Tauschrausch oder Bazar der Geschichten

Pilotprojekt: Theater mit Einheimischen und syrischen Flüchtlingen, Amateuren und Profis – Aufführung im Bandhaus

Romeo und Julia lernen sich kennen: Theaterprobe im Gemeindesaal der Christkönigskirche. Laien, professionelle Darsteller und syrische Flüchtlinge spielen in einem neuen Stück.Foto: A. Becher

Von Marina Heidrich

BACKNANG. Friederike rubbelt an Aladins Wunderlampe. Sie hat einen Wunsch frei: ein Baum, an dem sowohl Granatäpfel als auch Gewürzluiken wachsen. Ob der Dschinn ihr wohl diesen außergewöhnlichen Wunsch erfüllt? Einfacher hat er es sicher mit Kaseem. Der Syrer möchte Angela Merkel grüßen. Und Manfred sorgt für hochgezogene Augenbrauen beim Flaschengeist, denn er behauptet, wunschlos glücklich zu sein. Währenddessen tanzen ein syrischer Romeo und eine Backnanger Julia verträumt und Bootsflüchtlinge kommen im Hafen an.

Klingt verworren. Spannend. Fantasievoll. Das engagierte Theaterprojekt heißt „Tauschrausch oder der Bazar der Geschichten“. Ein Pilotprojekt im künstlerischen Bereich, denn erstmals spielen Laien, professionelle Darsteller und syrische Flüchtlinge in einem eigens dafür geschaffenen Stück.

Die Uridee entstand, als der Tauschring Backnang seinen 10. Geburtstag plante. Es sollte mal ein ganz anderes Fest sein, etwas Außergewöhnliches. Da das Thema Flüchtlinge bei den Vorbesprechungen immer wieder auftauchte, beschloss man eine eigene Produktion. Mit der Regisseurin, Professorin Isolde Alber, die viele Jahre an der Staatlichen Hochschule für Musik und Darstellende Kunst in Mannheim gelehrt hat und auch selbst Stücke entwickelt, und der in Backnang ansässigen Theaterpädagogin und Schauspielerin Friederike Seeburger entstand so der Bazar der Geschichten.

Friederike Seeburger nahm zunächst Kontakt mit dem Arbeitskreis Asyl auf, dort riet man ihr, einfach ins Haus in der Hohenheimer Straße zu den Flüchtlingen zu gehen und dort nach interessierten Menschen zu fragen. Mittlerweile hat das Projekt ein zirka 20-köpfiges Ensemble zusammen, und die Premierenvorstellung im Theater im Bandhaus steht am Samstag, 10. Oktober, an. Das Stück beginnt um 16 Uhr, für 19 Uhr ist eine zweite Vorstellung angesetzt.

Zunächst stieß das Organisationsteam jedoch auf Stolpersteine: Teilnehmer, Deutsche, sprangen ab, Syrer wurden verlegt oder abgeschoben. Doch nach langem Hin und Her steht nun die Truppe. In die märchenhafte Handlung werden reale Geschichten verwoben, welche die Darsteller selbst erlebt haben. Es geht um Flucht, Vertreibung, Liebe und Freundschaft. „Menschen möchten ihre Geschichte erzählen“, sagt Friederike Seeburger. Denn hinter jeder Geschichte steckt ein Schicksal und hinter jedem Schicksal ein Mensch. So wie Hussein.

Seit zehn Monaten lebt der Syrer nun in Backnang, spricht mittlerweile gut Deutsch. Hussein möchte Journalismus studieren. Eigentlich ist er recht schüchtern, doch der 23-Jährige weiß, dass er auf Menschen zugehen muss, um die Grenzen in den Köpfen abzubauen. Die eigenen und die der Deutschen. Zwei seiner Brüder haben es in die Türkei geschafft, seine Eltern waren ebenfalls schon vor dem Krieg in der Heimat geflohen.

Doch Husseins Schwester konnte hochschwanger die Strapazen einer Flucht nicht überstehen, daher sind seine Eltern wieder in das umkämpfte Syrien zurück, um der Tochter beizustehen. Vor einiger Zeit erfuhr Hussein dann, dass sein 15-jähriger Bruder in einem Asylantenheim in Thüringen untergebracht war. Er setzte Himmel und Hölle in Bewegung und freut sich, dass sein kleiner Bruder nun seit knapp zwei Wochen bei ihm in Backnang wohnen darf. Beide Brüder sehen das Theaterprojekt als Möglichkeit der Verständigung und Kontaktaufnahme mit der einheimischen Bevölkerung.

Seit April wird regelmäßig geprobt, jeden Donnerstag. Dadurch haben sich auch private Kontakte ergeben, man unternimmt gemeinsam etwas, trifft sich auf einen Kaffee, geht ins Museum oder unterhält sich. Und lernt so ganz nebenbei die jeweils andere Kultur kennen.

Kulinarisch klappt das schon ausgezeichnet, denn nach den Proben wird gemeinsam gegessen. Etwa schwäbische Tomatensuppe, syrische Reisgerichte und Fladen mit Schafskäse – zum Nachtisch leckeres Apfelmus aus einheimischen Äpfeln. Alles von den Darstellern selbst gekocht. Deutsch-syrisches Crossover. „Man muss im Kleinen beginnen“, sagt eine Teilnehmerin, „denn man kann nicht gleich die ganze Welt retten.“ Dann lächelt sie. „Aber man kann versuchen, sie ein kleines bisschen besser zu machen.“