Deutsch lernen und einen Plan B haben

Jugendmigrationsdienst bot das erste Mal einen Infoabend zur Berufswegeplanung für griechische Jugendliche und Eltern an

Während die Hellenen in Griechenland nach dem Durchbruch im Schuldendrama an den verschiedensten Fronten kämpfen, haben einzelne in einem anderen europäischen Land – auch in Deutschland – einen Neustart gewagt. Für sie, aber genauso für junge Griechen, die schon länger hier sind, bietet der Jugendmigrationsdienst Unterstützung.

Erhielten eine Menge Input: Junge Griechen und ihre Eltern bei der Veranstaltung des Jugendmigrationsdienstes.Foto: E. Layher

Von Christine Schick

BACKNANG/MURRHARDT. Das fünfköpfige Team des Backnanger Jugendmigrationsdienstes beim Kreisdiakonieverband berät und begleitet junge Menschen zwischen 12 und 27 Jahren der verschiedensten Nationen bei ihrem Start in der neuen Heimat. Ganz aktuell eingeladen hatten die Mitarbeiter nun zu einem besonderen Angebot für griechische Jugendliche und deren Eltern: ein Informationsabend zur Berufswegeplanung. Dies ist eine Premiere, die durch das Projekt Elternbildung – mitfinanziert über die Aktion Mensch – möglich wurde, berichtet Mitarbeiterin und Projektleiterin Inguna Hacker. Die Grundidee: Jugendlichen und Eltern in einem kleineren Rahmen kompakte Information über die Ausbildungsmöglichkeiten geben – egal, ob sie ganz aktuell wegen der Wirtschaftskrise in ihrer Heimat einen Neubeginn in Deutschland wagen, wiedergekommen oder schon länger hier sind. Sowohl in Backnang als auch in Murrhardt gibt es eine größere griechische Bevölkerungsgruppe, die letztlich auch als Netzwerk für Neuankömmlinge und Wiederkehrer unterstützend fungieren kann. Somit ist das Thema beruflicher Einstieg dort, aber auch in weiteren Kommunen im Kreis präsent.

Für einen ersten Input rund um Schule und Ausbildung ist am Abend Berufsberater Armin Gerhardt von der Bundesagentur für Arbeit zuständig. Diejenigen, die erst kurze Zeit hier sind und noch nicht alles verstehen, unterstützt Panagiotis Pahakis aus Schorndorf als Übersetzer. Mittlerweile im Ruhestand, engagiert er sich ehrenamtlich für seine Landsleute und bringt viel Lebens- und Berufserfahrung mit – inzwischen hat er als Grieche die deutsche Staatsangehörigkeit. Auf die Frage von Armin Gerhardt, wer sich da eingefunden hat und was die jungen Leute für Voraussetzungen haben, wird deutlich, dass die Palette breit ist: Manche haben noch keinen Schulabschluss, manche sind in Griechenland zur Schule oder auf eine griechische Schule in Deutschland gegangen und bringen Hauptschulniveau oder die mittlere Reife mit, eine junge Frau studiert. Als Berufswünsche nennen sie gar nicht so niedrig gesteckte Ziele wie Rechtsanwalt, Programmierer, Architekt, Polizist oder Kfz-Mechatroniker. Dabei gilt es für sie, sich zum einen damit auseinanderzusetzen, wie das Bildungs- und Ausbildungssystem in Deutschland funktioniert, zum anderen ihren beruflichen und persönlichen Weg zu finden.

Was die berufliche Seite anbelangt, liegen Gerhardt besonders zwei Punkte am Herzen: Die Grundvoraussetzung ist, Deutsch zu lernen, weil auf der Sprache alles aufbaut. „Wenn Sie hier bleiben wollen, ist es wichtig, eine Berufsausbildung zu machen. Dann haben sie gute Chancen, Arbeit zu finden“, sagt er. In puncto Ausbildung gibt es in Deutschland viele Möglichkeiten, und verschiedene Wege führen zum Ziel (Fachschule, duale Ausbildung, Studium).Weiterqualifizieren kann man sich immer (Stichwort: kein Abschluss ohne Anschluss). Neben dem Hinweis auf generelle Informationsmöglichkeiten über die Datenbanken und Homepage der Agentur, beim Berufsinformationszentrum in Waiblingen und ganz aktuell bei der Messe Fokus Beruf in Backnang Anfang März berichtet Gerhardt über seinen eigenen Alltag. Er versucht in persönlichen Beratungsgesprächen mit den Jugendlichen und jungen Erwachsenen herauszuarbeiten, ob der Berufswunsch auch zur Persönlichkeit passt. Steht die Entscheidung fest, plädiert er allerdings auch dafür, einen Plan B zu entwickeln. Seiner Erfahrung nach konzentrieren sich die Ausbildungsziele der Jugendlichen auf etwa 40 Berufe, die aber nur etwa ein Zehntel der Möglichkeiten darstellen. Neben Image und handfesten Argumenten wie Arbeitszeiten oder Bezahlung spielt dabei auch das mangelnde Wissen über alternative Berufszweige eine Rolle. Dem 17-jährigen Theofanis, der aufgrund der Krise in Griechenland mit seiner Familie nach Deutschland kam, seit acht Monaten in Winnenden lebt und die Berufsschule besucht, rät er beispielsweise, sich zu seinem Berufswunsch Programmierer verschiedene Sparten anzusehen. „Es gibt rund 40 Berufe in diesem Bereich.“ Für diejenigen, die Schulabschlüsse mitbringen, sei es gut, sie übersetzen und vom Regierungspräsidium anerkennen und einstufen zu lassen, um dem Arbeitgeber bei der Bewerbung die Einschätzung zu erleichtern. Ein Türöffner für eine Ausbildung könne allerdings auch ein Praktikum sein – also etwas, was auch für Deutsche gilt, aber möglicherweise das entscheidende Zünglein an der Waage ist. Eine Mutter möchte wissen, ob ihr Sohn besser weiter aufs Gymnasium gehen oder eine Ausbildung machen sollte. Armin Gerhardt antwortet, dass er dazu zunächst nichts sagen könne, aber herausfinden wolle, ob der Junge eher zur praktischen Arbeit neigt oder der Lerntyp ist.

Inguna Hacker steht bei einem jungen Griechen, der seit dem Winter hier ist. Er will in die offene Sprechstunde kommen. Sie rät ihm schon am Abend, am allerbesten zweigleisig zu fahren: Ins Lyzeum nach Stuttgart-Zuffenhausen zu gehen, wo auf Griechisch unterrichtet wird und dessen Schulabschluss (mittlere Reife) in Deutschland anerkannt ist, sowie gleichzeitig einen Deutschkurs zu beginnen. Darin liegt ihrer Einschätzung nach auch die Chance, als junger, aufnahmefähiger Mensch jetzt durchzustarten. So hofft sie, mit dem Projekt möglichst viele Eltern und Jugendliche zu erreichen, um gemeinsam die Möglichkeiten dazu auszuloten.

  Weitere Infos beim Jugendmigrationsdienst Backnang, Burgplatz 7, Telefon 07191/ 9145650, E-Mail: jmd-bk@kdv-rmk.de. OffeneSprechzeiten sind montags und donnerstags 15 bis 17 Uhr.