„Das erste Jahr ist wie Intensivstation“

Kinderpsychologe Stephan Valentin spricht über Freiheit von Eltern

BACKNANG (pm). Die Arbeitsgruppe der Backnanger Bildungsgespräche hat den in Paris lebenden Kinderpsychologen, Schriftsteller und Drehbuchautor Dr. Stephan Valentin nach Backnang eingeladen. In dem gut besuchten Vortrag gab Valentin einen kurzweiligen Einblick in seinen interessanten Lebenslauf. Nach dem Besuch einer Schauspielschule in Paris entschied sich der gebürtige Heidelberger für ein Studium der Psychologie, promovierte mit dem Thema Einschlafstörungen bei Kleinkindern und reiste ehrenamtlich um die Welt, unter anderem führte ihn sein Weg in die Armenkrankenhäuser von Bombay und der Elfenbeinküste. 1999 erhielt er für seine Kurzgeschichte „Der Taubenturm“ den begehrten „Bettina-von-Arnim-Literaturpreis“ mit dem seine schriftstellerische Laufbahn begann.

In seinem neuen Buch „Freie Eltern – freie Kinder“ ermutigt Valentin die Eltern zu mehr Freiheit und Vertrauen. In witziger und auch nachdenklicher Art und Weise empfiehlt er Eltern, Großeltern und Pädagogen, sich selber und den Kindern mehr Freiheit zu gönnen. Rundum-Management, durchgeplante Freizeit und vorgefertigte Lebenspläne sieht Valentin kritisch. Von Methoden in Amerika, wo es Universitäten für Föten gibt, sind wir zwar noch entfernt, aber dennoch gibt es auch bei uns den Trend möglichst früh mit der Förderung von Kindern zu beginnen, um auf keinen Fall etwas zu verpassen, was dem Kind später fehlen könnte. Viele Eltern setzen sich damit ohne Not unter Druck. Sie möchten allen Anforderungen an sie als Eltern gerecht werden beziehungsweise diese nach Möglichkeit übertreffen. Um dem standhalten zu können, so die häufige Wahrnehmung der Eltern, müssen sie selber ihre eigene Freiheit, ihr eigenes Leben aufgeben. „Ich bin dann wieder dran, wenn das Kind groß ist“, hört Valentin häufig von Eltern, um dann aber weiter auf den Freiraum zu verzichten. „Du kannst mir gerne die Wäsche bringen.“ Valentin geht wertschätzend, aber auch kritisch mit diesem Verhalten der Eltern um. Er begründet dies mit einer Unsicherheit, die viele Eltern von Anfang an haben. „Das erste Jahr ist wie Intensivstation“, so Valentin.

Freiräume zu schaffen bedeute Mut zu haben. Eltern müssten lernen, mit Freiheit umzugehen und Vertrauen zu entwickeln. Vertrauen in sich selber und Vertrauen in die Kinder. So haben die Kinder die Chance zu lernen, mit Konflikten umzugehen, ihre eigene Persönlichkeit zu entwickeln und reif für das Leben zu werden. Viele Beispiele aus seiner Praxis sorgen für einen kurzweiligen Abend.

Monika Eckert, Leiterin der Volkshochschule Backnang, Dunja Recht, Vorsitzende des Gesamtelternbeirats der Stadt Backnang, und die Arbeitsgruppe der Backnanger Bildungsgespräche freuen sich nach dem erfolgreichen Besuch von Valentin auf eine weitere Veranstaltung im Herbst. Diese wird dann in den neuen Räumen der VHS stattfinden.