In letzter Minute wurde er aus dem Flieger geholt

Die über 15 Jahre in Deutschland lebende Familie Haziri kann nach vielen Jahren der Verzweiflung und des Hoffens aufatmen: Die Aufenthaltserlaubnis wurde erteilt

Vor fast 20 Jahren kamen sie nach Deutschland. Mit einer Unterbrechung von 2 Jahren lebten sie immer hier. In Backnang lernten sie sich kennen, in Backnang heirateten sie, in Backnang wurden ihre Kinder geboren. Und doch lebte die Familie Haziri stets in Angst, abgeschoben zu werden. Endlich bekam sie eine Aufenthaltserlaubnis erteilt.

Man sieht ihnen nicht an, was sie durchgemacht haben: Ajshe und Dzulijan Haziri mit ihren fünf Kindern. Endlich können sie ohne Angst vor Abschiebung in Deutschland ganz von vorne anfangen und für die Zukunft planen.Foto: privat

Von Ingrid Knack

BACKNANG. Es gibt Geschichten, die hält man nicht für möglich, wüsste man es nicht besser. In diesem Fall geht es um eine Familie, die eine jahrelange Odyssee hinter sich hat, und all diese Zeit in Angst lebte. Verdrängen, Depressionen, Zeiten der Hoffnung und des Resignierens, Zusammenbrüche und Traumata – all das hat sie geprägt, wirkt nach. Die Frage drängt sich auf: Warum geht man in dieser Art fast zwei Jahrzehnte mit Kriegsflüchtlingen um, die integrationswillig und leistungsbereit sind?

Als Dzulijan Haziri die erlösende Nachricht bekam, konnte er es nicht erfassen, konnte sich nicht freuen, sondern war eher geschockt, versteinert. Das ist nur zu verstehen, wenn man seine Lebensgeschichte kennt. Mit 14 Jahren kam er mit seiner Mutter und seinen drei Brüdern aus Bosnien nach Backnang. Das war 1991. Ähnlich seine Frau Ajshe, die 1992 aus dem Kosovo nach Deutschland flüchtete. Die Bürgerkriegsflüchtlinge, beides Roma, fanden im Exil zueinander und gründeten 1999 eine Familie. Dzulijan tat all die Jahre alles dafür, sich in Deutschland zu integrieren und dem Staat und damit der Allgemeinheit nicht zur Last zu fallen. Er holte den Hauptschulabschluss nach, besuchte die Berufsschule und ließ sich als Fassadenmaler ausbilden. Als er dieser Arbeit krankheitsbedingt nicht mehr nachgehen konnte, bildete er sich als Fahrzeugpfleger weiter und fand auch in diesem Beruf eine Anstellung. Die älteren Kinder gingen zur Schule, die kleineren in den Kindergarten. 2003 wurde Haziri nach Sarajevo abgeschoben, kam aber „illegal“ zurück, stellte sich dann den Behörden, bat um eine Lösung. Denn ohne Familie und seine damals vier Kinder wollte er nicht leben. Dass seine Frau nach Bosnien nachkommt, war wegen ihres fehlenden serbischen Passes ausgeschlossen. Von der Ausländerbehörde bekam die Familie ein Transitvisum über Frankreich nach Italien. Die Haziris wollten von dort aus über Albanien ins Kosovo. Das scheiterte schließlich an fehlenden Papieren für die Einreise nach Albanien. Schließlich machte sich das Ehepaar mit seinen Kindern in einem alten VW-Bus nach Schweden auf – voraus gingen etliche Bemühungen, um Aufnahme in andere Länder, immer vergebens. In Schweden lebte das gemischt-nationale Ehepaar mit seinen Kindern, für das es nirgendwo dauerhaft eine gemeinsame Zukunft zu geben schien, zwei Jahre.

Über Nacht wurde

ein Eilantrag formuliert

2005wurden die Haziris wieder „rücküberstellt“, wie es im Amtsdeutsch heißt. Freiwillig gingen sie zurück nach Deutschland. Weiterhin waren sie hier nur befristet geduldet. Nun wandten sie sich an den Petitionsausschuss des baden-württembergischen Landtags. Im August versuchten die Behörden, Haziri erneut abzuschieben – zu der Zeit hatte er einen unbefristeten Arbeitsvertrag.

