Pfarrer und Literaten waren eng verbandelt

Christian Schweizer berichtete von spannenden historischen Hintergründen eines kostbaren Bilderzyklus aus der Biedermeierzeit

Ein Puzzle aus bisher kaum bekannten, bedeutenden historischen Details und Beziehungsnetzwerken zwischen berühmten Personen setzte Christian Schweizer zusammen. Im Zentrum seines Vortrags Kostbarkeiten aus Kirchenkirnberg stand ein Gemäldezyklus aus der Biedermeierzeit.

Eines der beiden noch erhaltenen Bilder: Das Gemälde des Kirchenkirnberger Pfarrhauses. Detailliert wie eine Miniatur zeigt es den Besuch des Prälaten Johann Gottfried Pahl mit seiner Familie beim Kirchenkirnberger Pfarrer Friedrich Christian Scholl im Frühjahr 1815. Foto: Carl-Schweizer-Museum

Von Elisabeth Klaper

KIRCHENKIRNBERG. Die Kostbarkeiten seien Informationsträger zur Ortsgeschichte, betonte der Referent vor den zahlreich erschienen, historisch interessierten Kirchenkirnbergern. Bei umfangreichen Recherchen im Archiv der evangelischen Landeskirche und Hauptstaatsarchiv in Stuttgart sowie im Heimatmuseum Horlachen habe er dazu eine Fülle spannender Details entdeckt. Der Bilderzyklus umfasst drei kleine Gouache-Gemälde, von denen noch zwei erhalten sind. Schweizer vermutet, dass sie einst im Besitz der Kirchenkirnberger Pfarrer waren und später in den Privatbesitz Kirchenkirnberger Bürger übergingen. Heute befinden sie sich in der evangelischen Kirche.

Auf dem verlorenen Bild ist das Pfarrhaus in Oberbrüden mit Mitgliedern der Pfarrerdynastie Scholl dargestellt. Das eine der erhaltenen Gemälde zeigt das Pfarrhaus in Kirchenkirnberg. Das zweite ist eine Ortsansicht von Kirchenkirnberg mit der einzigen bekannten Darstellung der alten Ursulakirche. Der Blickwinkel deutet laut Schweizer darauf hin, dass es von einem Fenster des Pfarrhauses aus gemalt wurde. Die Texte auf den Rückseiten der um 1815 entstandenen Bilder von Christoph Friedrich Dörr, Porträtist und Zeichenlehrer in Tübingen sowie Vetter des Landschaftsmalers Carl Dörr, geben Aufschluss über den Inhalt und sind der Schlüssel für die zeitliche Einordnung. Die Gemälde zeigen ein Dorf- und Familienidyll mit detailgenau erfasster Wirklichkeit, man müsse sie lesen wie einen Text, erklärte der Referent.

Das Bild des Kirchenkirnberger Pfarrhauses dokumentiert das vielfältige Beziehungsnetzwerk des „Limpurger Kreises“ aus Pfarrern und Literaten der Romantik im frühen 19. Jahrhundert. Detailliert wie eine Miniatur zeigt es den Besuch des Prälaten Johann Gottfried Pahl mit seiner Familie beim Kirchenkirnberger Pfarrer Friedrich Christian Scholl im Frühjahr 1815. Der bedeutende Autor der Aufklärung und Zeitkritiker war befreundet mit den schwäbischen Dichtern Ludwig Uhland, Justinus Kerner und Eduard Mörike. Ein Tagebucheintrag Ludwig Uhlands weist darauf hin, dass er und Justinus Kerner mit dem Gschwender Pfarrer Heinrich Prescher im Herbst 1815 nach Kirchenkirnberg kamen, wo sie „sauren Wein“ tranken. Eine Reise von Murrhardt nach Gaildorf inspirierte Uhland zum Gedicht „Württemberg“. Das Beziehungsnetzwerk ermöglichte es der Tochter des Kirchenkirnberger Pfarrers, Luise Albertine Wilhelmine Scholl, in zweiter Ehe den schillernden badischen Hofrat Joseph Beck zu heiraten. Der katholische Priester und Privatlehrer des späteren französischen Kaisers Napoleon III. vertrat unerhört moderne Ansichten, setzte sich für konfessionelle Mischehen ein und konvertierte zum evangelischen Glauben.

Eine weitere Kostbarkeit sei die Mitte 2015 in der Pfarrscheuer wiederentdeckte, mit kunstvoller Nadelmalerei bestickte Fahne des ehemaligen Kriegervereins Kirchenkirnberg von 1903. Sie zeigt auf einer Seite das Wappen des Königreichs Württemberg, darüber den Schriftbogen „Mit Gott für König und Vaterland“, auf der anderen Seite die Symbolfigur der Germania, darüber den Schriftbogen „Kriegerverein Kirchenkirnberg“, erläuterte Schweizer. Über den Verein habe er leider nichts Genaues herausfinden können, da die Archivalien entweder bereits im vergangenen Jahrhundert weggeworfen wurden oder kurz vor Kriegsende verbrannten. Die von Veteranen nach dem Deutsch-Französischen Krieg und der Gründung des Kaiserreichs 1870/71 überall in Deutschland gebildeten monarchistischen Kriegervereine seien den Nationalsozialisten ein Dorn im Auge gewesen. Sie erfüllten wichtige soziale Aufgaben wie die Versorgung von Hinterbliebenen und die Einrichtung einer Sterbekasse. Im Vorstand des Dachverbands Württembergischer Kriegerbund war auch der Murrhardter Generalarzt Eduard von Seeger, Schwiegervater von Robert Franck. Mitglieder von Kriegervereinen bildeten Sanitätskolonnen aus freiwilligen Veteranen, die Sanitätshilfsdienste im Kriegsfall leisteten. Nach einer Vereinbarung zwischen evangelischer Landeskirche und württembergischem Kriegerbund organisierte die Diakonie solche Hilfsgruppen, führte Schweizer weiter aus. So engagierten sich Mitglieder des Kriegervereins Kirchenkirnberg in der Sanitätskolonne Gaildorf-Schwäbisch Hall. Aus zahlreichen Sanitätskolonnen entstanden Ortsvereine des Deutschen Roten Kreuzes.

Während des heimatgeschichtlichen Abends, den der Verein Bürgerschaft Kirchenkirnberg und das Carl-Schweizer-Museum gemeinsam veranstalteten, bat der Referent die Zuhörer darum, alte Gegenstände, Bücher oder Dokumente nicht einfach wegzuwerfen, sondern aufzubewahren, da sie historisch wertvoll sein könnten.