Symbolträchtiger Konzertabend

Mandelring- und Villa-Berg-Quartett eröffneten die neue Spielzeit im Bürgerhaus – Musik zum Tag der Deutschen Einheit

Beeindruckte mit Haydns „Kaiserquartett“: Mandelring-Quartett beim Konzert im Backnanger Bürgerhaus. Foto: A. Becher

Von Thomas Roth

BACKNANG. Am 25. Jahrestag der deutschen Wiedervereinigung begann jetzt die neue Spielzeit im Backnanger Bürgerhaus. Entsprechend symbolträchtig und tiefgängig war die Programmauswahl mit Werken von Joseph Haydn, Dmitri Schostakowitsch und Felix Mendelssohn-Bartholdy. Und entsprechend hochkarätig waren die Interpreten des Abends: das Mandelring- und das Villa-Berg-Quartett.

Haydns „Kaiserquartett“ auf den Programmzettel zu setzen, ist für diesen Anlass fast ein Muss. Verarbeitet Haydn hier, vor allem im zweiten, langsamen Satz, doch das Lied „Gott erhalte Franz den Kaiser“ in vielfältiger Form als Grundthema mit Variationen und Umspielungen. Und dient genau diese Melodie später, hochoffiziell übrigens erst nach dem Mauerfall, mit dem Text von August Heinrich Hoffmann von Fallersleben bis heute als gesamtdeutsche Nationalhymne. Sebastian Schmidt als Erster Geiger läuft bereits hier zu Hochform auf. Das Spätwerk des häufig zu Unrecht unterschätzten – weil in den Schatten Mozarts gestellten – Haydn ist eine recht anspruchsvolle und komplexe Komposition. Auch technisch sind alle gefordert: Neben Primarius Schmidt auch Nanette Schmidt (Violine) sowie an der Bratsche Andreas Willwohl und Bernhard Schmidt am Cello. Da blitzt bereits die Güte dieses mit vielen internationalen Preisen dekorierten Quartetts auf.

Vom Westen geht’s fortan gen Osten. Zunächst ganz weit – nach Russland. Zeit seines Lebens litt Dmitri Schostakowitsch bekanntermaßen zutiefst unter der grausamen Diktatur Josef Stalins, der unabhängig von Opfern des Zweiten Weltkriegs Abertausende seiner Landsleute als vermeintliche Regimegegner in den Tod schickte. 1960 besucht der Europa- und speziell Deutschland-Sympathisant Schostakowitsch Dresden, um eine Film-Auftragsmusik („5 Tage – 5 Nächte“) zu komponieren. Die Bombardierungsspuren waren damals in Dresden noch ziemlich deutlich sichtbar, was das sensible Gemüt des genialen Musikers so durcheinander brachte, dass er statt der Filmmusik binnen dreier Tage sein achtes von fünfzehn und sein autobiografischstes Streichquartett in c-moll schuf.

Er selbst sagte über dieses Opus: „Gewidmet dem Andenken an den Komponisten dieses Quartetts.“ Die teils verstörenden Melodie- und Harmoniefolgen, die dynamischen Brüche in diesem Werk geben, wie meist bei dem Russen, einen tiefen Einblick in die Psyche dieses Mannes. Für die knapp 200 Besucher im Bürgerhaus ist es durchaus als Glücksfall zu bezeichnen, mit dem Mandelring-Quartett ausgewiesenen und mit Awards versehenen Schostakowitsch-Interpreten lauschen zu können. Diese Klangwucht, vor allem in den Unisono-Passagen, das Wehklagen der Bratsche und dann am Cello, Sordinotöne der ersten Geige – all das zusammen versetzt einen natürlich nicht in Wiedervereinigungsjubelstimmung. Es beeindruckt schlicht zutiefst und ist der künstlerische Höhepunkt an diesem Konzertabend.

Als Villa-Berg-Quartett haben sich die Geigerinnen Gesa Jenne-Dönneweg und Gabriele Turck, die Bratschistin Ingrid Philippi und Cellist Wolfgang Düthorn seit ihrer Gründung 2008 einen Namen erspielt. Sie komplettieren nach der Pause das Mandelring-Quartett zum Oktett und spielen Mendelssohns Jugendwerk (er war 16) in Es-Dur, gewidmet seinem Geigenlehrer Eduard Rietz. Entstanden ist es in Berlin, womit man wieder in der Hauptstadt angekommen wäre. Darüber hinaus verdient Mendelssohn bei solch einem Anlass durchaus, gespielt zu werden, war er aufgrund seiner Herkunft doch bei den Nazis verboten, hat die Musik Bachs wieder öffentlich gemacht und aus Leipzig bis heute einen musikalischen Schmelztiegel als Gründer des Gewandhauses und als erster Dirigent des gleichnamigen Orchesters. In seinem Oktett, so hat man das Gefühl, zeigt der junge Knabe, was er kompositorisch schon alles drauf hat, bis hin zu Kontrapunkt und Fuge. Das Publikum will eine Zugabe erklatschen. Und Sebastian Schmidt gibt sie. Allerdings verbal: Die Botschaft sei angekommen. Eine Wiederholung allerdings nicht gut. Noch dazu „uns gerade der Schluss (des Mendelssohn Oktetts) besonders gut gelungen ist“. Eine sympathische Untertreibung.