Die Ungewissheit ist ihr ständiger Wegbegleiter

Junge Bürgerkriegsflüchtlinge aus Syrien berichten von ihrer Flucht und ihrem neuen Leben, das sie nach Backnang geführt hat

Der Krieg hat sie aus ihrer Heimat vertrieben. Sie wollten leben und sie wollen eine Zukunft. Mohamad Kassem, Husein Albakari und Mustafa Habianeh sind drei von Millionen Syrern, die zu Flüchtlingen wurden. Derzeit ist Backnang wenn nicht Heimat, so doch zumindest ihr sicherer Zufluchtsort.

Neues Zuhause, zumindest auf Zeit: Mustafa, Husein und Mohamad haben in Backnang Zuflucht gefunden.Foto: E. Layher

Von Peter Wark

BACKNANG. Mohamad und Husein sind alleine nach Deutschland gekommen. Mustafa lebt mit seiner Frau, dem sechsjährigen Sohn und der dreijährigen Tochter in Backnang. Die engagierten Ehrenamtlichen des Arbeitskreises Asyl um Günther Flößer kümmern sich um diese Menschen, bieten Deutschunterricht sowie Beratung und Hilfe bei Behördengängen und Alltagsproblemen.

Zum Gespräch mit der Zeitung bringen sie eine Dolmetscherin mit, obwohl die drei Syrer schon ordentlich bis gut Deutsch sprechen. Husein und Mohamad sind in einer der Klassen, die im Berufsschulzentrum speziell für Flüchtlinge eingerichtet wurden und lernen dort die deutsche Sprache.

Die Übersetzerin kommt aus dem Irak und lebt seit zwei Jahren in Backnang. Auch sie wartet darauf, dass ihr Asylverfahren endlich zu Ende gebracht wird. Ihren Namen will sie nicht in der Zeitung lesen, wir sollen sie Eva nennen. Auch sie weiß, was Krieg bedeutet, hat den Weg von der Diktatur unter Saddam Hussein bis zum Bürgerkrieg mitgemacht. Keiner weint in ihrem Land Saddam nach, sagt Eva, aber für die Menschen sei danach nichts besser geworden.

Auch wenn sie unterschiedliche Lebensentwürfe haben, so eint die Flüchtlinge ein Schicksal. In ihrer Heimat hatten sie Angst um ihr Leben und das ihrer Familien. Alle haben sie Angehörige, Nachbarn, Verwandte verloren. Der 23-jährige Husein erzählt, dass seine beiden 4 und 5 Jahre alten Neffen tot sind. Zwei von vielen Kinder, die Opfer des Kriegs geworden sind. Sein jüngerer Bruder, berichtet er, sei an beiden Knien schwerst verletzt worden.

„So viele sind schon gestorben“, sagt Mustafa, der Familienvater. Er und die beiden anderen Syrer erzählen von der Allgegenwart von Gewalt, Korruption und Willkür. Mustafa Habianeh erinnert sich, wie er nie wusste, ob er abends noch in sein Haus zurückkehren kann, wenn er es morgens verlassen hat, oder ob es zerbombt oder von Milizen besetzt sein würde. Assads Truppen, die verschiedenen Milizen, und Interessengruppen aus dem In- und Ausland – die Gemengelage ist unübersichtlich. Die Bevölkerung leidet. Die noch vor vier Jahren erhoffte Demokratisierung Syriens ist weiter entfernt denn je. Es ist eine Utopie, an die die jungen Flüchtlinge in Backnang nicht mehr glauben. „Wenn unser Land uns in fünf oder zehn Jahren für den Wiederaufbau braucht, dann gehen wir“, sagt Mohamad Kassem. „Aber ohne Krieg“. Es klingt nicht so, als würde er an eine gute Zukunft seiner Heimat glauben.

„Wenn ich heute nach Syrien zurückgehe, bin ich tot“, sagt der 25-Jährige. Er hatte ein betriebswirtschaftliches Studium „Business Management und Marketing“ in Damaskus absolviert und einen kleinen Laden in seiner Heimatstadt unweit der Metropole betrieben.

Alle drei Flüchtlinge sagen, dass sie eigentlich unpolitische Menschen seien. Einmal im Gespräch sagt Husein dann, dass in seinem Land ein Stellvertreterkrieg tobe.

Neun Millionen Menschen sollen den gängigen Zahlen zufolge innerhalb Syriens auf der Flucht sein, dreieinhalb Millionen, wenn nicht mehr, ihr Heimatland schon verlassen haben. Es sind meist junge Menschen, Männer vor allem, die ihrem Land den Rücken kehren und ihre Familien zurücklassen und sich ein besseres Leben im europäischen Ausland versprechen.

