„Es macht einfach Spaß, die Leute sind so dankbar“

Schüler der Gewerblichen Schule des Berufsschulzentrums Backnang geben Asylbewerbern Deutschunterricht – Spielenachmittage sind in Planung

Der Deutschunterricht für Flüchtlinge, gehalten von Schülern der Gewerblichen Schule, hat begonnen. Zielgruppe sind die Asylbewerber aus dem Kosovo, aus Gambia und aus Nigeria, die seit Februar in der Sporthalle des Berufsschulzentrums untergebracht sind.

Mund, Nase, Auge: Magnus Erb malt ein Gesicht, das auf eine Leinwand geworfen wird, und benennt Körperteile. Olivia Vicànek Martìnez (rechts) organisierte die Lernbücher. Fotos: A. Becher

Von Lisa Nack

BACKNANG. „When you came to Germany, there were snow and it was cold. That’s winter“, erklärt Magnus Erb (17) einer Gruppe von Afrikanern. Der Elftklässler und die Abiturientin Lena Deichmann (18) stehen vor einem Projektor und zeigen Bilder mit den Jahreszeiten. Die Beschreibungen der Abbildungen stehen auf Deutsch und Englisch daneben und werden aufgedeckt, sobald von den Kursteilnehmern das richtige Wort auf Deutsch fällt. Den europäischen Winter kennen die Asylbewerber aus Afrika mittlerweile. Seit Anfang Februar sind sie und andere Flüchtlinge in der Sporthalle des Backnanger Berufsschulzentrums untergebracht (wir berichteten).

Insgesamt leben dort rund 100 junge Männer aus dem Kosovo, aus Gambia und aus Nigeria nun seit fast drei Monaten. Unverständnis herrscht in der Gruppe allerdings, als die beiden Schüler den Herbst beschreiben. Denn dass Blätter zu Boden fallen, ist für die Flüchtlinge neu.

Magnus und Lena sind 2 von insgesamt 18 freiwilligen Schülern der Gewerblichen Schule, die den Flüchtlingen Deutsch beibringen. Um den Unterricht halten zu können, mussten die Schüler im Vorfeld eine Fortbildung besuchen.

Die Kursteilnehmer wurden in drei Gruppen eingeteilt, zwei Gruppen mit Flüchtlingen aus dem Kosovo und eine Gruppe mit Asylbewerbern aus Afrika. In jeder Gruppe sind um die 15 Teilnehmer, die an drei Nachmittagen in der Woche unterrichtet werden. Jeder der Schüler gestaltet mit einem weiteren Schüler einmal in der Woche den Unterricht. Darüber hinaus begleitet je eine Aufsichtsperson die Kurse, da es anfangs Bedenken gab, besonders, wenn zwei Mädchen den Unterricht halten. Diese hätten sich schnell als unbegründet heraus gestellt, doch die Aufsichtspersonen sitzen nach wie vor in den Kursen. Es sind Anwohner oder auch Verwandte der Schüler, die sich freiwillig dafür gemeldet haben.

„Alle Asylbewerber sollten eine Chance bekommen, Deutsch zu lernen“, begründet Dr. Isolde Fleuchaus, Leiterin der Gewerblichen Schule, die Idee, den Flüchtlingen Deutschkurse anzubieten. Das Berufsschulzentrum habe zwar Kurse zur Vorbereitung auf Arbeit und Beruf ohne deutsche Vorkenntnisse. Dabei handelt es sich um reguläre Schulkurse, in denen Ausländer einen Hauptschulabschluss und Deutschkenntnisse erwerben können. Einige Asylbewerber sind dort untergebracht, 16 von ihnen machen im Juli ihren Hauptschulabschluss. Allerdings richtet sich das Angebot nur an junge Menschen unter 21 Jahren.

Die Idee für die Sprachkurse für die älteren Flüchtlinge sei von Anfang an da gewesen. Seit Mitte März gibt es diese Kurse nun schon. Und auch im Fall einer Räumung der Sporthalle dürften die Kursteilnehmer weiterhin den Unterricht besuchen. „Unser Ziel ist, dass die Flüchtlinge in eine Berufsausbildung kommen und dafür ausreichend Deutsch sprechen“, so die Schulleiterin.

Das Interesse der Schüler, die helfen wollten, sei groß und neben den Sprachkursen wurden auch andere Ideen umgesetzt. So gibt es auch Schüler, die mit den Flüchtlingen spazieren gehen und ihnen die Stadt zeigen. Auch Spielenachmittage sind in Planung. Für die Asylbewerber besteht damit die Möglichkeit, Kontakte zu Leuten außerhalb ihrer Unterbringung zu knüpfen. Und auch die Schüler würden etwas dabei lernen.

Die Hauptorganisatorin der Kurse ist Olivia Vicànek Martìnez, die ihren Bundesfreiwilligendienst an der Gewerblichen Schule absolviert. Seit September ist die 18-Jährige nun an der Schule und war von der Idee, den Flüchtlingen zu helfen, sofort begeistert. Sie hat unter anderem die Klassen eingeteilt und auch die Lernbücher organisiert, die der Landkreis zur Verfügung gestellt hat. Die Schule lieferte das Schreibmaterial für die Teilnehmer.

Olivia gibt ebenfalls Deutschunterricht in einem Kurs mit Flüchtlingen aus dem Kosovo. Ein Glücksfall war hierbei, dass einige Schüler Albanisch beherrschen. Dijana Mehmeti und Qendresa Ademi, beide 19, gehören zu den drei Schülern, die sich für die Flüchtlinge engagieren und die Muttersprache der Asylbewerber sprechen. Sie vermitteln als Übersetzer zwischen den unterrichtenden Schülern und den Kursteilnehmern und geben auf Albanisch Erklärungen zur deutschen Sprache. Gerade die Grammatik zu erklären wäre ohne sie weitaus schwieriger. Sie übersetzen auch deutsche Wörter ins Albanische wie „Geburtsjahr“, „Familienstand“ und „Wohnort“: Vokabeln, die wichtig für Behördengänge sind. Denn der Stoff wird den Bedürfnissen der Asylbewerber angepasst, auch wenn es so nicht im Lehrbuch stehe, erklären die Schüler.

Den Flüchtlingen soll aber nicht nur die deutsche Sprache vermittelt werden. Auch die deutsche Kultur wird ihnen näher gebracht. Deshalb erklären Lena und Magnus ihren Kursteilnehmern die Wichtigkeit der allseits bekannten deutschen Pünktlichkeit, auch als Wink, weil fast alle zu spät zum Unterricht erschienen waren. Magnus gibt ihnen den Tipp, immer fünf Minuten eher da zu sein, was zu vereinzeltem ungläubigen Gelächter führt.

Nach dem Unterricht fasst Lena zusammen: „Es macht einfach Spaß. Die Leute sind so dankbar und freuen sich, dass man ihnen Deutsch beibringt.“