Mit einer Motorrad-Politur über Nacht bekannt

Für Alexander Wunderlich und seine zwölf Mitarbeiter hat sich die Welt durch das Poliermittel komplett geändert

Dass die Firma Ambassador mit einer Motorrad-Politur über Nacht bekannt werden würde, das hätte sich Geschäftsführer Alexander Wunderlich nicht träumen lassen. Die halbe Motorradfahrerwelt ist begeistert von seiner Reinigungspaste „EMR fein“.

Von Heidrun Gehrke

BURGSTETTEN. Sie sieht aus wie Erdnussbutter, ist zäh wie Schuhcreme, nur der Jasminduft passt nicht ganz dazu, schließlich ist es ein Putzmittel. Die Reinigungspaste, die die Firma Ambassador aus Burgstetten derzeit in aller Welt bekannt macht, wird auf die Alugussoberfläche gerieben und verteilt. Für die Politur braucht es nur einen trockenen Lappen, es entsteht kein Tropfen Schmutzwasser. Dafür schon mal die eine oder andere Freudenträne, denn jeder Motorradfreak ist selig, wenn unter dem Lappen das seidig glänzende Aluminium hervorkommt, wie von Zauberhand. Er liebt es, wenn das Auge mehrere Zentimeter Platz hat, sich am schönen Anblick einer glatten Oberfläche zu freuen. Das Beste: Die Paste schützt zugleich vor Korrosion und erneuter Verschmutzung: sie konserviert. Ein kleines Wundermittel, das die Zwei- und Vierventiler-Welt gehörig aufmischt.

Für Alexander Wunderlich und seine zwölf Mitarbeiter hat sich die Welt durch das Poliermittel komplett geändert. Bisher für Controlling, ISO und den gesamten Bereich der Geschäftsführung zuständig, führt Wunderlich inzwischen ein ganz anderes Leben. „Bei der Retro-Classic-Messe in Stuttgart haben wir vier Tage lang Motorradblöcke geschrubbt, eine interessante Erfahrung“, sagt er, der sich gelassen in den Lauf der Dinge begibt. Wenngleich mitten in einer Start-up-Phase versprüht er nichts von der in aufstrebenden Großstadtbüros angesagten Hippster-Lässigkeit. Im elterlichen Haus aus den 60er-Jahren wird gerade schrittweise umgebaut, im Empfangsraum stehen drei Oldtimer-Motorräder, kein Firmenschild an der Straße weist darauf hin, dass hier seit Jahrzehnten schwäbisch-schaffige Chemie- und Reinigungstüftler am Werk sind. Ganz nebenbei erwähnt Wunderlich, dass zunächst eine Reihe an Roadshows geplant ist und er in nächster Zeit durch Nordrhein-Westfalen, das Saarland, durch Sachsen und Österreich reisen wird, von diversen Präsentationen auf Hausmessen zu etlichen Motorradveranstaltungen.

Dort wird er ständig für einen Freak gehalten oder für einen Oldtimer-Restaurator. Nichts von beidem stimmt. „Ich habe keinen Motorradführerschein und auch keine Ambitionen, ihn zu machen“, sagt er zur großen Verwunderung der Motorradfahrer. Ein Unimog oder ein Traktor seien eher sein Ding. Seine große Liebe sind neben seiner Frau und seinem Sohn Maximilian Alfa Romeos und historische Fahrzeuge. „Insofern kann er Menschen nachvollziehen, die beim Blick auf eine BMW R75, Baujahr 1974 mit 40 PS glänzende Augen bekommen und deren Traum es ist, eine BMW R90, Baujahr 1975 oder ein anderes historisches Zweirad zu fahren.

Zu der Branche, die ihm bislang fern war, hat er einen neuen Zugang gefunden. „Wir wohnen in Spiegelberg, wo man Motorradfahrer eigentlich als Raser kennt“, erzählt er. Doch das Motorradfahrervolk, das sich für seine Reinigungspaste interessiert, kommt gemütlich daher. „Es sind Ästheten und Genießer, die sich an schönen Details erfreuen können, zum Beispiel an einer seidig glänzenden Oberfläche ihres Motorradblocks“, sagt er. Seine Technik geht Kunde und Hersteller ans Herz. „Es ist eine beherrschbare Technologie, nicht chipabhängig und nicht überwachbar“, beschreibt Wunderlich, was ihm gefällt.

„Hier kann ich etwas von Hand machen: Chemie, die funktioniert, Chemie zum Anfassen“, nennt er seine Devise, seit er 2008 den Betrieb von seinem Vater übernahm. Das Reinigungsgen zieht sich durch die Familie durch: Schon seine Vorfahren, die das Unternehmen 1850 gründeten, haben Reinigungsprodukte und Pasten hergestellt. 80 verschiedene Reinigungspasten stellt Firma Ambassador heute her, die nach Südkorea, Brasilien und China geliefert werden. „Ich habe eigentlich nur ein Produkt weiterentwickelt, das in seiner Urform schon seit 80 Jahren existiert“, erklärt Wunderlich. Ursprünglich und bevor es Maschinen gab wurden damit Messing- und Kupferarbeiten gereinigt. „Ein Großonkel von mir fuhr mit dem Moped 1910 durch die Wüste und hat Beduinenvölkern Pasten verkauft.“ Sein Vater verkaufte an die Großindustrie: Führungen von Werkzeugmaschinen werden damit gereinigt und gepflegt.

Das wäre womöglich auch ewig so weitergegangen, Alexander Wunderlich hätte wie sein Vater weiterhin Industriekunden beliefert, wenn nicht ein Mitarbeiter einen kleinen Rest einer Dose mit nach Hause genommen und damit seinem Hobby gefrönt hätte: seinem Motorrad. Genauer: Er hat seine alte BMW mit der Paste „gestreichelt“. Dabei machte er die für Alexander Wunderlich folgenreiche Entdeckung. Flugrost und andere unerwünschte Oxidationsbegleiterscheinungen verschwanden, die Gussaluminiumteile erstrahlten in neuem Seidenglanz. Und alles geschah schonender als die häufig angewandte Glasperlen- und Trockeneisbestrahlung. „Viele, die auf Säurebasis und mit Wasser reinigen, verursachen Materialschaden und Umweltprobleme. Bei EMR fein geht die abrasive Wirkung eine unheilvolle Verbindung mit dem Schmutz ein und nicht mit dem, der reinigt“, fasst Wunderlich zusammen.

Darum fahren heute erstmals in der Firmengeschichte Privatkunden bei Wunderlich vor: Motorradfahrer, „Greyheads“ mit Bart im Gesicht, best-ager im rollenden Born-to-be-wild-Zustand. Sie schwören auf die abrasive Wirkung von „EMR fein“. Die ersten Edelmanufakturen für Fahrräder klopfen schon bei ihm an. Die Mischung sei einfach, versichert Wunderlich: Mineralöl, ausgewählte Wachse und abrasive Stoffe – und von allem nur das Beste. Geeignet ist die Paste für blankes Metall. „Nur für den Haushaltsgebrauch haben wir noch keine Verwendung gefunden.“

Der gebürtige Backnanger mit badisch-elsässischen Wurzeln hat BWL und Chemie studiert, kommt sich aber in letzter Zeit oft vor wie ein „Bierbrauer“. „Ich muss die Bestandteile daran hindern, sich zu trennen und gegen die Einstockung bei Kälte ankämpfen, darauf basiert jedes Reinigungsprodukt.“