„Aufstehen und noch mal versuchen“

Stefan Burgel und Christian Kreisel berichten bei den Backnanger Bildungsgesprächen über persönliche Bildungserfahrungen

„Kreative Bildungswege – (in)direkt zum Ziel“ war das Thema einer Podiumsdiskussion im Rahmen der Backnanger Bildungsgespräche. Es entbrannte eine lebhafte Diskussion über die Rolle der Schule und den Einfluss der Wirtschaft auf die Bildung.

Fragen zur Bildungskarriere (von links): Moderator Jo Frühwirt mit Christian Kreisel, Birgit Steinhäußer, Bernd Saur und Stefan Burgel. Foto: A. Becher

Von Lisa Nack

BACKNANG. „Es ist ein Konkurrenzkampf im Gange, der sogar schon im Kindergarten losgeht“, stimmt Jo Frühwirth, Moderator der Podiumsdiskussion, das Publikum auf das Thema ein. Trotz des spannenden Themas hatten aber nur wenige den Weg ins Bürgerhaus gefunden.

Neben kreativen Bildungswegen, über die die Gäste Stefan Burgel und Christian Kreisel berichten, nehmen auch die Themen Schule und Bildung viel Raum ein. Aus diesem Grund vervollständigen die Logotherapeutin Birgit Steinhäußer und Bernd Saur, Vorstand des Philologenverbandes Baden-Württemberg und seit über 30 Jahren als Lehrer tätig, die Diskussionsrunde. Gesprochen wird über Leistungsdruck, Helikopter-Eltern, zu viel oder zu wenig Förderung der Kinder und was einen guten Lehrer ausmacht. Darüber steht die Frage, ob kreative Bildungswege gewünscht sind oder nicht.

Der Werdegang von Stefan Burgel ist ein Beispiel für einen solchen Bildungsweg. Nach seinem Realschulabschluss begann er eine Ausbildung zum chemisch-technischen Assistenten, die er allerdings abbrach. Dann absolvierte er eine Ausbildung im elterlichen Betrieb. „Ich wusste lange nicht, in welche Richtung ich gehen wollte, und habe mich treiben lassen“, erzählt er. „Andere haben mir die Entscheidung abgenommen, welcher Beruf zu mir passt.“ Burgel kam dann zum Glauben und machte eine Ausbildung zum Erzieher und Jugenddiakon. Nun arbeitet er in Berlin mit Kindern aus Hartz-IV-Familien und hat den Verein „Überlebenskünstler“ ins Leben gerufen, der sich um Kinder kümmert, die auf der Straße leben.

„Versuchen, scheitern, aufstehen. Und noch mal versuchen“, fasst er seinen Weg zusammen und rät auch anderen dazu. Das bestätigt Birgit Steinhäußer. Sie berichtet von einer Abiturientin, die bei dem großen Angebot an Studienfächern nicht weiß, was sie machen soll. „Ich habe ihr geraten, einfach etwas zu versuchen, und wenn es nicht das Richtige ist, etwas anderes auszuprobieren.“

Auch der Weg des angehenden Arztes Christian Kreisel führte nicht auf dem direkten Weg zum Ziel. Nach der Hauptschule machte er seinen Realschulabschluss, da er Physiotherapeut werden wollte. Bevor er diese Ausbildung allerdings absolvierte, arbeitete er in vielen anderen Jobs. Danach machte er das Abitur und studierte Medizin.

„Die Bedeutsamkeit der Schule hat gefehlt. Ich habe keinen Sinn in dem gesehen, was ich da getan habe“, erläutert er. Und auch die Pädagogen kritisiert er: „Ich habe das Gefühl, dass immer weniger Lehrer Vorbilder sein wollen. Aber gerade das ist wichtig.“

Bernd Saur sieht es ähnlich. „Fundus und Funke“ seien wichtig: „Kinder gehen gern zur Schule, wenn die Lehrer gut sind. Ein guter Lehrer hat eine Ausstrahlung, die in den Kindern einen Funken weckt.“ Gleichzeitig ist er aber auch dafür, Jugendlichen, die nicht lernen können oder wollen, einen alternativen Weg zu bieten und sie anderweitig mit Arbeit zu versorgen. Diese würden vielleicht später einen Abschluss machen.

Auch das Publikum bringt sich mit interessanten Beiträgen immer wieder in die Diskussion mit ein. Nachdem Burgel berichtet, wie schlecht das Verhältnis zwischen Kindern und Eltern in einigen Familien ist, schaltet sich eine Zuhörerin ein: „Das Wichtigste sind Beziehungen und eine Aufgabe. Ich habe im Haushalt geholfen und gewusst, dass ich etwas wert bin und wir uns gegenseitig brauchen. Das fehlt diesen Kindern.“ Auch um die Rolle der Wirtschaft geht es. Ein Zuhörer berichtet von einem Interview über die Bildungspläne von Vorständen großer Konzerne: „Das sind Pläne, die die Jugend zu stromlinienförmigen Konsumenten für die Zukunft machen.“ Musische Bildung spiele kaum noch eine Rolle. Das bemängelt auch eine andere Zuhörerin. Es gebe kaum noch Leute, die selbst denken und den Mund aufmachen, sagt sie: „Wir sind ein Volk von Schafen geworden. Wir sollten schauen, was unsere Gesellschaft zusammenhält, und unseren Kindern das vorleben.“