Mohamads und Huseins Fluchtgeschichten sind ähnlich verlaufen, und sie mögen eine Art Blaupause für Millionen anderer darstellen. Bombenangriffe und die Angst zum Militär eingezogen oder von den Rebellen zwangsrekrutiert zu werden, lässt Mohamad fliehen.

Zwei Jahre dauert seine Odyssee. Erst geht er nach Ägypten, arbeitet dort. Westeuropa ist sein Ziel, das Europa, in dem Frieden herrscht. Er vertraut sich Schleppern an, bezahlt. Dreimal versucht er, mit dem Boot nach Griechenland zu kommen. Vergebens. Er wird von Soldaten überfallen, beraubt. Beim dritten Versuch rettet die türkische Küstenwache das Boot mit den Flüchtlingen. Von der Türkei geht Mohamad nach Bulgarien. Er landet in einer Massenunterkunft, einem „Gefängnis“, wie er sagt. Zehn Monate später kommt er über Rumänien mit dem Bus nach Deutschland. In Bayern wird er in die Landeserstaufnahmestelle Zirndorf gebracht, von dort in eine Unterkunft nach Schwabach, dann nach Karlsruhe und letztlich nach Backnang.

Wie es weitergeht, das weiß er nicht. Nach geltendem Recht ist er ein sogenannter Dublin-Fall. Ihm droht die „Rücküberstellung“, wie das im schönsten Behördendeutsch heißt, nach Bulgarien. Davor hat er Angst, das spürt man im persönlichen Gespräch immer wieder.

Die Lebenssituation für Flüchtlinge sei katastrophal, egal ob in Ungarn oder Bulgarien, bestätigt AK Asyl-Mann Flößer. Selbst in Italien gebe man die unerwünschten Zuwanderer einfach der Obdachlosigkeit preis. „Kein Mensch kümmert sich um sie.“ Menschen würden „wie Container“ zwischen den Ländern hin- und hergeschoben, beklagt Günther Flößer den europäischen Egoismus und den Zynismus der einzelnen Regierungen. Er fordert eine gerechte Aufnahmequote für alle europäischen Länder.

Mohamad lernt Deutsch – und er ist ein guter Schüler, versteht viel und kann sich schon ordentlich verständigen. Das gilt auch für Husein Albakari aus Aleppo, dem der Bürgerkrieg seinen Lebenswunsch, Journalist zu werden, möglicherweise für immer zerstört hat.

Ihn führt seine Flucht in den Nordirak, in die Türkei, nach Griechenland, Mazedonien, Ungarn. Unter Zwang nimmt ihm die Polizei Fingerabdrücke ab und droht, ihn ins ehemalige Jugoslawien zurückzuschicken. Er fährt mit einem Zug von Budapest nach München. Zirndorf. Karlsruhe und Backnang sind die weiteren Stationen.

Hier wartet er nun mit den anderen Flüchtlingen darauf, dass von überforderten Behörden sein Asylantrag bearbeitet werden möge. Wie lange das noch dauern wird – das kann ihm niemand sagen. Ihm droht, da auch er ein „Dublin-Fall“ ist, eine Rücküberstellung nach Ungarn. Doch bei syrischen Bürgerkriegsflüchtlingen zeigt sich Deutschland bisher großzügig, was die Aufenthaltsgestattung angeht.

Die Träume und Wünsche der jungen Flüchtlinge sind recht unspektakulär – für unsere Verhältnisse. Sie wollen eine gute Arbeit oder studieren. „Vielleicht heiraten“ möchten sowohl Husein als auch Mohamad.

Mustafa Habianeh und seine Familie sind einen Schritt weiter, sie haben das erreicht, worauf die beiden anderen noch hoffen: Sie haben eine Aufenthaltserlaubnis erhalten und sind jetzt mit dieser Sicherheit im Rücken auf der Suche nach einer Wohnung. Mustafa lernt derzeit Deutsch bei einem privaten Träger und möchte so schnell wie möglich in Deutschand arbeiten.

Ein persönliches Happy End könnte sich für Mohamad Kassem abzeichnen. Er hat eine deutsche Freundin gefunden, wie er am Ende des Gesprächs fast schon schüchtern, aber stolz erzählt. Außerdem will er ehrenamtlich in einer sozialen Backnanger Einrichtung mitarbeiten, entsprechende Kontakte sind schon geknüpft. Davon erhofft er sich, noch besser Deutsch zu lernen und viele Menschen kennenzulernen. Er wolle damit etwas zurückgeben, denn in Deutschland habe er bisher sehr viel Unterstützung und freundliches Entgegenkommen erfahren. Doch solange sein Asylverfahren nicht entschieden ist, bleibt vor allem eins: das bedrückende Gefühl nicht zu wissen, wie es weitergehen wird.