Singen mit Hingabe über drei Oktaven hinweg

Dianne Reeves, die First Lady des Jazz, wird bei ihrem Auftritt im Backnanger Bürgerhaus stürmisch gefeiert

Die Jazzsaison im Bürgerhaus erreichte wohl mit dem Auftritt von Dianne Reeves dieses Jahr ihren Höhepunkt. Reeves – eine Jazzerin mit Weltruhm – eroberte das Publikum im Sturm. Stimmgewalt und Leichtigkeit, Basstöne und Scatgesang, Menschlichkeit und Jazz vom Feinsten, all dies bot die „Grande Dame des Jazz“ beim Konzert in Backnang.

Stellt ihr Album „Beautiful Life“ vor: Dianne Reeves im Bürgerhaus.Foto: E. Layher

Von Sabine Kaesser

BACKNANG. Atemberaubende Stille, zarte Töne und gewaltige Basstöne, die Gänsehaut zaubern, all dies vereint in einem Konzert. Wen wundert es, dass die Künstlerin mit Auszeichnungen geradezu überhäuft wurde. Für das Album „Beautiful Life“ erhielt sie den Grammy für das beste Jazz Vocal Album 2015. Zuvor gelang ihr dies bereits für drei aufeinanderfolgende Alben.

Lächelnd intoniert Reeves Blues,
R-’n’-B-Stile und Jazz, ergänzt um Latin- und afrikanische Elemente, nimmt die Zuhörer auf eine Reise rund um die Welt. Ihre Liebe zur Musik, ihre gekonnte Intonation, Tempiwechsel und Hingabe fesseln die Zuhörer. Eine Improvisation der Band über Georges Gershwins „Summertime“ als Entree überzeugte durch den Bass in den Händen von Reginald Veal. Er ist die verkörperte Hingabe für und mit seinem Instrument, eine Wucht. Reeves liebt es, das Vibrieren an den Füßen zu spüren, und ihr Platz auf der Bühne ist bewusst in der Nähe des Bassisten, verrät sie den Zuhörern. Filigran, leidenschaftlich und von Improvisationskraft auch Peter Martin am Piano. Ihre „rechte und linke Hand“ wie die Interpretin ihn vorstellt.

Es ist diese genussvolle Leidenschaft, dieses ungewöhnliche Talent und wohl die in die Wiege gelegte Musikalität der aus Detroit stammenden Musikerin, die diese so einzigartig macht. „One for my Baby“ aus der Feder von Harold Arlen erfährt auch durch ihre Interpretation einen unvergleichlichen Schmelz. Die Stimme, die ganze drei Oktaven umfasst, der ganze Mensch scheint ein Instrument zu sein.

Mit Gregory Porter, Robert Glasper, Lalah Hathaway und Esperanza Spalding ist Reeves auf ihrem neuen Album zu hören. Ihr großes Vorbild ist und bleibt Sarah Vaughan. Sie tourte bereits mit Sergio Mendes und Harry Belafonte.

Ihre Seelenverwandtschaft mit dem großartigen brasilianischen Gitarristen Romero Lubambo ist spürbar, und über ihn sagt sie, dass er ihr Bruder ist, nur von einer anderen Mutter: Es ist auch ihr Humor, den das Auditorium liebt.

Der Klangkörper wird ergänzt mit Terreon Gully, dem Drummer, in dem sie ein Talent, das „alles spielt, was du willst“ gefunden hat. Über all diesem Erfolg und dem Ruhm hat die große Reeves nicht aufgehört, mit ihrer Band und ihrem Publikum zu kommunizieren. Und sie ist überzeugt, dass es trotz der vielen schlechten Nachrichten, viele positive Menschen gibt. Sicherlich zählt auch sie dazu. Wer sonst würde wohl die Bühne als „playground“ bezeichnen und seinen Teppich „on stage“ mitbringen?

Das Publikum erklatscht sich vehement die Zugabe und die Sängerin kommt diesem Wunsch nach. Einfühlsam intoniert sie diese und barfuß, sanft und langsam gleitet sie von der Bühne, gerade so, als möchte sie die Klänge, das Erlebte noch lange nachhallen lassen. Doch für die Backnanger hat sie ein Versprechen gegeben. „If you ask me to come back, we will come back“. Wenn Ihr mich bittet, zurückzukommen, kommen wir zurück. Die Zugabe, gesungen ohne Mikrofon, zeigt einmal mehr die Stimmgewalt, die sie so bravourös und ungezwungen, mal piano, pianissimo und dann wieder so voll und fortissimo erklingen, ja vibrieren lässt. So kann ein Vokalist, ein der Musik verschriebener Mensch wohl nur agieren, wenn er oder sie zu den ganz Großen seines Fachs zählt.