Fliegende Hörner im Plüschgewand

Rauminstallationen, Malerei und Objekte von Rosemarie Beißer in der Barockscheune in Oberschöntal

Sind Rosemarie Beißers Arbeiten dadaistisch, minimalistisch oder politisch? Oder enthalten sie von allem etwas? Jedenfalls sperren sie sich dagegen, in eine Schublade gesteckt zu werden, und eröffnen dem Betrachter dadurch die Möglichkeit, sie in seinen ganz persönlichen Kontext zu stellen. Ihr gemeinsamer Nenner ist der Dialog der Exponate mit der markanten Architektur der Fachwerkscheune.

Sabine Kutter betreibt zusammen mit ihrem Mann die Barockscheune und ist begeistert von der Ausstellung. Foto: A. Becher

Von Annette Hohnerlein

BACKNANG/OBERSCHÖNTAL. „Fliegende Ochsen“: Schon im Titel der Ausstellung ist das Prinzip des Absurden formuliert, das in vielen Exponaten zu finden ist. Die Vorstellung, eines der bulligen Tiere könnte vom Boden abheben und sich in die Luft schwingen, mutet bizarr an. Und bizarr ist auch das Objekt selbst: übergroße Hörner, die Beißer mit unterschiedlich gemustertem Plüsch überzogen hat und paarweise im Raum schweben lässt.

Eine weitere Kuriosität: Die Hörner sind nicht nur – passenderweise – in Rinderfell, sondern auch in Tiger-, Leoparden- und Zebrafell gehüllt. Ist dies ein Hinweis? Worauf? Der Betrachter darf sich anregen und von seinen Gedanken weitertragen lassen. Ein von Rosemarie Beißer durchaus gewollter Effekt.

Das Objekt „Glückshafen vis à vis“ ist ein Spiel mit Extremen. Zwei Metallkästen hängen nebeneinander an der Wand. Im ersten eine rostige Maschinenpistole mit einem bedrohlichen roten Blinklicht. Im zweiten kleine Schätze aus einer heilen Kinderwelt: ein Teddy, Plastiktiere, kleine Pilze, Blumen. Stehen sie für die Gegensatzpaare Krieg – Frieden, Aggression – Idylle? Ist die Arbeit ein politisches Statement?

Eine besonders spannende und herausfordernde Aufgabe für einen Künstler ist eine Rauminstallation. „Man kann Überraschungen erleben oder auch mal einen Niedergang“ erzählt Beißer. Ihre Installation mit dem Titel „Hülsen“ füllt den hohen Raum der Scheune mit einer Serie von Objekten aus hellem Stoff, geformt wie seitlich aufgeschnittene Getreidesäcke. Sind sie ihres früheren Inhaltes beraubt? Oder in Erwartung eines neuen? Auf jeden Fall ein Werk mit direktem Verweis auf die ehemalige Nutzung des Gebäudes, das durch seine minimalistische Schlichtheit und seine Raumwirkung fasziniert. „Es ist spannend, wie unsere Scheune sich verwandelt“, sagt Sabine Kutter, die mit ihrem Mann Dietmar zusammen die Galerie Barockscheune betreibt. Das Ehepaar freut sich über die intensive Zusammenarbeit mit Künstlern während der Planungs- und Entstehungsphase einer Rauminstallation.

Im Zwischengeschoss hat Rosemarie Beißer eine Arbeit platziert, die dadaistische Züge trägt. Auf einer kleinen hölzernen Bank liegt ein Kissen, unter dem vier Paare von Kinderbeinchen hervorschauen. Ohne die dazugehörigen Körper baumeln sie in der Luft und lassen den Betrachter ratlos zurück. Was ist da passiert? Wieder treibt die Künstlerin mit dem Betrachter ein Spiel mit unheimlichen Verweisen und rätselhaften Zusammenhängen.

Und das Spiel geht weiter. Ein Duo aus fast ausschließlich in Schwarz-Weiß-Grau-Tönen gehaltenen Papierarbeiten entführt den Betrachter in eine versonnene Traumwelt von archaischen Formen, Fragmenten von Figuren und rätselhaften Zitaten. Der Titel: „Traumtänzer“.

Wer die steile Steintreppe in den Gewölbekeller der Scheune hinuntersteigt, trifft auf eine Installation mit Musik. In dem düsteren, kalten Raum hängen Dutzende von Schuh-Paaren an Fäden von der Decke herunter und schwingen sanft im Luftzug knapp über dem Boden. Damen-, Herren- und Kinderschuhe sind darunter. Dazu die Musik: ruhig, meditativ, ein Klangteppich in dunklen Tönen. Beim Blick auf den Titel „Musik für Fische“ drängt sich der Gedanke auf: Die Installation ist ein Mahnmal für die Tausenden im Mittelmeer ertrunkenen Flüchtlinge. Aber Beißer verweist auf das Jahr, in dem die Arbeit entstanden ist: 2006. Damals war das Thema Flüchtlinge noch nicht so präsent wie heute. „Ich wollte eine Arbeit über die Vergänglichkeit machen“, erklärt die Künstlerin, „Mit Schuhen von Menschen verschiedener Altersstufen. Es sind Schuhe meiner eigenen Kinder dabei und Schuhe von Menschen, die schon gestorben sind. Damit möchte ich die Zeit spiegeln und visualisieren. Jetzt hat das Thema eine furchtbare Aktualität bekommen.“

Rosemarie Beißer, Jahrgang 1951, lebt in Kirchheim unter Teck und hat ihr Atelier in Wendlingen am Neckar. Nach einem Fachlehrerstudium und dem Studium der Malerei und Druckgrafik an der Freien Kunstakademie Nürtingen lehrte sie am Pädagogischen Fachseminar in Kirchheim unter Teck. Sie ist Mitglied im Bund Bildender Künstlerinnen Württembergs und in der Künstlergruppe „Artgerechte Haltung“ in Esslingen.

  Die Ausstellung in der Galerie Barockscheune, Lindauer Straße 48 in Backnang-Oberschöntal, ist samstags und sonntags von 16 bis 19 Uhr und nach Vereinbarung geöffnet. Am Sonntag, 31. Juli, findet ab 16 Uhr eine Finissage statt. Informationen gibt es unter www.galerie-barockscheune.de.