Eisbären stürzten sich in die Fluten

78 kuriose Eigenbauten bei der 31. Juze-Murr-Regatta – Mords-Gaudi auf der fünf Kilometer langen Paddel-Parade bis Backnang

Pünktlich zwei Wochen nach dem Straßenfest: Über 200 mutige Freizeitfreibeuter stachen in Oppenweiler zur Juze-Murr-Regatta in See. Pardon: In den Fluss. 78 kuriose Selbstbauten kämpften sich die fünf Kilometer lange, über Untiefen, Engstellen und Stromschnellen führende, Seestraße zwischen Zell und Backnang die Murr abwärts.

Verlagerten das Aspacher Fleckafest kurzfristig auf die Murr: Meli, Katha, Benni, Philipp, Milde, Kevin und Lukas im Trachtenlook. Die „Aspach i mag di“- Besatzung war in Feierlaune. Fotos: A. Becher

Von Heidrun Gehrke

 

BACKNANG/OPPENWEILER. So etwas kann einem wohl nur beim Biertrinken einfallen: 34 leere Bierfässer haben Markus, Lars und Phil aus Schwäbisch Hall in Schwimmkörper verwandelt und darauf eine Holzkonstruktion gesetzt. „Mrs. Saufie“, so der Name des Wassergefährts, haben sie innerhalb von zwei Stunden zusammengebaut. „Das Trinken der Fässer hat deutlich länger gedauert“, sagen sie lachend. Das Boot hat noch keinen Tropfen Wasser gesehen, solides und nigelnagelneues Handwerk. Markus und Lars sind Schreiner, die sich heute erstmals als Bootskapitäne ausprobieren.

Auch das Aspacher Fleckafest wird kurzfristig auf die Murr verlagert: Um einen Holztisch herum sitzen die Insassen von „Aspach i mag di“. Die Hauptarbeit war neben dem Boot das Outfit. „Wochenlang“ hätten sie gesucht, bis sie alle einheitlich rot-weiß-karierte Sonnenbrillen, karierte Hemden und Trachtenhosen beisammen hatten, sagt Meli. Ihre Freunde Benni, Philipp, Milde, Kevin, Lukas und Katha sind in Feierlaune. Ob ihr neuer Trachtenlook trocken bleibt? „Das sehen wir dann, einen Probelauf gab’s nicht.“

Gebaut wurde das hölzerne Schiff nach dem „Bauchgefühl“, das Meli von ihrem Vater Armin hat. Denn er schipperte schon bei der Murr-Regatta mit, als sie noch ein Baby war. Inzwischen fährt Meli seit 13 Jahren selbst jedes Jahr, und der Papa kann es bis heute nicht ganz lassen. „Er coacht uns“, sagt die Clique im Chor. Er hat auch das Boot konstruiert, der Bau war aber Teamarbeit, sagt Papa Armin über die sauber gereinigten Heizöltanks, auf denen Tisch und Holzverkleidung und ein Sonnenschirm Platz haben. Vorne „brutzeln“ Hähnchen aus Plastik in der Sonne. „Zum Fleckafest gehören doch schließlich gebratene Geckele“, sagt Armin. Überlebt die Konstruktion die Wassertaufe, ist ihr eine rosige Zukunft als mobile Partyinsel auf dem Trockenen sicher. „Sie kommt künftig regelmäßig auf einen Anhänger, mit dem wir wohin fahren, um zusammenzusitzen und zu feiern.“

Die Sonne knallt vom Himmel, herrliches Sommerwetter begleitet den freakigen Umzug auf der Murr. Eher auf das Wetter der letzten Wochen eingestellt sind Henry Haußner und Werner Ufschlag, zwei Wiederholungstäter in Sachen Spaß-Bootsbau. Dieses Jahr stechen sie in weißen Eisbärenkostümen steckend als „Murrtal-Eisbärbrothers“ in See. „Wir verteidigen den Kreativpreis zum neunten Mal“, sagen sie berechtigt stolz. Zwei Wochen Bauzeit nach Feierabend stecken drin. Vier Surfbretter haben sie zersägt und mit Epoxidharz wieder zusammengenietet.

Yogamatten und Schwimmnudeln mussten auch daran glauben. Am Bug ragt ein auch bei der Hitze nicht schmelzender Eisberg hervor: Styropor, mit Küchenkrepp und Gipsschicht ummantelt und lackiert. Ein bisschen Show muss auch sein: In der Abschussrampe zünden sie ein paar Knaller. Wo Zuschauer stehen, fliegen auch Bonbons aus dem Eisbärenboot: Natürlich Gletschereis.

„Mad-Max“-Männer mit coolen Brillen zogen die Blicke auf sich

Seit elf Jahren sind Björn, zweimal Julian, Manuel und Marc aus Backnang, Weissach im Tal-Bruch und Unterweissach vom Team Fury bully mit dem Chassis eines alten VW-Busses unterwegs auf den Murrgestaden. Jedes Jahr erneuern sie ihren VW-Bus-Frachter und sie selbst erneuern ihr Motto und ihre Kleidung. Als „Mad-Max“-Männer mit rußgeschwärzten Gesichtern und coolen Brillen ziehen sie die Blicke auf sich. In ihrem alten Heizöltank fahren sie auch mächtig Technik über das Wasser spazieren: Ein Autoradio – wie es sich für einen VW-Bus gehört – plus Subwoofer, mit denen sie über die Murr wummern. Mit dem kleinsten Boot sticht Björn aus Heidelberg in See: Sein aufblasbarer Reifen trägt Blümchen und Grünzeug. Der Zwerg unter den Großfrachtern werde „wachsen“, verkündet er. Er will unterwegs einsammeln, was er auf dem Wasser findet. „Da kommt ein Biotop zusammen, ich hoffe, dass ich zum Schluss noch den Naturschutzgebietsstatus bekomme“, witzelt er.

Auch mit am Startpunkt in Zell: Sonnenblümle, Kugelwilli und Kubis Trimaran. „Natürlich wie bei der Murr-Regatta üblich hab‘ ich bis heute Mitternacht noch durchgearbeitet, bis alles fertig war“, sagt Ralf Kübler, der mit dem siebenjährigen Sohnemann Hannes losfährt. Piratenfahnen, Bierkisten, Sonnensegel und jede Menge Getränke fahren mit.

An praktischen nützlichen Komfort wurde auch gedacht. Insbesondere die Crew der „Fist of Burgstall“ legt Wert auf etwas Luxus. „Wir haben ein Qualitätssegel mit der Marke Burgstall“, zeigen sie augenzwinkernd auf ihren Sonnenschutz, für den der Baumeister einen alten Messestandstoff und Rohre verschafft habe. Sie seien fürs „Chi-chi“ verantwortlich gewesen. Ihre Konstruktion fährt außer mit Paddelantrieb auch mit „Windradantrieb“ – ein Kinderwindrad dreht sich wie ein Propeller im leichten warmen Sommerwind.

Und dafür gab es den Umweltpreis: Egentlich war das Motto „St. Pauli – Gegen Rechts“, doch dann sammelten Corinna Seybold, Lena Wunderlich und Frank Nothdurft auch dieses Jahr wieder jeglichen auffindbaren Müll in der Murr, den sie in einem Bootsanhänger durch ganz Backnang bis zum Juze transportierten. Gefunden hatte das Trio neben Pfandflaschen auch einen Einkaufswagen, ein Fahrrad, ein Verkehrsschild, sowie einen Motorradauspuff. Das (traurige) Ergebnis: Über 250 Kilogramm Müll.

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