Erstens kommt es anders...

Dass ein Stadtrat in einem Gartenstraße-Gebäude Flüchtlinge unterbringen lässt, missfällt insbesondere dem Oberbürgermeister

Händeringend suchen die Landkreise Unterkünfte für Flüchtlinge, für Asylbewerber. Wenn dann Private – selten genug – Räume anbieten, greifen sie gerne zu. Doch nicht immer zur Freude anderer. Auch Backnang hat solch einen Fall.

Gartenstraße Nummer 67: Hier werden Flüchtlinge einziehen. Der Asia-Markt soll seine Bleibe behalten. Foto: R. Fiedler

Von Reinhard Fiedler

BACKNANG. Erstens kommt es anders und zweitens als man denkt. Eine Lebensweisheit, die gewiss auch Dr. Frank Nopper bekannt ist. Wie mancher Stadtrat, so war auch der Oberbürgermeister angetan, als ein Vertreter der Dibag die neuen Pläne für eine Bebauung der Oberen Walke präsentierte und Andreas Benignus von der Aspa-Bauträgergesellschaft die schöne Zukunft des markanten Gebäudes Gartenstraße 67 ausmalte. „Vielversprechend.“ So begeisterte sich Nopper an diesem Tag im Gemeinderat – es war der 10. April 2014. An jenem Donnerstag ließ Stadtplaner Setzer auch wissen, dass in Sachen Walke-Hochwasserschutz mit dem Landratsamt intensive Gespräche laufen und dass im Falle grünen Lichts mit der Walke-Wohnunbebauung ab 2015 begonnen werden könne...

Doch was tut sich bis heute auf der Oberen Walke? Augenscheinlich nichts! Und es sieht auch nicht so aus, als ob die Immobilie Gartenstraße 67 so umgebaut wird, als ob dort bald das heutzutage in betuchten Kreisen geschätzte, hochwertige Wohnen in einstigen Gewerberäumen möglich ist. Solches „loftartige Wohnen“ hatte ein von der Aspa beauftragter Architekt vor nunmehr 15 Monaten im Kommunalparlament vorgestellt.

Während sich in Backnang so mancher daran gewöhnt haben dürfte, dass die Präsentation von Dibag-Plänen nicht automatisch auch deren Realisierung bedeutet, verhält sich der Fall Aspa/Gartenstraße 67 etwas anders. Das im Jahr 1930 errichtete Haus diente einst als Schreinerei einer Lederfabrik, später als Bürogebäude und beherbergte dann für einige Jahre ein Feuerschutz-Unternehmen. Vor nicht allzu langer Zeit gab es dann innerhalb der Familie Schweizer einen Eigentümerwechsel, nun gehört der Bau dem Geschwisterpaar Renate und Dr. Lutz-Dietrich Schweizer, das als Grundstücksgemeinschaft agiert. Und diese beiden haben offenbar weniger mit feinen Loft-Wohnungen am Hut als der Vorbesitzer.

Sowohl humane, christliche Grundgesinnung als auch die Kenntnis, dass zahlreiche Menschen unter lebensgefährlichen Umständen Krieg, Terror und Not entfliehen und auf eine menschenwürdige Bleibe hoffen, waren für ihre Entscheidung maßgebend, etwas zu tun, wenn man es zu tun imstande ist.

Dass man damit auch Geld verdienen kann, ist in unserer Gesellschaft legitim, sagen die einen. Andere Stimmen erwecken den Eindruck, als ob sie Neider sind: „Geschäftemacher.“ Etwa zwischen fünf und sechs Euro pro Quadratmeter dürfte der Landkreis an Miete zahlen. Und dies vermutlich ab dem 15. September. Denn bis dahin soll der Umbau, der derzeit im Gange ist, fertig sein. Für die gut zwei Dutzend Menschen werden neun Zimmer hergerichtet. Zimmer mit unterschiedlicher Belegungsdichte – je nach Größe. Noch ist der Vertrag zwischen Grundstücksgemeinschaft und Landkreis nicht unterzeichnet, doch es läuft alles darauf hinaus, wie es auch der neue Landrat erst vorgestern in einem Gespräch mit unserer Zeitung bestätigte. Dr. Richard Sigel bringt die Asylbewerber lieber in einem solchen Gebäude unter „als in einer Sporthalle oder einer Zeltstadt“.

Das scheint nicht jeder so zu sehen. Als unlängst in einer nicht öffentlichen Gemeinderatssitzung die Unterbringung von Asylbewerbern Gegenstand einer Anfrage war und die Sprache auch auf das Gartenstraße-Projekt kam, da soll sich Frank Nopper deutlich ablehnend gezeigt haben, auch emotional. Miteigentümer Lutz-Dietrich Schweizer, für die Christliche Initiative Backnang (CIB) im Gremium sitzend, äußerte sich trotz oberbürgermeisterlicher Aufforderung (oder Bitte) dazu nicht. Dieses sein Verhalten begründet Schweizer auf BKZ-Nachfrage so: Er habe mit Nopper bei mehreren Besprechungen im Rathaus ausführlich darüber geredet. Das klingt gerade so, als ob Schweizer in der Sitzung den Eindruck hatte, dass Nopper ihn vorführen wollte.

Dass der OB mit der Situation unzufrieden ist, geht deutlich genug aus einem kurzen Statement hervor, um das ihn die Redaktion gebeten hat. Wörtlich: „Wir haben an dieser städtebaulich so exponierten Stelle eine andere Nutzung gewollt und nachdrücklich versucht, die Eigentümer von dieser zu überzeugen – leider vergeblich. Schließlich bestand und besteht das ganz konkrete – und auch im Gemeinderat bereits vorgetragene – Interesse eines regionalen Immobilienunternehmens, welches das prägnante Gebäude mit Strahlkraft für das Umfeld aufwendig sanieren und aufwerten wollte. Dies hätte dem Quartier Gartenstraße/Obere Walke den von uns gewünschten weiteren Schub gegeben.“

Etwas anders klingt dies bei SPD-Fraktionschef Heinz Franke: „Es ist prinzipiell gut, wenn Privatpersonen Unterkünfte anbieten. Wir sollten froh darüber sein. Wir können die aktuellen Herausforderungen nur gemeinsam bewältigen.“

Dr. Volker Schwarze, bisheriger CDU-Fraktionsvorsitzender, sieht es ähnlich: „Im Prinzip ist nichts dagegen einzuwenden, es bedarf Anstrengungen auf öffentlicher wie auf privater Ebene.“ Allerdings müsse die Erfüllung sämtlicher behördlicher Auflagen gewährleistet sein. „Und das Vorhaben muss in die bauliche Entwicklung der Gartenstraße integriert werden.“ Schwarze legt auch Wert darauf, dass die Zahl der künftigen Bewohner der Gartenstraße 67 aufs Kontingent der Stadt angerechnet wird. Dazu kommt auf Frage aus dem Landratsamt ein klares Ja. Damit ist ein seit Tagen in Backnang umlaufendes Gerücht vom Tisch, in dem das Gegenteil behauptet wird.