Sprachlos im Land der Dichter und Denker

Viele Kinder, aber auch Erwachsene können nicht richtig lesen und schreiben – Die Bildungspolitik ist gefordert

„Die meisten Kinder lernen Lesen und Schreiben nicht wegen, sondern trotz bestimmter Lernmethoden“. In dem mit mehr als 100 Zuhörern voll besetzten Saal auf dem Hofgut Hagenbach provozierte Professor Dr. Matthias Grünke ganz bewusst.

Sprachlos im Land der Dichter und Denker

BACKNANG (pm). Die wieder neu ins Leben gerufenen Backnanger Bildungsgespräche sind eine Kooperation des Gesamtelternbeirats und der Volkshochschule. Die Arbeitsgruppe, bestehend aus Mitgliedern des GEB mit der Vorsitzenden Dunja Recht, Elternvertretern verschiedener Backnanger Schulen und der Leiterin der Volkshochschule Frau Eckert greift, unter der Leitung von Elke Strohmeier, Themen auf, die Lehrer, Eltern und Schüler beschäftigen. Die Backnanger Bildungsgespräche bieten ein Forum für einen gemeinsamen Austausch, für Orientierung und Diskussion und sollen in unregelmäßiger Folge fortgesetzt werden. Im Rahmen dieser Vortragsreihe wurde Professor Dr. Matthias Grünke von der Universität Köln eingeladen. Sein Forschungsschwerpunkt liegt unter anderem im Bereich der Lernstörungen sowie der Effektivität von Unterrichtsmethoden für lernbeeinträchtigte Kinder und Jugendliche.

Über 20 Prozent der Kinder benötigen laut Grünke keine besondere schulische Unterweisung, um Lesen und Schreiben zu lernen. 60 Prozent lernen im normalen Unterricht und weitere 20 Prozent benötigen spezielle Fördermethoden. Deutschland sei inzwischen nach einigen Anstrengungen international auf einem mittleren Niveau angelangt, was die Leseleistung angehe. Das dürfe allerdings im „Land der Dichter und Denker“ kaum beruhigen. Grünke sieht die Situation bei den Leistungen in der Rechtschreibung dramatisch. Jeder siebte Deutsche zwischen 18 und 54 Jahren könne nicht richtig lesen und schreiben, viele versuchen mit allen Mitteln, diese Tatsache zu verbergen. Schüler fühlen sich vor der Klasse blamiert, das sinkende Selbstwertgefühl führt nicht selten zu Verhaltensauffälligkeiten. Der Professor ging in seinem Vortrag der Frage nach, welche Methoden der Lese- und Rechtschreibförderung dem Schüler helfen. Er stellte die Ergebnisse aus wissenschaftlichen Untersuchungen vor, die, wie er betonte, dazu geführt haben, dass man heute die effizienten Methoden kenne, sie aber selten umgesetzt würden. Provozierend vertrat er die Meinung, dass die meisten Kinder Lesen und Schreiben nicht lernen wegen, sondern trotz bestimmter Lernmethoden.

Wirksame Methoden seien die direkte Instruktion von Lehrer zu Kind und Fehlerkontrolle mit direkter Reaktion. Ein Lehrer solle die Schwächen systematisch erfassen und nach und nach mit dem Schüler bearbeiten.

Wichtig sei es, den Schüler bei Fortschritten zu loben, beispielsweise durch zahlenmäßiges Erfassen der richtig geschriebenen Wörter anstelle der falschen. Einschleifendes Üben sei ebenfalls eine wirksame Methode, beim Erlernen eines Musikinstrumentes würde man ja auch so vorgehen.

Die Problematik, warum viele Kinder trotz der wissenschaftlichen Erkenntnisse über die effektiven Methoden mangelnde Rechtschreibfähigkeiten besitzen, sieht der Professor in einem viel zu geringen Austausch zwischen Wissenschaft und Praxis. Hier sei die Bildungspolitik gefragt.

In der anschließenden Fragerunde beantwortete der Referent zahlreiche Fragen besorgter Eltern und Lehrer. Allerdings gab es auch hier – wie so oft – keine einfachen Antworten. Dennoch konnten viele Besucher den einen oder anderen Ratschlag mit nach Hause nehmen.