Udo Dreutler vom Verein Freunde für Fremde aus Karlsruhe, der sich um den Fall kümmerte, schildert das so: „Ein Beamter des Teams, das den Bosnier abholte, rief den Betreuer Haziris beim Verein Freunde für Fremde spät abends an und informierte ihn über die am kommenden Vormittag geplante Abschiebung. Über Nacht wurde ein Eilantrag formuliert und per Fax an das Verwaltungsgericht Stuttgart gesandt. Am frühen Morgen des 18. August 2005 wurde Kontakt zur dortigen Geschäftsstelle, zum Sozialdienst am Flughafen Frankfurt und über diesen zur Rückführungsstelle der Bundespolizei aufgenommen. Auch der Pilot der Maschine wurde informiert, dass mit hoher Wahrscheinlichkeit in letzter Minute mit einem Bescheid über das Abschiebeverbot für Dzulijan Haziri zu rechnen sei. So geschah es dann auch: „Nur zehn Minuten vor dem Start der Maschine konnte Herr H. den Sitzgurt wieder lösen – vorläufig als freier Mann.“

Der Behördenkampf ging weiter. Auch der Arbeitskreis Asyl in Backnang befasste sich mit dem Fall. Günther Flößer, ein Mitarbeiter des Arbeitskreises, spricht von zwei Bleiberechtsregelungen, eine davon von der Innenministerkonferenz 2006, die andere ist die Altfallregelung. „Beide Regelungen kamen für Haziri aus formellen Gründen nicht infrage.“ Sechs Jahre hätte er ununterbrochen in Deutschland gewesen sein müssen. Aber da war der Aufenthalt in Schweden...

Mit Unterstützung des Backnanger Arbeitskreises Asyl wandte sich Udo Dreutler an die Härtefallkommission, die sich aus 9 Mitgliedern vom Innenministerium, von Kommunen, Kirchen und caritativen Einrichtungen zusammensetzt. Die Kommission kann laut Flößer eine Empfehlung ans Innenministerium aussprechen. Ein juristisches Hindernis war, dass der Familienvater 2003 „illegal“ wieder nach Deutschland eingereist ist. Flößer: „Da gibt es eine sogenannte Sperrwirkung.“ Offen waren die Abschiebekosten von über 1500 Euro. Den größten Teil bezahlte Haziri, den Rest begleicht er in Raten.

Die Hypotheken der Vergangenheit

lasten immer noch schwer auf ihnen

Vor Kurzem kam nun der Bescheid des Innenministeriums, dass die Familie eine Aufenthaltserlaubnis bekommt. Endlich, nach 18 Jahren, können die Backnanger von null anfangen, wie Dzulijan Haziri sich ausdrückt. „Wir können was planen. Für morgen, für übermorgen.“ Aber die Hypotheken aus der Vergangenheit lasten immer noch schwer auf der Familie: „Die Angst hat krank gemacht“, weiß Flößer. Und er weist darauf hin, dass die Bleiberechtsregelung mittlerweile nicht mehr existiert. Die Altfallregelung läuft Ende des Jahres aus – allein die Härtefallkommission bleibt bestehen. „Was hinterher kommt, weiß man nicht, es kann eine Menge von Abschiebungen geben. Leute, denen es nicht gelungen ist, ausreichend Arbeit zu finden, oder Ältere und Kranke.“ Der Backnanger Arbeitskreis Asyl fordert eine Fortsetzung der Altfallregelung. Dabei müsse auch Rücksicht auf diejenigen genommen werden, die die Bedingungen wegen Krankheit oder der schlechten wirtschaftlichen Situation nicht erfüllen können.

Dass die Haziris über all die schweren Jahre nicht völlig verzweifelt sind, ist wie ein Wunder. Kraft gegeben haben Dzulijan Haziri vor allem seine Kinder. Seine Frau ist wieder schwanger. Es wird das sechste Kind der Familie sein. Und das erste, das eines sicher nicht erleben muss: Dass der unbescholtene Vater eines Nachts von der Polizei abgeholt wird und die Familie von einem Tag auf den anderen zum Sozialfall wird.