutschkurs bleibt an diesem Tag unbearbeitet. Erst muss ihrer Fleißarbeit Rechnung getragen werden.

Überhaupt ist die Verständigung schwierig, denn Tru-Min spricht nur nordkoreanisch. Kein Englisch, kein Französisch. Mit dem Ehemann Batang und den beiden Söhnen Ruol (15) und Nang (12) hat sie Nordkorea verlassen. Gern wüsste man, wie sie das angestellt hat, aber noch reichen ihre Sprachkenntnisse nicht aus, um das zu erklären.

Immer montags ab 14.30 Uhr geben die Mitarbeiter des Arbeitskreises Asyl einigen Bewohnern der Flüchtlingsunterkunft Deutschunterricht. Weil im Spätaussiedlerheim in der Hohenheimer Straße und im benutzbaren Teil des ehemaligen Landwirtschaftsamtes kein Gemeinschaftsraum zur Verfügung steht, weicht man in den Speisesaal der Waldorfschule aus. Die Schulleitung erweist sich als sehr entgegenkommend und stellt den Raum sogar in den Schulferien zur Verfügung.

Maria Neideck kommt schwer bepackt. Neben den Arbeitsbüchern hat sie auch noch einen Kassettenrekorder mitgebracht. Zwei Kassetten mit Übungen zur deutschen Aussprache will sie Tru-Min zur Verfügung stellen. Im Lauf des Nachmittags scharen sich immer mehr Asylbewerber um sie und bearbeiten ihre Arbeitshefte. Die, die kommen, sind eifrig dabei, wenn es um das Erlernen der Feinheiten der deutschen Sprache geht. Währenddessen besprechen an einem anderen Tisch Danielle Desenfant und Günther Flößer mit anderen Asylbewerbern eingetroffene Schreiben staatlicher Stellen. Die im schönsten Amtsdeutsch verfassten Bescheide sind für die Asylsuchenden, die erst im Begriff sind, sich die deutsche Sprache anzueignen, einfach nicht zu verstehen. Und dann muss eine Antwort erfolgen oder eine Rechtsanwaltskanzlei eingeschaltet werden. Alles Aufgaben, bei denen die Flüchtlinge dringend der Unterstützung bedürfen.

Der Großteil der in der Hohenheimer Straße untergebrachten Flüchtlinge sind junge Männer aus Afrika. Viele sprechen, weil das die Amtssprache ihrer Herkunftsländer ist, Französisch. Und so ist Desenfant, die selbst aus Frankreich kommt und in Backnang als Französischlehrerin tätig war, gefragt. Wann immer sie kann, begleitet sie auch einzelne Flüchtlinge zu Arztbesuchen und leistet unverzichtbare Dolmetscherdienste.

Murat (25), ein stattlicher Togolese, spricht schon recht passabel Deutsch. Und weil kein passender Text für ihn vorhanden ist, an der Pinnwand im Speisesaal aber ein Artikel der Lokalzeitung aushängt, liest er sich unter Anleitung durch Erinnerungen an Aufstand gegen Hitler und erhält dabei eine kleine Lektion in deutscher Geschichte.

Für viele der Flüchtlinge ist der Aufenthalt in Backnang noch mit einem Fragezeichen versehen. Wird der gestellte Asylantrag abgelehnt, kann Revision eingelegt werden. In Stuttgart entscheidet dann das Verwaltungsgericht. Häufig nach Aktenlage, ohne dass der Richter den Flüchtling überhaupt zu Gesicht bekommen hat. Bei immer mehr Flüchtlingen wird das Dublin-Verfahren angewandt. Das heißt: Ist der Flüchtling über Griechenland, Italien oder Spanien eingereist, stellt das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge in Karlsruhe an das entsprechende Land ein Übernahmeersuchen. Das heißt: Der Flüchtling kann dorthin rücküberstellt werden. Auch wie man Menschen wieder loswird, ist in Deutschland bürokratisch einwandfrei geregelt.

Wenn nach gut zwei Stunden die Arbeitshefte wieder eingepackt werden, bedanken sich die Flüchtlinge überschwänglich. Die Augen leuchten. Eine höfliche Verneigung bei der Verabschiedung. Die entgegengestreckte Hand wird mit zwei Händen umfasst. Das lässt keinen der Mitarbeiter unberührt.

Rekapituliert man die Eindrücke des Nachmittags, hat man den Eindruck: Noch mehr Flüchtlingen könnte geholfen werden. Die Willkommenskultur in Backnang wäre noch ausbaufähig.