Olympionikin mit TSG-Vergangenheit

Leonie Kullmann, die heute mit der deutschen 4-x-200-Meter-Staffel in Rio im Einsatz ist, fing 2007 im Backnanger Hallenbad an

Vielleicht denkt Leonie Kullmann heute für den Bruchteil einer Sekunde an ihre Zeit in Backnang zurück, wenn sie auf dem Startblock im Schwimmstadion in Rio de Janeiro auf ihren Einsatz wartet. Im alten, längst abgerissenen Hallenbad legte sie den Grundstein für die Karriere, die mit der Olympiateilnahme ihren vorläufigen Höhepunkt erreicht. Mit der deutschen 4-x-200-Meter-Frauenstaffel träumt die 16-Jährige vom Finaleinzug.

Blickt ihrem Einsatz bei den Olympischen Spielen mit Respekt, aber auch mit großer Vorfreude entgegen: Leonie Kullmann.Foto: Imago

Von Steffen Grün

Durch den Beruf des Vaters kam die Familie bereits ziemlich herum. Von Berlin, wo Töchterchen Leonie am 26. August 1999 zur Welt kam, ging es für sechs Monate in die USA, ehe die Kullmanns 2001 ins Murrtal zogen. Sie blieben sieben Jahre und lebten von 2008 bis 2011 ein weiteres Mal in den Vereinigten Staaten, wo die viermalige Olympiasiegerin und elfmalige Weltmeisterin Melissa Franklin zum Vorbild der Nachwuchsschwimmerin wurde. Seit der Rückkehr nach Deutschland ist Dresden die neue Wahlheimat, doch Leonie Kullmann wechselte 2013 an ein Berliner Sportgymnasium und kommt nun in die 13. Klasse. Der Schritt in die Bundeshauptstadt hat sich längst als richtig erwiesen, denn bei der SG Neukölln formte sie Trainer Alexander Römisch zu einem der hoffnungsvollsten deutschen Talente.

Im Vergleich zur Spree- ist die Murr-Metropole nur ein Dorf, doch Backnang hat trotzdem einen festen Platz im Herzen der Schwimmerin. Das mittlerweile abgerissene Hallenbad in der Annonay-Straße war zwar „rückblickend ganz schön klein, da bin ich mittlerweile viel größere Hallengewöhnt, aber ich kann mich gut daran erinnern“, verrät Leonie Kullmann und geht in die Details: „Ich sehe noch das Wasser, die Decke und die Fensterscheiben mit den aufgeklebten Vögeln vor mir.“ Auch Susanne Dombos, die sich als damalige Trainerin der Delphin-Gruppe der TSG Backnang um die Anfänger kümmerte, ist der heutigen Olympiastarterin im Gedächtnis geblieben: „Ich habe beim Brustschwimmen immer eine Schere gemacht. Deshalb hat sie mir einen Gummi um die Knie gebunden, damit die Beine auf gleicher Höhe bleiben.“ Man habe nicht die Länge, sondern die Breite des Beckens genutzt, „dennoch war ich immer schon ganz schön kaputt, als ich anschlagen wollte. Dann hat eine Trainingskameradin ein Bein ausgestreckt und mich bis an die Wand gezogen, damit ich es auch geschafft habe“.

Für Susanne Dombos, die sich um viele Anfänger kümmerte und noch heute für die TSG am Beckenrand steht, war Kullmann in der kurzen Zeit unter ihren Fittichen „eine trainingsfleißige Anfängerin“. Ein Attribut, das spätere Stars von Sternchen unterscheidet. „Das Kraulschwimmen hat damals schon gut geklappt“, deutet Dombos an, dass es kein Zufall ist, dass ihr Ex-Schützling vor allem die Freistilstrecken liebt. In dieser Disziplin holte die 16-Jährige bereits Einzel- und Teammedaillen bei Junioren-Europameisterschaften und wurde über 200 Meter Dritte bei den diesjährigen nationalen Titelkämpfen.

Der Sieg bei den German Open

bedeutete das Olympia-Ticket

Bei den German Open setzte sie über dieselbe Distanz noch einen drauf, schlug in persönlicher Bestzeit von 1:58,62 Minuten als Erste an und löste damit neben Annika Bruhn, Paulina Schmiedel und Sarah Köhler das Olympia-Ticket für die Staffel. „Es war überwältigend, als ich von der Olympia-Nominierung erfahren habe“, sagt Leonie Kullmann. Weil sie aber bereits seit 2014 zum Perspektivteam des Deutschen Schwimmverbandes (DSV) gehört, „war es auch keine komplette Überraschung für mich. Ich war schon ein bisschen darauf vorbereitet, auch mental, aber ich habe mich trotzdem riesig gefreut“.

Seit Mitte Juli bereiteten sich die DSV-Athleten in Florianópolis, der Hauptstadt des brasilianischen Bundesstaates Santa Catarina, auf die Spiele vor. Am vergangenen Samstag folgte der Umzug ins Olympische Dorf in Rio. Dessen Dimensionen beeindrucken die Ex-Backnangerin, „alleine das Essenszelt ist riesig. Was man da für eine Auswahl hat …“ Ab morgen darf Leonie Kullmann kräftiger zulangen, bis dahin steht der Sport im Vordergrund. Heute Abend bestreitet die deutsche Staffel zunächst den Vorlauf, ein etwaiges Finale der Top Acht stünde in der Nacht auf Donnerstag auf dem Plan (siehe Info).

Für Ex-Trainerin Susanne Dombos ist es „echt der Hammer“, dass Kullmann dabei ist, „das freut mich für sie. Ich schaue sicher am Fernseher zu, wenn sie ins Finale kommen, stelle ich mir auch den Wecker“. So weit wollen die Wahl-Berlinerin und ihre Kolleginnen noch nicht denken: „Das Finale wäre eine Riesensache, aber die anderen Nationen sind echt stark. Wir können nur unser Bestes geben – wenn es dann nicht reicht, reicht es halt nicht.“ Die Erfahrungen nimmt ihnen keiner, vielleicht tritt Kullmann dann 2020 in Tokio in die Fußstapfen von Melissa Franklin.