Leben in der WG mit eigener Haustür

Volkshochschule und Stadtplanungsamt informierten über eine Wohnform, in der Senioren und junge Familien zusammen leben

„Neue Wohnformen – generationenübergreifend“ war der Titel einer Veranstaltung in der Volkshochschule Backnang. Drei Referenten informierten die Besucher über diese Form des Wohnens, die aufgrund der zunehmenden Vereinsamung älterer Menschen und der fehlenden Unterstützung für junge Familien eine Alternative sein kann.

Stieß auf lebhaftes Interesse: Informationsveranstaltung in der Volkshochschule zu neuen Wohnformen. Foto: privat

Von Annette Hohnerlein

BACKNANG. Die Veranstaltung in der Volkshochschule könnte der Anfang einer Entwicklung sein, an deren Ende möglicherweise eine neue Wohnform in Backnang steht. Eine Wohnform, die die Vielfalt der Gesellschaft widerspiegelt und in der, ähnlich wie in einer Dorfgemeinschaft, Junge und Alte, Familien, Paare und Singles in einer Wohnanlage zusammen leben. Dass die Idee auf Interesse stößt, davon zeugten die rund 70 Besucher der Veranstaltung. Die Anregung zu dem Thema kam von VHS-Kursbesuchern, berichtete Monika Eckert, Leiterin der Volkshochschule. Mit der Frage „Ist so etwas in Backnang möglich?“ wandte sie sich an das Stadtplanungsamt und „rannte offene Türen ein“.

Backnangs Erster Bürgermeister Michael Balzer, der den Abend moderierte, zitierte eine Umfrage, in der 32 Prozent der Befragten angegeben hatten, in einer Mehrgenerationeneinrichtung wohnen zu wollen. Dr. Ulrike Scherzer, Architektin und Expertin für Wohnen in jedem Alter, nannte den Wunsch nach mehr Nachbarschaft und weniger Anonymität als Grund, warum vor allem Senioren und junge Familien aktiv werden.

Die Formen von generationenübergreifendem Wohnen seien vielfältig: Es gebe Mieter- und Eigentümerprojekte, Initiativen von Bewohnern („von unten“) oder Bauträgerprojekte („von oben“); es gebe die Form einer Siedlung, eines Hauses oder auch einer Etage und Größenordnungen von 6 bis 60 Wohnungen. Anhand von drei Beispielen in Böblingen, Esslingen und Karlsruhe nannte sie Kriterien, die für das Gelingen eines solchen Projektes wichtig sind: Priorität der Interessen der Nutzer, eine gute Vernetzung im Quartier, Gemeinschaftsräume als Herzstück der Anlage, die Begleitung durch einen Sozialarbeiter, eine Definition von Zielen im Zusammenleben, aber auch die Möglichkeit zur Individualität, „keine soziale Zwangsbeglückung“.

Anschließend kam Hans-Martin Tramer zu Wort, Mitinitiator und Bewohner des Mühlbachhauses in Schorndorf. Diese Wohnanlage wurde ab 2002 von einem fünfköpfigen Team unter dem Motto „WG mit eigener Haustür, generationenübergreifend und einkommensgemischt“ geplant. Mit im Boot war die Stuttgarter Wohngenossenschaft pro..., die Erfahrung im generationenübergreifenden Wohnen einbrachte. Seit 2007 leben im Mühlbachhaus rund 65 Menschen in 30 Wohnungen. Neben Senioren und jungen Familien sind dort auch Alleinerziehende, Migranten und Menschen mit Behinderung vertreten. Man wollte verhindern, dass aus dem Projekt eine Altersresidenz für Besserverdienende wird. Daher wurden neben Eigentums- auch Mietwohnungen gebaut, um einkommensschwächere Personenkreise anzusprechen. Sechs Teams von ehrenamtlich tätigen Bewohnern kümmern sich um die gemeinschaftlichen Aufgaben von der Pflege der Grünanlagen über die Technik und die Hausverwaltung bis zum Betreiben einer Cafeteria. Wichtige Faktoren für das Gelingen des Projekts waren die Unterstützung durch die Kommune und die positive Darstellung in der Öffentlichkeit.

Mit dem Beitrag von Stefan Setzer, dem Leiter des Backnanger Stadtplanungsamtes, wurde es dann konkret. Er zeigte anhand von Luftbildern auf, welche Entwicklungsflächen für Wohnbau im Stadtgebiet von Backnang für ein derartiges Projekt infrage kämen. Neben Gebieten beim ehemaligen Gelände der Firma Feucht, dem ehemaligen Postareal, der Gartenstraße/Obere Walke, der unteren Marktstraße und einer freien Fläche an der Aspacher Straße würde sich das frei werdende Gelände des Krankenhauses besonders eignen. Im Bebauungsplan ist eine zwei- bis dreigeschossige Bauweise vorgesehen. Geplant sind 20 bis 30 barrierefreie Wohneinheiten, um einen Innenhof herum gruppiert, mit zentralem Quartiershaus, Geburtshaus, Kinderbetreuung und Tageselternhaus. Ebenfalls von Vorteil: die unmittelbare Nähe zum Gesundheitszentrum.

In der Diskussionsrunde zum Ende der Veranstaltung fragten die Zuhörer unter anderem nach der Finanzierung eines solchen Projekts und nach der Unterstützung durch die Stadt Backnang. Diese könnte laut Stefan Setzer in der Bereitstellung von Räumen, der Moderation von Besprechungen und der Beratung in baurechtlicher und energietechnischer Hinsicht bestehen. Michael Balzer kündigte an, seitens der Stadt einen runden Tisch zu initiieren. Stefan Setzer wagte die Prognose: Mitte 2015 oder 2016 könnten auf dem Krankenhausareal Kräne stehen.

Interessenten für ein generationenübergreifendes Wohnprojekt in Backnang können sich unter der Telefonnummer 07191/894-263 oder per E-Mail an stadtplanungsamt@backnang.de registrieren lassen und werden über weitere Veranstaltungen informiert.