Besorgniserregende Kriminalitätslage

In Backnang mussten im vergangenen Jahr mehr Straftaten registriert werden als in vergleichbaren Städten

Das Backnanger Polizeirevier braucht mindestens zehn Prozent mehr Beamte. Diese Forderung erhebt OB Dr. Frank Nopper. Der Grund: Im Jahr 2014 wurden in Backnang 26,4 Prozent mehr Straftaten registriert als im Jahr zuvor. Diese Entwicklung ist auch für Revierchef Jürgen Hamm „sehr besorgniserregend“.

BACKNANG (rf). 90 Beamte – das ist die aktuelle Stärke des Polizeireviers in Backnang. Zu wenig, sind sich die Stadtverwaltung und die Stadträte einig. Auch Kriminaloberrat Hamm würde nicht abwinken, bekäme er von oben ein paar mehr Leute zugewiesen. Doch es ist eher unrealistisch. Zwar werden wieder mehr junge Leute ausgebildet, doch bis die voll eingesetzt werden können, sind Ältere bereits im Ruhestand.

Mehr Polizisten täten Backnang gut, dann könnte noch entschlossener gegen Kriminalität vorgegangen werden, dann könnte die Polizei noch mehr Präsenz zeigen und schon dadurch die eine oder andere Straftat verhindern. Vielleicht. Denn „Präsenz ist kein Allheilmittel“, wie Jürgen Hamm weiß. Beweis: Es gab auch schon Zeiten, da hielten sich überdurchschnittlich viele Beamte (auch in Zivil) in bestimmten Wohngegenden auf, und die Einbrecher gingen am andern Ende der Stadt ihrem bösen Gewerbe nach.

Sicherheits- und Verkehrslage 2014 in Backnang. Das war das Thema des Jürgen Hamm am Donnerstagabend im Gemeinderat. Und zwangsläufig hatte der Backnanger Polizeichef eine Menge Zahlen vorzulegen. Doch Räte und Zuhörer mussten sich keine Einzelheiten merken, es war auch so sehr rasch zu erkennen: Die Anzahl der Straftaten ist gestiegen, teilweise in kaum erwarteten Dimensionen. Eine unrühmliche Rolle spiel hierbei insbesondere Backnang.

An was liegt’s? So genau scheinen das selbst Analysten nicht zu wissen. „Da kann man trefflich sinnieren“, meinte der Polizeichef und nannte beispielsweise zwei mögliche Gründe: den S-Bahn-Endpunkt Backnang und die B14. Sollte heißen, dass die Anreise für mobile Kriminelle ebenso einfach ist wie eine schnelle Abreise. Doch es sind nicht allein die durch die Lande ziehenden Banden mit ausländischem Pass, viele der nicht deutschen Tatverdächtigen wohnen auch in und um Backnang. Genau 1272 Tatverdächtige wurden im vergangenen Jahr in Backnang ermittelt, der Anteil der Nichtdeutschen lag bei rund 40 Prozent, in Fellbach und Waiblingen ist die Prozentzahl noch etwas höher.

Das ist’s aber schon, wo Backnang nicht den Negativrekord aufstellt. Denn die Murr-Metropole liegt – immer aufs Jahr 2014 bezogen – mit insgesamt 2799 Straftaten ganz vorne. Bei den vergleichbaren Städten folgen Fellbach (7087 Straftaten), Winnenden (6206), Waiblingen (5989) und Schorndorf (5761).

Bemerkenswert auch die Statistik der Straftaten-Entwicklung in Backnang: Von 2010 stieg die Anzahl der Fälle von 2397 auf 2799 insgesamt. Am ehesten sticht die Anzahl der Diebstähle, also auch Einbrüche, ins Auge: Waren es anno 2010 noch 723, so mussten 2014 genau 1088 Diebstähle registriert werden. Etwas angestiegen ist die Zahl der Körperverletzungen (von 260 auf 294), deutlich angestiegen sind Rauschgiftdelikte (von 85 auf 159). Rückgänge wurden in diesem Fünfjahres-Zeitraum bei Vermögens- und Fälschungsdelikten (522 – 503) und bei Sachbeschädigung (447 – 338) verzeichnet.

Gefährliche Körperverletzungen in der Öffentlichkeit beunruhigen zwar, doch die Zahlen sind in den vergangenen fünf Jahren rückläufig – und in der Summe auch vergleichsweise wenig: 2010 waren dies 36 Fälle, 2014 genau 26 Fälle. Kinder, Jugendliche und Heranwachsende fallen als Täter kaum ins Gewicht, die Mehrzahl der Schläger sind im Erwachsenenalter. Anlass zu ein klein wenig Freude bereitet auch der Rückgang der Sachbeschädigungen in der Stadt – im Jahr 2010 wurden 447 Fälle registriert, 2014 noch 338 Fälle; wobei das Graffiti-Unwesen im Bahnhofsbereich eine auffällige Rolle spielt.

Jürgen Hamm und Frank Nopper und die Stadträte sind sich einig: In der Bevölkerung sollte noch genauer hingeschaut werden, wenn sich etwas Verdächtiges tut. Die Polizei hat keine Probleme damit, wenn ihr etwas gemeldet wird, was sich im Nachhinein nicht als etwas Kriminelles herausstellt. Hamm: „Hinweise zur Aufklärung und zur Ermittlung von Tätern sind unverzichtbar.“ Ein gutes Beispiel: In Strümpfelbach war einem Bürger ein verdächtiger Pkw mit fremdem Kennzeichen aufgefallend er rief die Polizei an. Wenig später wurde in einer ganz anderen Gegend Deutschlands eben dieses Fahrzeug erneut gemeldet – und vier reisende Kriminelle dingfest gemacht.

Als „relativ konstant“ bezeichnet Jürgen Hamm die Entwicklung bei der Anzahl der Verkehrsunfälle. 2010 waren das 458 (129 mit Personenschaden) und 2014 wurden 460 (109 mit Personenschaden) notiert. Bei Verkehrsunfällen getötet wurden in Backnang in den Jahren 2010 bis 2014 insgesamt sechs Menschen, davon allein drei in 2014. Häufigste Unfallursache ist zu geringer Abstand, die meisten Unfallverursacher sind Senioren über 65 Jahre. Deutlich zugenommen haben die Unfallfluchten. 218 waren es noch 2010 und 254 im Jahr 2014 – das ist auch ein Indiz für nachlassende Moral im Straßenverkehr.