Keine Fälle, sondern Menschen

Arbeitskreis Asyl Backnang und Universum Kino zeigen Filmprojekt mit zehn Asylbewerbern aus der Umgebung

Filmemacher Grégory Darcy lässt zehn Flüchtlinge aus Kernen, Waiblingen und Esslingen in seinem Film „Menschen“ zu Wort kommen. Die Menschen erzählen von ihrer Verfolgung im Heimatland, ihrer Flucht, ihren Lebensumständen in Deutschland. Gemeinsam ist die Hoffnung auf ein Leben in Normalität.

Berichteten im Kino über ihre Erlebnisse, Erfahrungen und Hoffnungen: Flüchtlinge mit Filmemacher Darcy (am Mikrofon). Foto: privat

Von Annette Hohnerlein

BACKNANG. Darcy, französischer Filmemacher aus Kernen im Remstal, nahm einen Polizeieinsatz in der Asylbewerberunterkunft in seiner Heimatstadt und die darauffolgende Diskussion zum Anlass für seinen Film. Darin „gab er den namenlosen Fällen ein Gesicht“, so Günther Flößer vom Arbeitskreis Asyl Backnang, der die rund 70 Besucher im Backnanger Universum-Kino begrüßte. Das Werk ist eine Mischung aus Dokumentar- und Kunstfilm. Ausführliche Interviews mit den Flüchtlingen illustriert Darcy mit szenische Darstellungen, denn „es gab Momente, da kamen Worte nicht weiter“.

Die Geschichten, die die jungen Männer aus ihren Heimatländern erzählen, sind allesamt schrecklich: Ein Pakistani, der seine Weigerung, den Taliban beim Töten zu helfen, fast mit dem Leben bezahlte, ein Iraner, der nach der Teilnahme an einer Demonstration fünf Monate im Gefängnis saß und danach mit einem Berufsverbot belegt wurde, Verfolgung aufgrund von Religionszugehörigkeit oder sexueller Orientierung, Kriegserlebnisse, Schussverletzungen, Gewalt. Dann die Flucht: teils Jahre dauernd, voller Strapazen und Gefahren. „Es kommt ein Punkt, wo wir denken, wir sind keine Menschen mehr.“

In Deutschland angekommen, leiden die erwachsenen Flüchtlinge unter der Ungewissheit ihres laufenden Asylverfahrens und der ungewollten Arbeitslosigkeit. Jugendliche und Kinder haben immerhin die Möglichkeit, die Schule zu besuchen und Deutsch zu lernen. Belastend ist auch die Unterbringung in engen Mehrbettzimmern und das schlechte Image in der Bevölkerung.

Aber auch Positives kommt im Film zur Sprache. Ein junger Mann aus Kamerun gibt seiner Dankbarkeit Ausdruck: „Deutschland ist ein freundliches Land, es hat mir Sicherheit gegeben.“ An die Adresse der Helfer beim Arbeitskreis Asyl und in den Kirchengemeinden: „Sie zeigen uns, dass es hier Liebe gibt.“

Auf ihre Zukunftshoffnungen angesprochen, steht der Wunsch nach einer Arbeit bei den Flüchtlingen ganz oben. Unter ihnen sind Männer, die eine Berufsausbildung haben – als Handwerker, als Friseur, als Schauspieler oder Theaterregisseur. Einer hat in seiner Heimat Gambia in der ersten Liga gekickt und möchte Fußballprofi werden. Ein anderer wünscht sich, in einem Kindergarten oder einem Altersheim zu arbeiten. Aber eine Arbeitserlaubnis ist erst nach Monaten und nur mit starken Einschränkungen zu bekommen. Das größte Hindernis sind meist die schlechten Deutschkenntnisse. Und so denken viele wie der 24-jährige Pakistani: „Ich brauche eine Arbeit, egal was.“ Ein junger Algerier malt sich in rührenden Worten seine Zukunft mit Job, Frau und Kindern aus: „Ich will normal leben.“

Zwischen den Interviews traten einige der Asylbewerber als Darsteller vor die Kamera. Sie stellten tänzerisch ihren Beruf dar, lasen eigene Gedichte oder zeigten Fußballkunststücke. Der Theaterregisseur stellte in einer Reihe von Szenen verschiedene Situationen und Gefühlszustände dar, etwa den pantomimischen Kampf gegen ein projiziertes Spinnennetz und den Versuch, sich daraus zu befreien. Oder die beschwörende Wiederholung von Begriffen, die den Alltag der Betroffenen prägen: wait, relax, one room, no job.

Nach dem Film standen einige Flüchtlinge aus Backnang den Zuschauern für Fragen zur Verfügung. Sie berichteten von ähnlichen Erfahrungen und Problemen wie die Protagonisten im Film. Unter ihnen ein junger Mann aus dem Libanon, der dank guter Deutschkenntnisse den Hauptschulabschluss geschafft hat und jetzt auf die Realschule geht. Thema war auch die Razzia in der Backnanger Unterkunft der Asylbewerber. Ein Zuschauer vermisste den Dialog im Anschluss an die Polizeiaktion, die Flößer völlig überzogen nannte. Er sprach von einem Generalverdacht gegen Flüchtlinge. Am Ende fasste eine Zuschauerin den Tenor der Diskussion mit den Worten zusammen: „Engagement ist wichtig, um den Menschen das Gefühl zu geben: Ihr seid uns willkommen.“