Sporthalle wird Flüchtlingsunterkunft

Schul- und Vereinssport muss weichen, weil im Kreisberufsschulzentrum vorübergehend etwa 120 Menschen einziehen sollen

Die vielen Konflikte auf der Welt lassen den Zustrom von Flüchtlingen und Asylbewerbern nicht abebben. Der Rems-Murr-Kreis bekam vom Land Baden-Württemberg nun rund 240 weitere Menschen zugewiesen, wovon etwa 120 in Backnang untergebracht werden sollen. Als Übergangsunterkunft dient die Sporthalle des Kreisberufsschulzentrums.

Ein Zweckbau als vorübergehende Heimat: In die Sporthalle des Kreisberufsschulzentrums ziehen Flüchtlinge und Asylbewerber ein.Foto: A. Becher


Von Steffen Grün

Maximal zwei bis drei Monate sollen die Flüchtlinge und Asylbewerber in diesem Domizil im Heininger Weg in Backnang verbringen, betont Marie-Christine Scholze von der Pressestelle des Landratsamtes, die ansonsten zu den Details der Planungen noch nicht allzu viel sagen will, weil die Vorbereitungen noch auf Hochtouren laufen. Klar ist für sie allerdings, dass sich der Landkreis nicht aus seiner Verantwortung stehlen kann und möchte, „es geht auch um einen humanitären Auftrag“.

In diesem Punkt will auch Michael Balzer überhaupt nicht widersprechen. „Der Landkreis hat sicherlich ein Problem, diese Menschen auf geeignete Weise unterzubringen“, räumt Backnangs Erster Bürgermeister ein und verweist zum Beispiel darauf, dass die Unterkunft in der Hohenheimer Straße in Backnang mit rund 200 Personen derzeit komplett belegt ist. Er fügt hinzu: „Ich unterstelle mal, dass auch alle anderen Plätze im Landkreis auf ihre Eignung überprüft wurden.“

Trotzdem könne die nun vorgesehene Unterbringung in der Sporthalle des Kreisberufsschulzentrums „natürlich nicht auf die ungeteilte Zustimmung der Stadt stoßen“, sagt Balzer, „das muss eine Art Ultima Ratio sein“. Er verweist unter anderem auf die Folgen für den Vereinssport, dem von heute auf morgen eine viel genutzte Trainingsstätte wegbreche, aber auch auf die Auswirkungen auf den dortigen Schulsport, „die Schüler können den Sportunterricht vergessen“.

Tatsächlich ist es die erste Sporthalle im Rems-Murr-Kreis, die für diesen Zweck genutzt wird, in Backnang geht also quasi so etwas wie ein Testlauf über die Bühne.

Was die Klubs angeht, sind unter anderem die Jugendkicker der TSG Backnang und des FC Viktoria, die Handballer des HC Oppenweiler/Backnang sowie Abteilungen der TSG Backnang 1846 betroffen. Dieter Schaupp, Sportvorstand der TSG- Fußballer, spricht von etwa 190 Kindern, die bislang in der mit sofortiger Wirkung gesperrten Halle trainierten. Es handelt sich um die Bambini, die F- und E-Junioren sowie um die D-Mädchen. Die sollten eigentlich erst ab der Uhrumstellung im März oder bei überraschend gutem Wetter draußen trainieren, müssen dies nun aber vielleicht früher tun. „Wir sehen ein, dass diese Menschen irgendwo untergebracht werden müssen“, zeigt Schaupp durchaus Verständnis. Er mahnt allerdings eine Sitzung mit den Verantwortlichen des Landkreises und der Stadt sowie Vertretern von betroffenen und nicht betroffenen Klubs an, um über eine vorübergehende Neuverteilung der Hallenkapazitäten zu sprechen und alle Klubs gleich zu behandeln.

Backnangs Erster Bürgermeister betonte gestern, dass die Ausländerbehörde der Stadt selbst erst am Vormittag informiert worden sei, er kenne auch noch nicht die Nationalitäten der Menschen, die in Backnang ein vorübergehendes Zuhause finden werden. Eines ist für Balzer allerdings schon klar: „Es muss eine sozialpädagogische Begleitung für diese Menschen her.“

Darüber, dass die Sporthalle bereits ab heute gesperrt ist, wurde auch die Schulleitung im Berufsschulzentrum sehr kurzfristig informiert. Das geht aus einem Brief der koordinierenden Schulleiterin Dr. Isolde Fleuchaus an alle Kollegen, Schüler und Eltern hervor, der unserer Zeitung vorliegt. Die Schulleiter aller Nachbarschulen seien vom Landratsamt mit der Bitte angeschrieben worden, „uns Hallenkapazitäten zur Verfügung zu stellen. Sicherlich werden diese nur für die Klassen 12 und 13 der beruflichen Gymnasien ausreichen, so hoffen wir“. Dennoch betont Fleuchaus auch ausdrücklich: „In Zeiten der Not müssen alle Menschen zusammenrücken.“

Weiterhin keine Option war es für den Landkreis, die verwaisten Krankenhausareale in Backnang und Waiblingen als Übergangsunterkünfte zu nutzen. Erneut verwies Scholze als Mitarbeiterin der Pressestelle im Landratsamt auf die Pressemitteilung vom 11. Dezember 2014, in der es heißt, dass der Rems-Murr-Kreis am „Leitbild einer dezentralen, wohnortnahen Unterbringung von Asylbewerbern in zahlenmäßig überschaubaren Einheiten“ festhält. Die Kreisbau, in deren Besitz die beiden Ex-Hospitäler sind, übernimmt übrigens das Gebäudemanagement für die Sporthalle des Kreisberufsschulzentrums, wo es nun darum geht, den Flüchtlingen und Asylbewerbern eine möglichst wohnliche Atmosphäre zu schaffen. Deren Ankunft ist in Kürze zu erwarten, wann genau, steht allerdings noch nicht fest.