Abbremsen, hupen, Fernlicht aus

Hunderte von Wildunfällen pro Jahr im Rems-Murr-Kreis – Schnellere Bearbeitung ist jetzt möglich

Zwischen 450 und 650 Wildunfälle pro Jahr werden im Rems-Murr-Kreis beim Forstamt aktenkundig. Um die Bürokratie, die mit jedem dieser Unfälle einhergeht, künftig effizienter abwickeln zu können, setzt man im Kreis auf eine gemeinsame digitale Strategie zwischen Landkreis und Polizei.

Hoher Blutzoll: 215 Rehe kamen im letzten Jagdjahr allein im Altkreis Backnang unter die Räder. Foto: Imago

Von Peter Wark

BACKNANG. Die Brunftzeit (in der Jägersprache „Blattzeit“) ist vorbei. Der Herbst ist dennoch eine Hoch-Zeit der Wildunfälle. Fallobst zieht die Tiere geradezu magisch an die Straßenränder, wie Pressesprecher Reiner Eblen von der Kreisjägervereinigung Backnang sagt. Nicht ohne Gefahr für Wild und Autofahrer sind allerdings auch die Wintermonate. Das Salz auf den Straßen wirkt auf viele Wildtiere allzu verlockend.

Die Wildunfall-Statistik des Deutschen Jagdverbandes weist für das Jagdjahr 2013/2014 bundesweit 250000 Verkehrsunfälle mit Wildtieren aus. 3000 Verkehrsteilnehmer wurden bei Wildunfällen verletzt, 27 Todesfälle im Straßenverkehr werden direkt Wildunfällen zugerechnet. 230000 angefahrene oder überfahrene Tiere verloren ihr Leben.

Der Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV) hat in einem mehrjährigen Projekt mehr als 5000 Unfälle untersucht. Demnach passieren die meisten Wildunfälle morgens zwischen 5 und 8 Uhr sowie abends zwischen 17 Uhr und Mitternacht.

Vorwiegend Rehe

kommen unter die Räder

Bei der Wildforschungsstelle am Landwirtschaftlichen Zentrum in Aulendorf (Landkreis Ravensburg) laufen die Daten aus Privatjagd und staatlicher Jagd zusammen. Hier weist man für das Jagdjahr 2014/15 im Rems-Murr-Kreis 473 Rehe und 60 Wildschweine aus, die Opfer des Straßenverkehrs wurden.

Das deckt sich mit den Zahlen, die die Forstverwaltung für den Rems-Murr-Kreis nennt. 450 bis 650 Unfälle pro Jahr werden aktenkundig. Die können aber keinen Anspruch auf Vollständigkeit erheben. „Manche Unfälle bekommen wir gar nicht mit“, räumt der Leiter des Kreisjagdamtes, Tobias Horwath, ein. Kreisjägermeister Werner Stark kann die Zahlen noch für den Altkreis Backnang differenzieren und hat sogar aktuelles Zahlenmaterial aus dem aktuellen Jagdjahr. Demnach wurden hier 215 Rehe und 31 Stück Schwarzwild überfahren, dazu kommen 138 Hasen und Füchse.

Die allermeisten der Unfälle betreffen Rehe, zahlenmäßig gefolgt von Wildschweinen. Immer wieder kommen aber auch Füchse unter die Räder. Die Jäger sprechen von „Fallwild“. Die Bearbeitung von Wildunfällen ist für das Landratsamt und die Polizei bisweilen aufwendig. Das soll sich jetzt mit einer neuen EDV-gestützten Lösung ändern. Bisher hatte die Polizei, wenn sie einen Wildunfall aufnehmen musste, oft Probleme, die zuständigen Jagdpächter zu erreichen. Veraltete Listen und Jagdbereichskarten zogen dann nervige Folgeermittlungen nach sich, bis man endlich den Jäger verständigen konnte.

Das soll sich nach Angaben des Waiblinger Landratsamts bessern. Im zentralen Geoinformationssystem des Landkreises werden nun die grafischen Abgrenzungen der einzelnen Reviere und die Information über den Pächter und die zu benachrichtigenden Personen erfasst. Die Daten werden vom Einsatzleitsystem der Polizei übernommen. Damit können die Mitarbeiter der Notrufzentrale bei einem Wildunfall sofort die entsprechenden Informationen einsehen und an die Beamten vor Ort übermitteln.

Bei Blau sehen Rehe rot: Für Wildtiere ist Blau eine Warnfarbe. Mit einigem Erfolg testet man auch im Rems-Murr-Kreis leuchtstarke blaue Reflektoren. Die sind mit mikroprismatischen Reflexfolien ausgestattet. Das vom Auto ausgestrahlte Licht wird längs des Straßenrandes zurückgeworfen – so entsteht aus Sicht des Wildes ein Lichtzaun. . Die Auswertung von Fragebogen aus Revieren, in denen die Reflektoren seit einem Jahr und länger montiert sind, deuten darauf hin, dass die Schutzmaßnahmen wirken. Bislang zahlen die Jäger für die Wildschutz-Reflektoren. Fünf Euro kostet das Stück, rechnet Reiner Eblen vor. Aus Sicht des KJV-Pressemannes sollten sich Landkreise und Kommunen beteiligen, auch die Tierschutzverbände und die Versicherungswirtschaft würde er hier gerne mit im Boot sehen.

Wildunfälle sind ein erheblicher finanzieller Faktor. Die Versicherungswirtschaft spricht von einem Schaden durch Wildunfälle von über 550 Millionen Euro pro Jahr in Deutschland. Damit es gar nicht erst zum Crash kommt, geben die Versicherer Tipps, wie man sich als Autofahrer verhalten soll, wenn man Wildtieren am Straßenrand begegnet; Abbremsen und das Tier durch Hupen verscheuchen. Zudem sollte das Fernlicht ausgeschaltet werden, da blendendes Licht die Orientierung des Wildes beeinträchtigt, sodass es beim Fluchtversuch schlimmstenfalls auf die Lichtquelle zurennt.

Wenn es doch gekracht hat, dann geht manchmal der Ärger erst so richtig los. Eigentlich deckt die Teilkasko Schäden bei Wildunfällen ab. Wird nach einem Wildunfall das verletzte oder getötete Tier aufgefunden und sind eindeutige Spuren am Fahrzeug erkennbar, muss die Versicherung löhnen.

Bei der Schadensregulierung

lauern Fallstricke

Nicht selten kommt es aber bei der Schadensregulierung zu Problemen. Weicht ein Verkehrsteilnehmer einem Wildtier aus und kracht gegen einen Baum, liegt die Beweislast bei ihm. Wohl dem, der glaubwürdige Zeugenaussagen hat. Ist die Versicherung der Meinung, der Autofahrer sei zu schnell unterwegs gewesen oder der Unfall wäre bei ordnungsgemäßer Fahrweise nicht passiert, dann kann sie die Zahlung verweigern.

Wer kleinen Wildtieren wie Dachs oder Marder ausweicht und danach im Graben landet, der hat Pech gehabt. Einem Urteil des Frankfurter Oberlandesgerichts zufolge ist ein Ausweichmanöver hier nicht gerechtfertigt, da bei einer Kollision kein nennenswerter Schaden am Auto zu erwarten sei.