Vom Rollator zum Rennsteig

Bernhard Fritscher (57) kämpft sich nach einer Hirnblutung wieder zurück ins Leben und absolviert den Supermarathon

Überglücklich, dass er wieder in der Lage ist, wie Joachim Abele (rechts) den Rennsteig-Supermarathon zu laufen: Bernhard Fritscher, der noch vor zwei Jahren nur am Rollator gehen konnte.

Von Matthias Nothstein

Vor zwei Jahren. Bernhard Fritscher kann nur mithilfe eines Rollators gehen. Jeder Schritt fällt schwer. Kein Wunder, ist der 55-Jährige doch erst drei Wochen zuvor dem Tod von der Schippe gesprungen. Hirnblutung, Operation, dauerhafter Schwindel, kein Gleichgewichtssinn.

Vor zwei Tagen. Bernhard Fritscher läuft beim Rennsteig-Supermarathon ins Ziel. Nach 72,7 Kilometern samt 2400 Höhenmetern und über acht Stunden mit einem Puls um 150 hat er ein Lächeln im Gesicht. „Meine Devise lautete: ankommen. Und das habe ich geschafft.“

Fritscher erinnert sich noch ganz genau an den Tag, an dem er morgens im Bett erwachte und die ganze Welt sich drehte. Der Hausarzt diagnostiziert eine bakterielle Entzündung. Der Kriminalhauptkommissar leidet unter ständigem Schwindel und Übelkeit, kann nichts essen und muss sich dauernd übergeben.

Als nach zwei Tagen die Probleme nicht besser werden, wählt Fritschers Frau den Notruf. Obwohl der Patient nur auf der anderen Straßenseite des Backnanger Kreiskrankenhauses wohnt, wird er mit dem Rettungswagen in die Notaufnahme gebracht. Minuten später liegt der MRT-Befund vor: Kavernom, eine lebensgefährliche Einblutung ins Kleinhirn. Der Patient wird sofort nach Ludwigsburg verlegt. Der Fahrer des Rettungswagens zieht alle Register der Sondersignale. Nach 18 Minuten trifft der Notfallpatient im Klinikum ein.

Am 2. Mai 2014 wird Fritscher mehrere Stunden lang operiert. Die Gefäßmissbildung, die zur Einblutung geführt hat, kann beseitigt werden, hat aber zu einer Schwellung des Gehirns geführt. Folge: extremer Schwindel. „Egal, ob ich lag, saß oder stand – alles hat sich gedreht.“

Der Patient wird liegend zur Reha in die Schmieder-Kliniken nach Gailingen am Bodensee verlegt. Er ist am Boden zerstört und ein voller Pflegefall. Beim Essen sackt er regelmäßig zusammen und schläft ein. Alles ist ihm zu viel. Eine Psychologin betreut ihn. Gehen kann er nur am Rollator. Nach drei Wochen probiert er erstmals das Gehen an Stöcken. Es geht langsam aufwärts. Mitte Juni fragt die Physiotherapeutin, ob er gerne mal wieder joggen würde. Ohne Stöcke. Für den einst ambitionierten Läufer ein Traum. „Ich würde gerne, aber ich trau mich nicht“, antwortet Fritscher. Noch sieht er Doppelbilder und trägt eine Augenklappe, damit er nicht verrückt wird. Aber die Therapeutin nimmt den früheren Sportler, der keinen Gleichgewichtssinn mehr hat, an die Hand. Trotz des extremen Augenzitterns dreht das ungleiche Paar die ersten Runden. Die Kämpfernatur hat den Kampf ihres Lebens gewonnen. Ein starkes Jahr später startet Fritscher beim Urmensch-Marathon in Steinheim an der Murr über 50 Kilometer. Und nun gar beim Rennsteig-Supermarathon.

Das Kavernom war nicht der erste Tiefschlag für Fritscher. Schon 2001 erlitt der damals 42-Jährige einen Hirninfarkt. In der Reha beschließt er, mit dem Rauchen aufzuhören. Aber anstatt täglich 60 Zigaretten zu qualmen, frönt er jetzt dem Essen. Innerhalb kurzer Zeit legt der gebürtige Backnanger 30 Kilogramm zu. In dem Jahr, in dem er seinen 50sten feiert, beschließt der 100-Kilo-Koloss, dass es so nicht weitergeht. Er stellt seine Ernährung radikal um, isst drei Monate lang nur Salat. „Davor habe ich in der Kantine beim Landeskriminalamt schon einmal zwei Leberkäs- oder zwei Schnitzelwecken zum Frühstück gegessen.“ Nachdem 20 Kilo von den Hüften sind, steigt Fritscher auf den Crosstrainer. Erst hält er nur 10 Minuten bei geringem Widerstand durch. Am Ende sind es 45 Minuten bei der schwierigsten Einstellung. Dann fängt er mit dem Laufen an. Erst vier Kilometer. Dann dreht er die Runde in seinem Wohngebiet zweimal. Dann dreimal. Und weil ihm das mit der Zeit zu blöd ist, wechselt er in den Plattenwald. Anfangs läuft der Beamte, der im Landeskriminalamt das Feld der Jugendkriminalität beackert, nur samstags und sonntags. Relativ schnell steigert er das Pensum und schnürt auch noch zweimal unter der Woche seine Laufschuhe.

Schnell stellen sich bei Volksläufen Erfolge ein. Den Silvesterlauf absolviert Fritscher in beachtlichen 42 Minuten. Seine Halbmarathon-Bestzeit liegt bei 1:32 Stunden. Er macht nun mindestens fünfmal pro Woche Sport. Für Ende Mai 2014 hat er seinen ersten Marathon geplant. In Luxemburg. Mitte April absolviert er sein Tempotraining und fühlt sich blendend. „Fünfmal 1000 Meter in 3:50 Minuten. Alles war perfekt.“ Drei Tage später tritt das Kavernom auf.

Aber das ist Vergangenheit. Der positiv denkende und ambitionierte Sportler hat heute viele Pläne. Zeit dafür hat er. Denn der passionierte Musiker, der seit Urzeiten im städtischen Blasorchester Klarinette, im Musikverein Sachsenweiler Saxofon und seit acht Jahren auch leidenschaftlich und täglich Dudelsack spielt, wird wegen seiner Krankheit im November vorläufig in Pension geschickt.

Ein Vorhaben ist, mit seinem Laufpartner Markus Kaumayer den Swiss-Alpin zu bestehen. Der Extremlauf mit den vielen Höhenmetern steht Ende Juni an. Und den Rennsteig-Supermarathon läuft er nächstes Jahr wieder, kündigt der Ausdauersportler am Tag nach dem Zieleinlauf an. „Meine Zeit von 8:24 Stunden ist nicht schlecht, speziell für einen Debütanten. Ich bin sehr zufrieden. Gleichzeitig ist es auch Ansporn, nächstes Jahr die 8-Stunden-Marke anzugreifen.“

Auszug aus der Ergebnisliste – Supermarathon (72,7 Kilometer): 209. (50. M 45) Michel Grimm (Backnang) 7:21:06 Stunden; 526. (135. M 45) Joachim Abele (Murrtal-Runners) 8:03:40; 709. (68. M 55) Bernhard Fritscher (LT Backnang) 8:24:51; 752. (159. M50) Manfred Küster (Bonaeck Runners) 8:28:12. – Marathon: 133. (17. M 40) Jürgen Maurer (LT Auenwald) 3:29:35.